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Ein Bub und ein Mädchen schreiben in der Schule auf ihren Tischen

"Mann" schlägt "Migration"

Bildung gilt in Österreich als Erbpacht: Kinder von Akademikern werden tendenziell wieder Akademiker, Kinder von Arbeitern wieder Arbeiter. Es gibt laut einer neuen Studie aber eine Ausnahme: männliche Migranten. Sie sind "bildungsmobiler" als alle anderen. Für Migrantinnen gilt das Gegenteil.

Bildungsaufstieg 18.06.2015

Das Geschlecht entscheidet über sozialen Aufstieg also stärker als der Migrationshintergrund. Die schlechtesten Aufstiegschancen hat die Kombination "Frau" und "Migrantin", schreibt ein Team um Wilfried Altzinger vom Institut für Makroökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU).

Die Studie:

"Gender and migration background in intergenerational educational mobility" von Alyssa Schneebaum und Kollegen ist vor Kurzem in der Fachzeitschrift "Education Economics" erschienen. Die Studie wurde für das Projekt "Welfare, Wealth and Work for Europe", geleitet vom WIFO, geschrieben.

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Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 17. 6., 13:55 Uhr.

Söhne mit Migrationshintergrund am mobilsten

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Benachteiligungen werden - nicht nur in Österreich - sehr oft von einer Generation an die nächste weitergegeben. Ein wesentlicher Faktor dafür ist die Bildung: Sie funktioniert wie ein Scharnier bei der Weitergabe des sozialen Status.

Wie genau, haben die Ökonomen nun anhand von zwei Gruppen untersucht: Auf der einen Seite Kinder von (hierzulande geborenen) Österreichern, auf der anderen Seite Kinder, deren Eltern nach Österreich eingewandert sind - in erster Linie aus der Türkei und Ex-Jugoslawien. Bei beiden Gruppen verglichen die Forscher die höchsten Bildungsabschlüsse der Eltern mit jenen der Kinder.

"Wir dachten, dass Männer und Frauen mit Migrationshintergrund eher auf der gleichen Stufe bleiben würden wie ihre Eltern", erläutert die Studien-Koautorin Alyssa Schneebaum von der WU Wien den Beginn der Forschungsarbeit. "Das war bei den Männern aber nicht der Fall." Sie stellten sich als die mobilste Gruppe von allen heraus.

Mehr als 40 Prozent der migrantischen Söhne haben einen höheren Bildungsabschluss als ihre Väter, nur 30 Prozent verbleiben in der gleichen Bildungsstufe wie sie. Zum Vergleich: Bei "eingeborenen Österreichern" bleiben über 42 Prozent auf dem gleichen Bildungsniveau wie ihre Väter - wiewohl dieses absolut betrachtet höher liegt.

Für die Töchter gilt das Gegenteil

Die männlichen Migranten starten also von "weiter unten", holen laut der Studie aber mächtig auf. Sie sind "bildungsmobiler" als die Kinder von in Österreich geborenen Eltern - Söhnen wie Töchtern - aber noch viel mehr als ihre Schwestern. Für sie - die weiblichen Migranten - gilt das Gegenteil: Mehr als 60 Prozent von ihnen bleiben im gleichen Bildungssegment wie ihre Väter, mehr als 45 Prozent in dem der Mütter - was in 80 Prozent der Fälle ohnehin "nur" der Pflichtabschluss ist.

Die Töchter der in Österreich Geborenen liegen laut der Studie irgendwo dazwischen. 45 Prozent bleiben auf dem gleichen Bildungsniveau wie ihre Väter, aber gegenüber ihren Müttern gibt es einen eindeutigen Aufwärtstrend (plus 63 Prozent). Und: Haben Mütter einen Uni-Abschluss, dann wirkt sich das besonders positiv auf die Töchter aus - sie richten sich nach ihren "role models".

Fazit der Studie: Das Geschlecht eines Kindes wirkt sich auf die Wahrscheinlichkeit des Bildungsaufstiegs diskriminierender aus als die Migration. Warum das so ist, wurde im Rahmen der Studie nicht untersucht. "Eine Hypothese wäre aber, dass Geschlechterrollen vor allem in Migranten-Communities sehr stark sind", erklärt Alyssa Schneebaum.

"Möglicherweise kommen die Töchter der Frauen mit Migrationsintergrund aus Haushalten, in denen es weniger erwartet wird, dass Frauen Bildung haben. Das würde heißen, die Söhne dieser Communities haben viel mehr Chancen auf eine höhere Bildung."

Mehr Bildung führt zu mehr Einkommen

Neben der Bildung der Eltern haben die Forscher auch eine Reihe von anderen Faktoren untersucht, die sich auf den Bildungserfolg der Kinder auswirken können, wie: Besuch einer Vorschule, Stadt/Land, Alter. "Von all den Faktoren ist mit Abstand die Bildung der Eltern am wichtigsten", sagt Schneebaum.

Und nachdem diese der wichtigste Faktor für das Einkommen ist, lassen sich die Ergebnisse aller Voraussicht nach direkt in Geldmengen umrechnen - was in der konkreten Studie nicht getan wurde. "In der nächsten Arbeit werden wir das aber untersuchen", sagt Schneebaum. "Bildungsmobilität ist für Menschen mit Migrationshintergrund sehr wichtig. In Österreich braucht man Bildung, um etwas zu verdienen."

Die Daten der aktuellen Studie haben nicht die Forscher erhoben, sie stammen aus einer EU-weiten Erhebung über die Lebensbedingungen der Privathaushalte (EU-SILC), die in Österreich von der Statistik Austria durchgeführt wird. Die Datenlage ist allerdings sehr ungleichgewichtig: Während für die in Österreich geborenen Eltern mehr als 5.000 Daten zur Verfügung standen, waren es bei den migrantischen Eltern nur rund 100.

Schneebaums Forschung ist ein - im Bereich der Wirtschaftswissenschaften noch relativ seltenes - Beispiel für Intersektionalität. Bei diesem Ansatz werden Formen von Diskriminierung bzw. Privilegierung untersucht, die sich überkreuzen - wie z.B. Geschlecht, Ethnie und Herkunft.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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