Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wer abhängig ist, betrügt"

Ein Mann und eine Frau stehen zerstritten Rücken an Rücken.

Wer abhängig ist, betrügt

"Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht", heißt es. Für Partnerschaften dürfte das offenbar nicht gelten, wie eine Studie nahelegt. Finanziell abhängige Frauen und Männer gehen demnach eher fremd als gleich viel verdienende, das männliche Geschlecht scheint besonders unter der Abhängigkeit zu leiden.

Partnerschaft 01.06.2015

Für ihre Studie haben die Forscher um Christin L. Munsch von der University of Connecticut Langzeitdaten aus dem US-amerikanischen National Longitudinal Survey of Youth von 2001 bis 2011 ausgewertet. Erfasst wurden dabei 2.750 verheiratete Personen im Alter von 18 bis 32 Jahren. In einem durchschnittlichen Jahr liegt demnach die Chance, dass eine komplett von ihrem Mann abhängige Frau diesen betrügt, bei etwa fünf Prozent. Bei den komplett abhängigen Männern sind es sogar 15 Prozent.

Die Studie:

"Her Support, his Support: Money, Masculinity, and Marital Infidelity" von Christin L. Munsch et al. ist am 1. Juni 2015 in "American Sociological Review" erschienen.

Die Ergebnisse haben die Soziologin überrascht: "Man denkt, man würde doch nicht ausgerechnet denjenigen hintergehen, der einen versorgt. Aber offenbar ist es für die meisten Menschen nicht angenehm, von jemandem abhängig zu sein." Indem sie fremdgehen, versuchen manche anscheinend, diese unangenehme Lage zu kompensieren.

Das gilt laut Munsch besonders für das sogenannte starke Geschlecht: "Kulturell wird immer noch erwartet, dass der Mann die Familie ernährt. Tut er das nicht, sieht er vielleicht seine Männlichkeit bedroht. Durch eine außereheliche Affäre möchte er sie wiederherstellen." Außerdem können sie sich so von ihrer besserverdienenden Frau distanzieren, sie vielleicht sogar bestrafen.

Abweichungen ausgleichen

Während die Forscherin bei abhängigen Frauen und Männern recht ähnliche Verhaltensmuster fand, unterschieden sich die Geschlechter bei den Besserverdienenden deutlich: Je höher der Anteil der Frauen am Familieneinkommen war, desto weniger gingen sie fremd. Am treuesten waren sie dann, wenn sie 100 Prozent verdienten, also zur Alleinversorgerin wurden. "Frauen, die ihre Männer erhalten, widersprechen immer noch allen kulturellen Vorstellungen", so Munsch.

Schon aus früheren Untersuchungen wisse man, dass sich diese Frauen sehr wohl bewusst sind, wie sehr sie von der Norm abweichen. Das setze sie unter Druck, oft leiden sie unter Ängsten und Schlaflosigkeit. Und: Sie neigen zu - wie die Soziologen das nennen - neutralisierenden Verhaltensweisen: Sie schmälern ihr Leistungen, sind besonders nachgiebig in der Partnerschaft und erledigen möglichst viel Hausarbeit. "Diese emotionale und physische Arbeit soll die Unterschiede ausgleichen und den Partner in seiner Männlichkeit stärken", erklärt die Soziologin.

Bedrohte Männlichkeit

Bei den Männern sieht die Lage etwas anders aus. Am meisten betrügen die komplett Abhängigen. Ihr steigender Anteil am partnerschaftlichen Einkommen hat aber ebenfalls nur begrenzte Wirkung. D.h., sie werden zwar auch treuer, je mehr sie dazu beitragen. Bei 70 Prozent ist allerdings Schluss. Verdienen sie mehr als 70 Prozent, beginnen sie wieder deutlich häufiger fremdzugehen. "Diese Männer wissen, dass ihre Frauen komplett von ihnen abhängig sind, und denken vielleicht, dass sie diese ohnehin nicht verlassen werden, selbst wenn sie die Partnerinnen betrügen", so Munsch.

Dieses Muster entspricht laut der Forscherin wieder völlig den Erwartungen. Das kenne man aus den Medien: Berühmtheiten, Sportler und Politiker, die ihre von ihnen abhängigen Frauen hintergehen, landen regelmäßig in den Klatschspalten. Sie bekämen allerdings einfach nur mehr öffentliche Aufmerksamkeit, denn der Betrug sei am anderen Ende der Skala - bei den komplett abhängigen Männern - viel häufiger, nur interessiere das naturgemäß niemanden.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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