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Eine Frau mit hohen schwarzen Strümpfen und High Heels stehjt vor einer Straße

"Unser Job ist, in die Welt einzutauchen"

Der US-Soziologe Sudhir Venkatesh hat über Jahre Drogendealer, Prostituierte und andere zwielichtige Unternehmer in New York begleitet. Dabei hat er einige Klischees entlarvt und gezeigt: Die Schattenwirtschaft betreiben nicht nur Kriminelle. Sie zieht sich vielmehr durch alle Gesellschaftsschichten.

Soziologie 22.06.2015

Auch die Kinder der New Yorker Oberschicht suchen sich in ihrer Welt des Überflusses Beschäftigung am Rande der Legalität – um sich selbst zu verwirklichen. Seine rund zehnjährigen Erfahrungen in der New Yorker Unterwelt hat der Soziologieprofessor sehr unterhaltsam in dem Buch "Floating City" verarbeitet (2015 auf Deutsch erschienen).

Im Gespräch mit science.ORF.at spricht der gebürtige Inder über seinen außergewöhnlichen Forschungsstil: sein regelmäßiges Abtauchen in fremde Welten und Milieus.

Sie haben vor mehr als 20 Jahren begonnen, die Schattenwirtschaft in Städten zu erforschen. Zunächst in Chicago, dann in New York City. Was hat Sie daran fasziniert?

Sudhir Venkatesh: Mich hat interessiert, wie Menschen Probleme lösen, wenn sie auf sich gestellt sind und nicht auf die Hilfe der Regierung zählen können. Und wie Menschen unter diesen Bedingungen Vertrauen entwickeln und Geschäftsbeziehungen aufnehmen. Zudem sehe ich die Schattenwirtschaft als Teil der amerikanischen Gesellschaft. So habe ich mich auch gefragt, wie Menschen, die keinen Zugang zur amerikanischen Hochkultur haben und etwa Museen und Kunstgalerien besuchen können, sich als "Amerikaner" begreifen und den amerikanischen Traum verfolgen.

Wenn Sie zurückschauen, was hat Sie am meisten überrascht?

Viele von uns denken bei Schattenwirtschaft an etwas, wo sich Kriminelle tummeln. Doch sie durchzieht alle sozialen Klassen – von den Armen bis zu den Reichen. Zweitens treibt die Untergrundökonomie Menschen dazu, ihre sozialen Grenzen zu überschreiten. Immigranten arbeiten für die Reichen, Edel-Prostituierte dienen Mittelklasse-Anwälten usw. – es gibt viele Beispiele, wie Menschen ständig ihre Gesellschaftsschichten verlassen und sich mischen. Drittens: Die Menschen bewegen sich oft aus der Schattenwirtschaft hinein und hinaus. Jemand arbeitet etwa im legalen Finanzdienstleistungssektor und begibt sich nach Dienstschluss in den Untergrund.

Zur Person:
Sudhir Venkatesh, geb. 1966 in Chennai, studierte zunächst Mathematik an der University of California in San Diego und später Soziologie an der University of Chicago. Er ist seit 1999 Soziologieprofessor an der Columbia University in New York.
Sein Buch "Floating City" ist im Original bereits 2013 erschienen, unter dem Titel "Floating City – Gangster, Schlepper, Callgirls und andere unglaubliche Unternehmer in New Yorks Untergrundökonomie" 2015 im Murmann Verlag auch auf Deutsch.

Links:

Sudhir Venkatesh

http://www.sudhirvenkatesh.org

Sudhir Venkatesh

New York City. Im Jahr 1997 beginnt Venkatesh, in der bevölkerungsreichsten Stadt der USA die Untergrundökonomie zu erforschen. Zuvor hat er zehn Jahre eine Crack-Bande in Chicago und das Leben der lokalen Unterschicht studiert. In New York begleitet er Shine, ein Dealer aus Harlem, der sich nach dem Zusammenbruch des Crack-Marktes ein neues Geschäftsmodell überlegt und über junge Künstlerinnen Kokain an die Reichen der Stadt verkauft. Venkatesh arbeitet in einem Porno-Videoladen, um Kontakt zu den Prostituierten zu bekommen, die sich im Hinterzimmer ausruhen oder ihren Geschäften nachgehen. Er trifft die Harvard-Absolventin Analise, die einen Escort-Service aufgezogen hat – und andere Uni-Absolventinnen als Prostituierte beschäftigt. In Chicago hätten die Menschen ihre sozialen und ethischen Milieus kaum verlassen, schreibt Venkatesh. In New York ist die Unterwelt viel durchlässiger: Die Menschen treiben durch die Stadt, über soziale Grenzen hinweg.

Sie haben Ihre Forschungssubjekte bisweilen über Jahre begleitet. Sie treten dabei als teilnehmender Beobachter auf. Wie geht das, wenn man gleichzeitig freundschaftliche Beziehungen aufbaut?

Die Prämisse meiner Arbeit ist: Es ist sehr schwer für uns Menschen zu erklären, was die Motivation für unser Handeln ist. Daher muss ich die Menschen beobachten. Um das tun zu können, muss ich bis zu einem gewissen Grad Teil ihrer Welt sein. Dabei bin ich ehrlich. Ich sage, dass ich Forscher bin – auch wenn die anderen in mir vielleicht jemanden anderen sehen. Der Dealer hofft vielleicht, dass ich Informationen von Konkurrenten ausplaudern könnte. Andere hoffen, dass ich Ihre Anliegen in die Öffentlichkeit bringe.

Mein Problem ist, dass ich bei der Feldarbeit nicht kontrollieren kann, was passiert. So kann ich mich auch nicht plötzlich zurückziehen, wenn es gefährlich wird. Ich muss durch diese etwas schwierigen Verhältnisse zwischen Nähe und Distanz so gut wie möglich navigieren. Und ich muss schauen, dass ich zu jeder Zeit meine Integrität wahre und meine Quellen schütze, z.B. Namen verändere. Unter diesen Umständen fühle ich mich oft wie in der Mitte eines Hurrikans – und ich versuche das Gleichgewicht zu halten und dem Sinn zu geben, was ich beobachte.

Manche ihrer Subjekte kämpfen ums Überleben, verschwinden von heute auf morgen, werden verprügelt – ist da nicht das Verlangen groß, zu helfen?

Es wäre eine Lüge, wenn ich sagen würde, dass ich nie geholfen hätte. Wenn jemand hungert, den man gerade interviewt, kauft man ihm ein Essen. Aber es gibt Dinge, die ich nicht tun würde: Ich würde etwa niemandem Geld leihen. Doch ich glaube auch, dass ich durch meine Forschung einen Einfluss auf das Leben der Menschen nehmen kann.

Inwiefern?

Ich bin zwar kein Experte für Lösungen, aber ich versuche zu diagnostizieren, was ein Problem ist. Und wenn ich damit jenen helfen kann, die diese Expertise nicht haben, ist das vielleicht die beste Hilfe, die ich anbieten kann. Ein Beispiel: Die Schattenwirtschaft, aber etwa auch die jüngsten Ausschreitungen in Baltimore nach dem Tod des Afroamerikaners Freddie Gray – viele betrachten diese Phänomene unter rein wirtschaftlichen Aspekten. Ich betrachte sie nicht so. Die Betroffenen sagen nicht: Gebt mir einen Job. Diese Menschen wollen Würde, sie wollen ein Teil des Landes sein. Hier spielt Diagnose eine wichtige Rolle, denn man tendiert dazu, stereotype Betrachtungsweisen zu haben.

Sie beschreiben in ihrem Buch die Schattenwirtschaft, wie sie ganz New York durchzieht. Inwiefern lassen sich Ihre Ergebnisse auf andere Städte umlegen?

Bis zu einem gewissen Grad habe ich ein Profil einer – wie manche Sozialwissenschaftler sagen – "globalen Stadt" gezeichnet: einer Stadt mit einem bedeutsamen Unternehmens- und Finanzsektor, mit gewichtiger Immobilienentwicklung, mit viel Unterhaltungsindustrie. Diese Branchen produzieren viel Geld für eine kleine Gruppe von Menschen – und viele Jobs, die einfach nicht gut bezahlt sind. So ist ein Teil der Stadtbewohner dazu gezwungen, sich der Schattenwirtschaft zuzuwenden, um zu überleben. Das betrifft nicht nur die Armen, sondern auch Menschen aus dem Dienstleistungssektor, etwa Pfleger, Nannys oder persönliche Fitnesstrainer. Das sind wohl Aspekte, die auch in anderen globalen Städten wie etwa London oder Tokio zu finden sind.

Columbia Universität in New York. Venkatesh arbeitet als Soziologieprofessor an der Elite-Uni seit 1999. Er sieht sich als Vertreter der sogenannten narrativen und engagierten Soziologie. Kollegen wie Peter Bearman beschreibt er als "akademische Formalisten", die auf objektive Forschung und akademischer Nüchternheit beharren. Venkatesh geht in seinem Buch auf die große Kluft zwischen den zwei Sichtweisen an seinem Institut ein – und die Herausforderungen, für seine manchmal eher ungewöhnlichen Projekte Fördermittel zu bekommen.

Manche Kritiker werfen Ihnen einen zu journalistischen Arbeitsstil vor. In einem Interview haben Sie einmal gesagt: "Sehen Sie, ich bin ein Gelehrter. Ich habe eine besondere Art, wie ich meine Arbeit mache." Wie würden Sie diese beschreiben?

Man könnte mich als "Ethnografen" bezeichnen. Ich arbeite so, wie die Soziologie eigentlich begann. Man taucht in ein bestimmtes Gebiet für eine gewisse Zeit ein, um zu verstehen: die Regeln des Spiels, die Regeln der Reichen, die Regeln der Armen. Ich versuche aufzudecken, wie die Menschen in bestimmten Bereichen zueinander stehen und wie sie Beziehungen aufbauen. Dieses Herangehen ist mit der Weiterentwicklung der Soziologie zunehmend in Misskredit geraten. Die Soziologie ist immer stärker "scientistic" geworden, und damit auch formaler. Ich denke aber, dass ich auch wissenschaftlich arbeite. Doch die zunehmend formalisierte Soziologie versucht sich eben wie verrückt mit anderen formalisierten, auf Zahlen basierenden Fächern zu vergleichen. Ich glaube, das ist nicht gut.

Was bedeutet das für die Arbeitsweise der Soziologen?

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich durchgesetzt, dass Soziologen aus ihren Laboren heraus auf ihre Untersuchungsgegenstände blicken. Denn, so der Kritikpunkt: Wenn man zu sehr in die Welt abtaucht, dann ist man befangen. Ich denke da anders. Einer unserer Jobs als Soziologen ist es, in die Welt abzutauchen und aufzudecken, um wirklich zu verstehen. So trauen jene, die den Labor-Ansatz gewählt haben, nicht jenen wie mir. Es gibt zwischen beiden Seiten gewisse Spannungen.

Sie machen sich Notizen von Ihren Beobachtungen – manchmal auch erst im Nachhinein. Ist da nicht die Gefahr der Verzerrung gegeben?

Wenn Sie und ich etwas beobachten, werden wir ein- und dieselbe Situation sehr unterschiedlich beschreiben. Denn wir beschreiben selten nur das, was passiert. Unsere Wahrnehmung unterliegt bereits einem gewissen Grad der Interpretation. In diesem Sinn gibt es keine einfache objektive Aufzeichnung. Aber: Ich biete Ihnen meine beste Interpretation von dem an, was ich gesehen habe. Mein ehrenhafter Wunsch ist dabei, dass das, was ich sehe und sage, Sinn hat.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Ich untersuche gerade die Veränderung der Kreativwirtschaft. So hänge ich derzeit viel in Werbeagenturen herum und in Verlagen, u.a. in Los Angeles.

Sie veröffentlichen auch immer wieder Zeitungsartikel und drehen Dokumentarfilme. Sehen Sie das als Hobby oder als Ihren Auftrag als Forscher?

Eher letzteres. Ich denke, dass jeder Wissenschaftler jedes ihm zur Verfügung stehende Mittel nutzen sollte, um die Öffentlichkeit zu informieren. Denn wir haben die rare Möglichkeit bekommen, einen Job fürs Leben zu haben. So können wir auch etwas experimentieren, wie wir die Menschen für unsere Forschung am besten erreichen.

Lena Yadlapalli, science.ORF.at

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