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Zerstörte Häuser am Stock im Eisen-Platz

West-Geheimdienste im sowjetischen Wien

Am 3. Juni 1945 - vor genau 70 Jahren - erreichte die "Vienna Mission" der Westalliierten die österreichische Hauptstadt. Vor Ort sollte sie sich zur Vorbereitung der gemeinsamen Verwaltung ein Bild des sowjetisch besetzten Wien machen. Gefunden haben sie eine großflächig zerstörte Stadt, Versorgungsmängel und Gesundheitsprobleme.

Vor 70 Jahren 03.06.2015

In einem Gastbeitrag beschreibt der Historiker Herwig Czech, welches Bild die Stadt den Geheimdienstler kurz nach Kriegsende bot.

Expedition ins zerstörte Wien

Von Herwig Czech

Herwig Czech, Historiker

privat

Herwig Czech ist Historiker am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Von 2011 bis 2014 war er APART-Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit dem Projekt "Gesundheit, Krankheit und Tod. Wien 1944 bis 1948". Derzeit leitet er unter anderem ein vom Zukunftsfonds der Republik Österreich gefördertes Forschungsprojekt zu den gesundheitlichen Folgen der NS-Verfolgung.

Literaturhinweis:

Siegfried Beer/Anton Staudinger, Die "Vienna Mission" der Westalliierten im Juni 1945. Eine Dokumentation, in: Studien zur Wiener Geschichte. Jahrbuch des Vereins für die Geschichte der Stadt Wien 50 (1994), S. 317-412.

Die Unterlagen der "Vienna Mission" befinden sich in The National Archives (TNA) in Kew bei London (Bestand FO 1020) und in der National Archives and Records Administration (NARA) in College Park, Maryland (Bestand RG 84).

Während der ersten Wochen nach der Befreiung hatten die Westalliierten kaum Informationen über die Lage im sowjetisch besetzten Ostösterreich. Erst nach längeren Verhandlungen erlaubte Stalin am 18. Mai die Entsendung einer militärischen Erkundungsmission nach Wien. Das Hauptziel bestand darin, sich ein möglichst detailliertes Bild von den Verhältnissen zu verschaffen, um die gemeinsame Verwaltung durch die vier Mächte vorzubereiten. Neben der genauen Aufteilung des Stadtgebietes in Besatzungszonen ging es vor allem um die strategisch bedeutsame Infrastruktur in den einzelnen Bezirken, die Kontrolle über geeignete Flugplätze und die Lebensbedingungen der Zivilbevölkerung.

Am 3. Juni überquerten die britische, die französische und die US-amerikanische Delegation mit insgesamt fast 200 Mitgliedern (darunter zahlreiche Geheimdienstoffiziere) bei Judenburg die Grenze zur sowjetischen Zone. Zehn Tage lang erhoben diese mit Hilfe sowjetischer Begleiter detaillierte Informationen über die Situation in Wien.

Kollabierte Stadt

Die Westalliierten fanden eine wirtschaftlich kollabierte Stadt vor, deren Bevölkerung um eine halbe Million Menschen geschrumpft war. Im Juni 1945 waren außer einigen Lebensmittelgeschäften kaum Läden geöffnet, auch die Banken waren geschlossen. Ein extremer Mangel an Energie, Treibstoffen und Transportmitteln verunmöglichte fast jede Aktivität. Der (zivile) Bestand an Lastkraftwagen war auf gerade einmal 40 Stück zusammengeschmolzen.

In der gesamten Stadt fand die Kommission nur drei funktionierende Krankenwägen, und kein einziger praktizierender Arzt verfügte über ein eigenes Kraftfahrzeug. Laut einem Wiener Stadtrat hatten die Sowjets nicht nur die Krankenwägen, sondern auch die wenigen nach dem Abzug der Wehrmacht (und der damit verbundenen Fluchtwelle in Richtung Westösterreich) verbliebenen privaten Kraftfahrzeuge beschlagnahmt. Auch von vormals 500 Fahrzeugen der Feuerwehr waren nur mehr drei vorhanden. Das im Aufbau befindliche Österreichische Rote Kreuz wurde von den Sowjets nicht anerkannt und bekam daher keinerlei Unterstützung. Im Juni 1945 hatte es weder Personal noch Transportmittel.

Die gesamte Lebensmittelversorgung - abgesehen von privaten Vorräten oder Eigenproduktion - wurde von der Roten Armee getragen, die den österreichischen Behörden die Verteilung überließ. Nach Ansicht der Kommission waren der Kalorien- und Nährstoffgehalt so niedrig, dass die unmittelbare und zukünftige Gesundheit der Bevölkerung, besonders der Kinder unter zwölf Jahren, ernsthaft gefährdet schien. Angesichts der völlig unzureichenden Rationen erwarteten die befragten Gesundheitsfunktionäre schon in nächster Zukunft eine dramatische Verschlechterung der Lage.

Zerstörte Häuser, verunreinigtes Wasser

Die von den Briten erhobene Gesundheitssituation der Zivilbevölkerung in den einzelnen Bezirken korrelierte relativ deutlich mit dem jeweiligen Ausmaß an Bomben- und anderen Kriegsschäden an den (Wohn-)Gebäuden. Am schlimmsten hatte es den 2. Bezirk getroffen, hier waren 49 Prozent aller Gebäude beschädigt, der Gesundheitszustand der Bevölkerung war dementsprechend als "poor" einzuschätzen. In die gleiche Kategorie fielen die Bezirke 10 (zu 36 Prozent beschädigt), 11 ("very badly damaged"), 12 (31 Prozent), 20 (22 Prozent), 21 (21 Prozent), 23, 24 und 25. Als "very good" waren die Verhältnisse nur in vier Bezirken zu bezeichnen, die sich durch eine vorwiegend bürgerliche Wohnbevölkerung und geringe Schäden auszeichneten (7., 14., 15. und 19.). Obwohl in der Innenstadt 36 Prozent der Gebäude beschädigt waren, galt hier der Gesundheitszustand der vorwiegend bürgerlichen Bevölkerung als "satisfactory".

Die Wasserversorgung der Stadt war zwar grundsätzlich gesichert, die Leitungen waren aber an unzähligen Stellen beschädigt. Aufgrund der parallel geführten Abwasserleitungen führte dies zu ekelerregenden und gefährlichen Verunreinigungen. 40 Prozent der Bevölkerung hatte keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser. Da auch keine Chemikalien für eine Chlorbehandlung des Wassers zur Verfügung standen, blieb nur die Möglichkeit, mögliche Keime durch Abkochen abzutöten - was allerdings Gas oder andere oft nicht vorhandene Energiequellen voraussetzte. Verbreitete Anhäufungen von Abfällen in den Straßen stellten ein weiteres dringendes hygienisches Problem dar. Angesichts der zusammengebrochenen Müllentsorgung - alle 140 Wiener Müllwägen waren in der Endphase des Krieges Richtung Westen gebracht worden - konnten sich Fliegen ungehemmt ausbreiten. Eine besondere Brutstätte war der Schlachthof St. Marx, wo weder Fensterglas, noch Fliegengitter oder Desinfektionsmittel vorhanden waren.

Seuchen und Medikamentenmangel

Was die Seuchenlage anging - eine Hauptsorge jeder Besatzungsmacht -, so schien die Situation zwar relativ stabil, mit einer dramatischen Verschlechterung war aber jederzeit zu rechnen. In Wien erkrankten im Mai 1945 mindestens 418 Personen an Typhus, die meisten davon im 10. Bezirk und in anderen von der Arbeiterschaft dominierten Gebieten der Stadt. Insgesamt waren in diesem Monat 120 Tote durch akute Infektionskrankheiten zu beklagen. Aufgrund des verschmutzten Trinkwassers waren Durchfallerkrankungen weit verbreitet, es kam wiederholt zu kleineren Epidemien von Typhus und Bazillenruhr. In Wiener Neustadt herrschte eine Epidemie des gefürchteten Fleckfiebers. Die meisten Opfer waren Flüchtlinge oder "Displaced Persons", die oft auf engem Raum unter unzulänglichen hygienischen Bedingungen zusammengedrängt leben mussten.

Eine dramatische Entwicklung war auch bei den Geschlechtskrankheiten zu beobachten. Es herrschte Übereinstimmung darüber, dass sich Syphilis und Gonorrhö explosionsartig verbreiteten. Der Dekan der medizinischen Fakultät schätzte, dass in Wien 100.000 Personen an aktiver Gonorrhö erkrankt waren. Allein im Mai 1945 sollten über 6.000 neue Fälle in Wien und weitere 8.000 bis 10.000 in der restlichen sowjetischen Zone hinzugekommen sein. Weder Sulfonamide noch Wismutpräparate (zur Behandlung der Syphilis) waren zu diesem Zeitpunkt in Wien verfügbar.

Überhaupt herrschten bei fast allen wichtigen Medikamenten kritische Versorgungsengpässe, da die Produktion von Medikamenten und anderen medizinischen Bedarfsgütern zum Erliegen gekommen war. Die größten Hindernisse für eine Wiederaufnahme der Aktivitäten lagen im praktisch völligen Zusammenbruch der Telefonverbindungen, der Transportmöglichkeiten und der Gasversorgung in der Stadt. Der Bericht der Alliierten warnte vor einem unvermeidlichen Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung innerhalb weniger Wochen, sollten die notwendigen Medikamente und chemischen Ausgangsstoffe nicht beschafft werden können.

"Einladung" zu sexuellen Übergriffen

Die Berichte der alliierten Erkundungsmission gehen auch auf die Massenvergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee ein, wobei die entsprechenden Abschnitte von einem erschreckenden Zynismus gekennzeichnet sind. Die Alliierten nahmen die Vergewaltigungen allein vom Standpunkt der öffentlichen Gesundheit, das heißt als möglicher Vektor für die Weiterverbreitung von Geschlechtskrankheiten und damit als eine Bedrohung für die eigenen Truppen wahr.

Der US-amerikanischen Bericht der "Vienna Mission" hielt zu den Vergewaltigungen lapidar fest, dass fünfzig Prozent der Fälle auf Handlungen der Opfer selbst zurückzuführen waren. Im selben Ton fuhr der Bericht fort, dass die Zahl der Vergewaltigungen stark übertrieben worden sei und zum gegenwärtigen Zeitpunkt "kein Problem darstellen" würde. Überdies behaupteten die Autoren, die meisten Frauen seien in Häusern vergewaltigt worden, aus denen Heckenschützen operiert hätten, womit die sexuellen Übergriffe gleichsam zu legitimer Notwehr erklärt wurden.

Auch der neue Leiter des Hauptgesundheitsamtes, der Kommunist Dr. Ehrenfried Lande, zeigte kein Verständnis für die Opfer und bemühte sich, das Ausmaß und die Bedeutsamkeit dieser Übergriffe herunterzuspielen. Gegenüber der britischen Delegation bemühte er sich, Vergewaltigungen als Missverständnisse zu verharmlosen, bei denen Rotarmisten die herzliche Begrüßung durch die weibliche Zivilbevölkerung bei der Befreiung als "Einladung" zu sexuellen Übergriffen missverstanden hätten.

Auffällige Auslassungen

Immerhin sprach der britische Delegationsleiter Winterton persönlich mit zwei betroffenen Frauen. Eine von ihnen berichtete, ihr behandelnder Arzt hätte insgesamt 143 Vergewaltigungsopfer untersucht. Dennoch hielt der britische Bericht fest, dass den kursierenden Zahlen über Plünderungen, Vergewaltigungen und Misshandlungen durch Soldaten der Roten Armee mit großer Vorsicht zu begegnen sei. Die Briten sahen die Hauptursache für Konflikte in der "Ankunft einer vorwiegend aus ungebildeten Bauern bestehenden Besatzungsarmee in einer Stadt mit außergewöhnlich hohen Standards an Kultur und Ordnung". Gleichzeitig hielt Winterton fest, dass die Sowjets gegenüber den österreichischen Behörden und der Zivilbevölkerung eine äußerst freundliche Einstellung hätten und dass die Stoßtruppen der Roten Armee bei ihrem Einmarsch in Wien Anfang April als Befreier begrüßt worden seien.

Auffällig sind auch manche Auslassungen in den überlieferten Berichten. Die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Wiens und damit das Schicksal von rund 200.000 Menschen kommen praktisch nicht vor; in einem Abschnitt über die medizinische Versorgung wird eher beiläufig erwähnt, die jüdischen Ärzte hätten "Wien mit der Ankunft der Nazis verlassen". Auch die Situation der Überlebenden der NS-Verfolgung spielte bei den Erhebungen im Juni 1945 kaum eine Rolle, obwohl die Alliierten in den folgenden Jahren immense Anstrengungen unternehmen sollten, um die durch Krieg und Verfolgung ausgelöste humanitäre Katastrophe zu bewältigen.

Kurz vor dem Alliierten Kontrollabkommen vom 4. Juli 1945 und dem Abkommen der Alliierten über die Besatzungszonen vom 9. Juli 1945 bildete die "Vienna Mission" einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur gemeinsamen Verwaltung Wiens durch die vier alliierten Mächte. Am 1. September 1945 rückten die britische, US-amerikanische und französische Armee in die Stadt ein.

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