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Universität Wien

Die langen Schatten des Antisemitismus

Antisemitismus hat es an Österreichs Unis schon lange vor dem NS-Regime gegeben. Und es gab ihn auch nach 1945 - dank vieler in Amt und Würden gebliebener Professoren und einer konservativen Restauration. Ein neues Buch zeichnet nach, wie es dazu an der Uni Wien gekommen ist.

650 Jahre Uni Wien 08.06.2015

Um 1900 hatte die Hochschule noch Weltruf genossen - etwa dank der Zweiten Medizinischen Wiener Schule, der Österreichischen Schule der Nationalökonomie oder Physikern wie Ludwig Boltzmann und Ernst Mach. Der Niedergang setzte spätestens mit dem Ende des Habsburgerreichs ein.

Aus der einst fortschrittlichen und wissenschaftsfreundlichen Institution wurde bald nach dem Ersten Weltkrieg ein Hort von Reaktion und Antisemitismus, schreibt der Journalist und Wissenschaftshistoriker Klaus Taschwer in seinem neuen Buch "Hochburg des Antisemitismus".

Konservative Restauration

Buch und Präsentation:

Das Buch "Hochburg des Antisemitismus. Der wissenschaftliche Niedergang der Universität Wien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts" von Klaus Taschwer erscheint am 12. Juni im Czernin Verlag.

Drei Kapitel des Buchs gibt es schon jetzt als gratis-PDFs auf der Website academia.edu.

Am 17. Juni um 18 Uhr wird es an der Uni Wien, im Hörsaalzentrum im Alten AKH, präsentiert.

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Im Hauptteil zeichnet es den wissenschaftlichen und moralischen Niedergang der Universität Wien vor allem in der Zwischenkriegszeit und im Nationalsozialismus nach. In den letzten beiden Kapiteln des Buchs geht es um die Zeit nach 1945, als die Versuche, die österreichische Gesellschaft - und damit auch die Hochschulen - zu entnazifizieren, unmittelbar nach Kriegsende durchaus strikt waren. Zu tun gab es an der Universität Wien genug, denn drei Viertel aller Professoren waren 1944 entweder Mitglied oder Parteianwärter der NSDAP.

Parallel dazu versuchten die Uni und das Ministerium, vor allem jene zurückzuholen, die aus politischen Gründen entfernt worden waren, bezogen sich dabei aber ausschließlich auf die im Jahr 1938 Entlassenen: also Parteigänger oder führende Repräsentanten des Austrofaschismus. Die allermeisten linken Vertriebenen und jene jüdischer Herkunft waren bereits in den 1920er oder -30er Jahren – jedenfalls schon vor dem "Anschluss" – hinausgeekelt worden.

So wurde auch der 1938 entlassene Ludwig Adamovich (senior) neuer Rektor der Universität – vor dem "Anschluss" war er letzter Justizminister im "Ständestaat" gewesen. Gemeinsam mit einem von katholischen Kräften dominierten Unterrichtsministerium führte das zu einer konservativen Restauration an den Unis.

Nur ganz wenige Rückkehrer

Doch es hätte nicht so kommen müssen. Nach dem Krieg gab es zwei umfangreiche Listen der Briten bzw. Amerikaner für weit umfassendere "Rückholaktionen". Darauf standen hunderte Namen von Vertriebenen - vom Kunsthistoriker Ernst Gombrich ebenso wie vom Psychologen Karl Bühler oder dem Physik-Nobelpreisträger Victor Franz Hess. Politik und Hochschulen waren aber nur wenig engagiert, die Vertriebenen anzuschreiben bzw. sie zu einer Rückkehr zu animieren.

"Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass … die früheren Kollegen … die Chancen auf eine 'Ent-Entnazifizierung' verkleinert hätten", schreibt Taschwer. Ein anderer wichtiger Grund war, dass braun-schwarz vernetzte Professoren wie Richard Meister, die bereits in den 1920er-Jahren an informellen antisemitischen Interventionen bei Habilitationen und Berufungen beteiligt gewesen waren, nun akademische Schlüsselpositionen besetzten: in Meisters Fall unter anderem der Prorektorat, das Rektorat und von 1951 bis 1963 die Präsidentschaft der Akademie der Wissenschaften.

Außerdem war Meister an der Uni für potenzielle Rückkehrer zuständig, engagierte sich freilich aber fast ausschließlich für seine Netzwerkkollegen – oder das Ex-NSDAP-Mitglied Sylvia Klimpfinger, die jene Stelle übernahm, die vor 1938 die vertriebene Charlotte Bühler inne hatte. Und so kam es, dass von den hunderten potenziellen Rückkehrern - darunter auch 40 vertriebene Frauen - bis Herbst 1947 gerade einmal fünf tatsächlich an die Uni Wien zurückkehrten. Und in den Jahren danach folgten nur wenige.

Richard Meister trug dafür Sorge, dass die Entnazifizierung kulant und die Remigration gering ausfiel. (Credit: Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)

Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)

Richard Meister trug dafür Sorge, dass die Entnazifizierung "kulant" ausfiel.

Die Remigration ist "fast vollständig gescheitert", bilanziert das Buch. Ursachen dafür waren auf der einen Seite natürlich die schwierige wirtschaftliche und politische Lage der jungen Zweiten Republik. Aber auf der anderen Seite eben auch "schwarz-braunen Kontinuitäten", die von den 1920er- bis in die 1960er-Jahre reichen und ohne die nicht zu verstehen ist, was am Beginn der Zweiten Republik an den Hochschulen passierte, so Taschwer.

Im Unterrichtsministerium, an den Unis und in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften entschieden vor 1938 und nach 1945 vielfach die gleichen Personen wie im Austrofaschismus - so wie eben Ludwig Adamovich senior als Rektor. Oder Otto Skrbensky, der ab 1934 für politische Säuberungen zuständig war, war nach 1945 der für die Unis zuständige Sektionschef.

"Zumindest für einen Teil des ungeheuerlichen Niedergangs der österreichischen Gelehrsamkeit muss die beschränkte konservative Orientierung dieser Persönlichkeiten verantwortlich gemacht werden", zitiert Taschwer einen Mitarbeiter der US-Gesandtschaft in Wien 1948.

Wissenschaftliches Mittelmaß

Spätestens mit der Amnestie der "minderbelasteten" NS-Anhänger war die Personalnot an der Uni kein Thema mehr. Je mehr Ehemalige lehren durften, desto unwichtiger wurden die Vertriebenen. Mehr als die Hälfte der NS-belasteten Professoren konnten ihre Lehrtätigkeiten wieder aufnehmen. Über Jahrzehnte blieb die Uni ein Ort der Konservativen. Die Vereinigung sozialistischer Hochschullehrer (die um ehemalige NSDAP-Mitglieder buhlte) hatte Mitte der 1960er-Jahre 30 Mitglieder - bei fast 1.400 Dozenten und Professoren in ganz Österreich.

Die "schwarz-braunen Kontinuitäten" wirkten sich auch auf die wissenschaftliche Leistung aus. Und zwar an allen Hochschulen des Landes. Im Lehrplan für Medizin etwa wurde während des Austrofaschismus und nach 1945 das Fach Biologie gestrichen - der Hauptgrund, warum der spätere Nobelpreisträger Karl von Frisch, der bis 1950 Professor in Graz gewesen ist, wieder nach München gegangen ist. In vielen Fächern speziell der Geistes- und Sozialwissenschaften herrschte bis tief in die 60er Jahre Mittelmaß, resümiert Taschwer. Ausnahmen habe es in einigen naturwissenschaftlichen Fächern gegeben, etwa in der Mathematik, der Biochemie oder der Physik.

Das hatte aber eher etwas mit einzelnen handelnden Personen zu tun als mit der Struktur. Die war nämlich durch das von Richard Meister konzipierte Hochschulorganisationgesetz von 1955 geprägt, das eine hierarchisch organisierte Ordinarienuniversität einzementierte. In der Regel kam es zu Hausberufungen, was zu einer Fortführung der "bewährten Situation" führte. Geändert hat sich das laut Taschwer erst langsam ab Ende der 1960er-Jahre. Wesentlich dafür sei die Gründung des Forschungsfonds FWF gewesen, aber auch die Einrichtung eines eigenen Wissenschaftsministeriums und das neue Universitätsorganisationsgesetz 1975 unter der Regierung Kreisky, das die Allmacht der Ordinarien reduzierte.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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