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Studentin in Pädagogischer Hochschule, von hinten, sitzend

"Heute schon gebeichtet?"

Die Reform des Hochschulsystems hat zu einer Ökonomisierung und Quantifizierung der Forschung geführt. Forscher müssen Drittmittel eintreiben, um ihre Stellen zu erhalten und werden regelmäßig evaluiert. Eine Soziologin thematisiert diese Entwicklungen in ihren künstlerischen Arbeiten und spinnt sie weiter - auf satirische Art und Weise.

Universitäten 24.06.2015

Porträt Laura Wiesböck

Laura Wiesböck

Laura Wiesböck ist wissenschaftliche Projektmitarbeiterin und Lektorin am Institut für Soziologie an der Universität Wien. Die künstlerischen Arbeiten ihres Projekts Das performierende Selbst im Hochschulsystem präsentierte sie im Rahmen der Wochen der soziologischen Nachwuchsforschung.

"Heute schon gebeichtet?", mit dieser Frage wurden die Besucher der 7. Woche der Soziologischen Nachwuchsforschung konfrontiert. Und auch gleich zur Beichte gebeten. Denn die Soziologin Laura Wiesböck interessiert sich für die Offenbarungen ihrer Kolleginnen und Kollegen. Mit interaktiven Installationen thematisiert sie die gängigen Praktiken im Hochschulsystem.

Am Ende des Abends findet man dann doch Erstaunliches in der schweren, schwarzen Holzkiste, die als Beichtstuhl dient: "Ich zitiere potenzielle Gutachter, bevor ich meine Artikel in Journals einreiche" kann man da lesen - oder: "Ich habe die spannenden Forschungsergebnisse weggelassen, damit der Artikel veröffentlich wird". Im Interview mit science.ORF.at erklärt sie die Hintergründe ihres speziellen Zugangs.

Im Rahmen der "Woche der soziologischen Nachwuchsforschung" haben Sie Ihr Kunstprojekt präsentiert. Welche Motivation steckt hinter dem Projekt?

Laura Wiesböck: Für mich war es wichtig, Normen innerhalb des Hochschulsystems aufzuzeigen. Soziologinnen und Soziologen analysieren gerne Normen in anderen sozialen Systemen. Mir war es wichtig, dass die Soziologie sich selbst mal beforscht und offenlegt, was für Praktiken im Umgang mit dem reformierten Hochschulsystem entstehen.

Bei einer Station haben Sie SoziologInnen und Studierende zur Beichte gebeten. Haben Sie die Offenbarungen schockiert oder waren Ihnen diese Praktiken bekannt?

Manche Praktiken von Studierenden waren mir bekannt, wie beispielsweise das Auffüllen von Literaturlisten. Gewisse Praktiken, etwa das Zitieren von potenziellen Gutachtern bei Journal-Publikationen, sind mir ebenfalls bekannt. Es wird ja an der Universität immer ein Ideal des wissenschaftlichen Arbeitens gelehrt. Die Praxis sieht häufig anders aus, auf Grund von Zeit- und Geldmangel.

Interessant war, dass Beichte nicht immer als eine Form von Selbstkritik verstanden wurde, sondern auch als Kritik an anderen Gruppen, aber auch an der eigenen Gruppe. Soziologen wurden beispielsweise als Schmarotzer bezeichnet. Was ich auch interessant fand, eine Person hat geschrieben, dass sie nichts mit Menschen zu tun haben möchte und froh ist, dass es quantitative Soziologie gibt. Aber auch, dass Lehrveranstaltungen zum Teil zu abstrakt und abgehoben sind.

Beichtstuhl für Forscher

Laura Wiesböck

Der Beichtstuhl für Forscher.

Ihr Projekt kritisiert auf satirische Art und Weise die gesteigerten Leistungsansprüche, die es an den Unis gibt. Ist die Bologna-Reform schuld an diesen Ansprüchen?

Ö1 Sendungshinweis:

Über ds Projekt von Laura Wiesböck berichtete auch "Wissen Aktuell" am 24. Juni 2015 um 13.55 Uhr.

Im Bologna-Prozess sind tatsächlich Bewertungskriterien aufgekommen, die im Forschungsalltag neue Hürden bilden. Beispielsweise wird man als Wissenschaftlerin stark nach quantitativen, bibliometrischen Kriterien beurteilt. Wie viele Journal-Publikationen hat man veröffentlicht, wie hoch ist deren sogenannter Impact-Faktor und wie oft wird man zitiert? Satirisch wird mein Projekt dadurch, dass ich behaupte, die Quantifizierung und Ökonomisierung sei noch nicht ausreichend weit fortgeschritten.

Sie sprechen auch von der kollektiven Anpassung an das System. Wie sieht diese aus?

Da es weniger Fördergelder und sonstige Mittel für die Sozialforschung gibt, sind immer mehr Personen an der Universität abhängig von Drittmitteln. Es ist wichtig geworden, sich selbst innerhalb des wissenschaftlichen Systems zu erhalten. Man muss also regelmäßig Projektanträge schreiben, um sich eine Stelle zu bewahren. Dafür ist es oft wiederum wichtig, gute Kontakte zu haben, auch internationale, etwa für Kooperationen. Diese versucht man auf internationalen Konferenzen zu etablieren und zu pflegen. Allgemein ist das soziale Kapital für die wissenschaftliche Karriere sehr wichtig.

Doch der Aufbau und die Pflege von sozialem Kapitals können anstrengend und mühsam sein. Um das "Networken" zu vereinfachen, hat Wiesböck Rhetorikstrategien erarbeitet, die aufzeigen, wie schematisch und phrasenhaft diese leistungsorientierte Form der Gesprächsführung sein kann. Will man beispielsweise beim Gegenüber aktiv zuhörend und sympathisch wirken, ohne dem Gesagten auch nur geringste Aufmerksamkeit zu schenken, kann man folgende Phrasen anwenden: "Spannend!", "Wirklich?", "Tatsächlich?". Will man das Gespräch abschließen, empfiehlt sich ein: "Bleiben wir diesbezüglich in Kontakt."

Dass nicht nur das soziale Kapital wichtig für eine Wissenschaftskarriere ist, sondern auch das ökonomische eine immer wichtigere Rolle an den Universitäten spielt, hat die Soziologin in einer weiteren Station angesprochen.

Einer Ihrer Stationen setzt sich auch satirisch mit der Kapitalisierung der Wissenschaft auseinander.

Die soziologische Nachwuchs-Forschungs-Woche dient ja auch dazu, dass Absolventen ihre Abschlussarbeiten vorstellen. Dafür habe ich eine neue Evaluations-Methode vorgestellt, bei der die Poster-Präsentationen der Absolventinnen quantitativ gemessen werden. Sie werden gemessen an der Redezeit, an Inhalt und Struktur des Vortrags, an Sprache und Gestik usw. Da gibt es ein vierstufiges Bewertungssystem. Und diese Bewertungen kann man dann käuflich erwerben.

Diese Evaluationsmethode hätte einige Vorteile: Die Studierenden würden zu Höchstleistungen motiviert, denn sie müssen sich genau überlegen, wie sie ihre Ergebnisse am besten "verkaufen"; für potenzielle Arbeitgeber bringt ein vorgegebenes Ranking eine Zeitersparnis bei der Personalauswahl; und die Uni könnte durch den Verkauf des Rankings Geld lukrieren. Die neue Methode würde zudem den internen Wettbewerb um die beste Betreuungskompetenz anheizen und infolgedessen der Uni zu einer besseren Position in internationalen Rankings verhelfen.

Kann man im Hochschulbetrieb mittlerweile alles in Zahlen fassen?

Generell ist das Qualitätswesen an den Universitäten schon sehr quantitativ ausgerichtet. Beispielsweise wird man anhand der Anzahl der Publikationen evaluiert, die man jährlich veröffentlicht. Der Publikationsoutput verweist aber nicht auf die Qualität der Arbeit, sondern auf die Produktivität des Forschers, der Forscherin. Oder wie viele Drittmittel hat man eingeworben? Für Antragsteller ist das ein zentraler Leistungs- und Erfolgsnachweis.

Ein anderes Kriterium ist der Impact-Factor der Journal-Publikationen. Dahinter steckt die Frage, was für einen möglichen Einfluss die Publikation haben könnte, wie oft sie gelesen und zitiert wird. Oder auch wie viele Zitationen man aufweist. Es gibt nun zum Beispiel Paper, die einen sehr hohen Zitationswert aufweisen, weil sie häufig als Negativ-Beispiel zitiert wurden. Der Zitationsindex bildet also nicht die Qualität des Beitrags ab, sondern die Aufmerksamkeit, die er bekommt. Diese kann wiederum auch auf der Vernetztheit des Autors bzw. der Autorin aufbauen.

Kann dieser Wettbewerb denn immer weitergehen? Immer mehr Drittmittel, mehr Publikationen, etc.?

Es könnte funktionieren, indem man auf privatwirtschaftliche Investoren zurückgreift. Die Konsequenz ist, dass damit immer bestimmte Interessen verbunden sind. Wird die Forschung immer stärker an den Interessen der Auftraggeber ausgerichtet, dann entwickeln sich die Wissensproduktion und auch die Zugänglichkeit zu Wissen, bald nur noch unter dem Primat finanzieller Verwertbarkeit. Es gibt ja bereits Tendenzen in diese Richtung.

Was macht diese Quantifizierung und Kapitalisierung mit der Soziologie?

Es entsteht eine Marktorientierung bei der Themenbearbeitung. Zum Beispiel Migration und Gender sind Themen, die sehr stark besetzt sind, auch mit Geldern. Ich finde das sehr wichtig und höchst relevant. Aber es gibt auch andere Forschungsbereiche, die gesellschaftlich und sozialpolitisch als nicht so relevant angesehen werden. Und dafür gibt es dann weniger Geld. Die Forschung orientiert sich notgedrungen am Marktinteresse. Grundlagenforschung oder sogenannte "Orchideenthemen" gehen dabei unter. Und das ist sehr kritisch zu sehen, da die Wissenschaft ja nicht nur zum reinen Auftragsbearbeiter werden sollte.

Wie sehen die derzeitigen Forschungsbedingungen aus?

Die Nachwuchsforschung ist stark von Unsicherheit betroffen. Einerseits auf Grund der befristeten Verträge und andererseits gibt es die Kettenvertrags-Regelung. Das bedeutet, man darf maximal sechs Jahre an der Universität beschäftigt sein, dann muss man international mobil werden oder pausieren. Eine Vertreterin der Universität sagte vergangenes Jahr in einem Interview in der Tageszeitung "DerStandard", dass Unsicherheit der Motor des Erfolgs der Wissenschaften sei. Denn Unsicherheit stachle zu Höchstleistungen an. Und mit jeder Höchstleistung gewinne man an Sicherheit dazu.

Dieses Thema habe ich auch aufgegriffen in meinen Arbeiten. Ich habe Zukunftsszenarien aufgezeigt, wie man diese Unsicherheit langfristig sicherstellen kann. Wie etwa durch Giftschlangen auf den Toiletten, Erdbebensimulationen in der Kaffee-Küche, bewaffnete Sicherheitstrupps, die unangekündigt ans Institut kommen, und auch durch Faustkämpfe zwischen den einzelnen Instituten innerhalb der Fakultät.

Muss man das Mittel der Satire wählen, wenn man als Wissenschaftlerin das "eigene System" kritisieren möchte?

Mir war es wichtig, dass die Arbeiten nicht aus einer moralischen Perspektive entstehen. Sondern dass ein verbindender Raum entsteht, der zeigt, dass viele auf die eine oder andere Weise mit der Ökonomisierung der Forschung Schwierigkeiten haben. Satire und Humor dienen dabei als Ventil.

Es gibt Personen, die seit Jahrzehnten an der Universität arbeiten und jetzt mit neuen Evaluationskriterien konfrontiert sind, mit denen sie aber nicht wissenschaftlich sozialisiert wurden. Diese Umorientierung kann für Einzelne ein ziemlicher Zusatzaufwand zur inhaltlichen Arbeit sein. Die neue Generation von Wissenschaftlern wächst mit diesen Kriterien auf. Das erleichtert den Umgang etwas, ändert aber nichts an der Problematik der quantitativen Outputorientierung.

WissenschaftlerInnen werden mit öffentlichen Geldern finanziert. Sind da Evaluierungen nicht vollkommen legitim?

Das ist richtig. Das sehe ich auch so. Aber was als Ergebnis und Erfolg der Wissenschaft gilt, was gemessen wird und wie die Kriterien angesetzt werden, das ist eine andere Sache. Die rein quantitative Messung macht wenig Sinn. Qualität kann man wohl kaum daran messen, wie viele Artikel veröffentlicht werden, wie oft die Autoren voneinander zitieren und wie viel Impact-Factor ein Fachmagazin hat. Man kann die Qualität einer Partnerschaft auch nicht anhand der Anzahl der Telefonanrufe messen. Natürlich geht es da wieder um Zeitressourcen: Qualität und wissenschaftlichen Neugehalt zu bewerten, ist aufwändig. Abzählen ist dagegen einfach und rationell, aber wenig aussagekräftig. Das wollte ich satirisch zugespitzt aufzeigen.

Interview: Juliane Nagiller, Ö1 Wissenschaft

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