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Vivarium Wien, um 1880

ÖAW gedenkt ihrer NS-Opfer

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erinnert in einer Austellung an jene Mitglieder, die zur Zeit des Nationalsozialismus vertrieben oder getötet wurden. Am 12. Juni geht ein Gedenkbuch mit den Lebensläufen der rund 70 Forscher online.

Geschichte 09.06.2015

Die meisten Opfer hatte dabei die Biologische Versuchsanstalt (BVA) zu verzeichnen - ihr wird nun eine Gedenktafel gewidmet. "Bei der BVA hat es sich um eine der bedeutendsten österreichischen Forschungseinrichtungen um 1900 gehandelt, deren Geschichte nach 1945 völlig verdrängt wurde", erklärt der Historiker Johannes Feichtinger. Bis heute fehle eine Gesamtdarstellung der Forschungstätigkeit und vor allem der Wissenschaftler, die an der BVA arbeiteten.

Veranstaltung

"Biologische Versuchsanstalt - Geschichte und Gedächtnis", 12. Juni 2015

Enthüllung der Gedenktafel:
Prater Hauptallee 1 (Schulverkehrsgarten)
1020 Wien, 10:00 Uhr

Gedenkfeier im Hauptgebäuder der ÖAW:
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien, ab 16:30 Uhr

Den Abschluss der Veranstaltung bildet ein Vortrag von Eva Jablonka vom Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas der Tel Aviv University. Thema: "Back to the Vivarium: Plasticity and Inheritance Then and Now".

Vortrag:
ÖAW, Theatersaal
Sonnenfelsgasse 19
1010 Wien, 18:00 Uhr

Tod im Ghetto Theresienstadt

1903 wurde die BVA von den Biologen Hans Przibram, Leopold von Portheim und Wilhelm Figdor mit privaten Geldern gegründet, 1914 ging sie per Schenkung an die ÖAW. Mit dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich 1938 konnten jedoch zwei Drittel der Forscher an der BVA ihre Tätigkeit nicht mehr fortsetzen. "Sie wurden regelrecht ausgesperrt", schilderte Feichtinger.

Von den insgesamt rund 30 Mitarbeitern kamen sieben ums Leben - damit hatte die BVA prozentual gesehen die höchste NS-Opferquote österreichischer Forschungseinrichtungen. Unter ihnen war auch Przibram, Gründer und langjähriger Leiter der BVA, der wie seine Ehefrau Elisabeth, die ebenfalls an der BVA tätig war, im Ghetto Theresienstadt umkam. Seine - bereits 1947 von seinem Bruder Karl Przibram gestiftete - Büste wird ebenfalls am 12. Juni in der Aula der ÖAW enthüllt.

Institut nicht wieder aufgebaut - "kein Interesse"

Das verbliebene Drittel der Mitarbeiter arbeitete zunächst noch weiter, "aber das wissenschaftliche Know-how fehlte einfach", sagt Feichtinger. In den letzten Kriegstagen wurde das Gebäude durch Artilleriebeschuss zerstört, 1946 die BVA schließlich aufgelöst. Das Gebäude wurde abgerissen. "Es bestand sichtlich kein Interesse, dass die Institution wieder aufgebaut wurde", so der Historiker.

Die BVA befand sich auf der Prater Hauptallee - an dieser Stelle, genauer am Zaun des Schulverkehrsgartens, wird ab 12. Juni eine Gedenktafel an die drei Gründer sowie die Opfer der Versuchsanstalt erinnern. In der Aula der ÖAW gibt es eine begleitende Ausstellung. Schon seit 2013 ist hier ebenfalls eine Gedenktafel für alle NS-Opfer der Akademie angebracht. Dieses Projekt wird jetzt um eine Facette erweitert: In einem Online-Gedenkbuch werden die ausführlichen Lebensläufe und Schicksale der vertriebenen und ermordeten Forscher zu lesen sein.

science.ORF.at/APA

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