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Alter Mann greift sich an den Kopf

Demenz und Existenz

Die Menschen leben immer länger, und damit steigen auch die Fälle von Demenz. In der Philosophie spielen beide Themen oft keine große Rolle. Bei einem Kongress in Innsbruck Anfang Juni war das anders: Dabei wurden Konzepte einer Ethik präsentiert, die auf Phänomene wie die Demenz oder das Alter Bezug nehmen.

Philosophie 18.06.2015

"Mensch sein – Fundament, Imperativ oder Floskel?" - so lautete der Titel des zehnten Kongresses der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie in Innsbruck. Dabei ging es darum, den normativen Begriff der Humanität zu problematisieren.

Sind nur denkende Wesen vollwertige Personen?

Das gegenwärtige Schreckgespenst, von dem sich zahlreiche Menschen bedroht fühlen, ist die Demenz, das allmähliche Vergessen der eigenen Identität. Hans-Walter Ruckenbauer vom Institut für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Graz thematisierte in seinem Vortrag die Konsequenzen der kognitiven Verlustgeschichte für die an Demenz Erkrankten, die in der Leistungsgesellschaft keinen Stellenwert einnehmen.

Aber auch von Philosophen erfolgt eine Diskriminierung. So bezeichnet der amerikanische Philosoph Jeff McMahan schwer Demenz-Kranke als "Post-Personen"; der australische Philosoph Peter Singer spricht von "ehemaligen Personen".

Diese diskriminierende Bezeichnung von Demenz-Kranken beruft sich auf ein philosophisches Konzept, das in der Epoche der Aufklärung formuliert wurde. Dort galten Vernunft und die Fähigkeit, selbstbestimmt zu handeln als zentrale Kennzeichen des Menschen. Der englische Empirist John Locke definierte eine Person als ein "denkendes, verständiges Wesen, das Vernunft und Überlegungen besitzt und sich selbst betrachten kann". Und für Immanuel Kant sind nur vernünftige Wesen Personen, die in der Lage sind, moralisch zu handeln.

Die Person wird vom Geist verlassen

Links:

Literaturhinweise:

Demenz
Dagmar Fenner: Einführung in die Angewandte Ethik, Francke/UTB Verlag
Annemarie Pieper/Urs Thurnherr: Angewandte Ethik. Eine Einführung, C.H.Beck Verlag
Dieter Sturma/Bert Heinrichs: Handbuch Bioethik, Metzler Verlag
Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, dtv Taschenbuch
Alter
Jean Améry: Über das Altern. Revolte und Resignation, Klett-Cotta Verlag
Simone de Beauvoir: Das Alter, Rowohlt Verlag
Hannelore Schlaffer: Das Alter, Suhrkamp Verlag

Die über die Rationalität definierte Würde des Menschen gerät mit zunehmender Demenz in Gefahr. Menschen mit Demenz werden von ihrem Geist verlassen ("de-mens"), "büßen ihr Selbst ein", "lösen sich auf", "verlieren ihre Identität, ihre Persönlichkeit". Der Schriftsteller Samuel Beckett beschreibt diesen körperlichen und geistigen Verfallsprozess in seinem Roman "Molloy", in dem der gleichnamige Protagonist bewegungsunfähig im Bett seiner Mutter liegt, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen ist.

Ein Zitat aus dem Buch: "Alles verschwimmt. Es sitzt im Kopf. Er tut nicht mehr mit. Er sagt: Ich tue nicht mehr mit. Taub wird man auch. Und die Geräusche werden schwächer. Kaum dass man die Schwelle überschritten hat, ist es so. Es muss der Kopf sein, der genug davon hat. So dass man sich sagt, diesmal wird es noch gut gehen, dann vielleicht noch einmal und dann ist es aus."

Gegen eine rationalistische Engführung

Die philosophische Auseinandersetzung mit der Demenz erfordert eine Auseinandersetzung mit dem einseitigen, rationalistischen Menschenbild, so Hans-Walter Ruckenbauer, das Demenz mit der Zerstörung des Menschen gleichsetzt. Wird nämlich der Mensch als ein Wesen bestimmt, dessen hervorragende Leistungen in rationaler Planung und effizienter Produktivität bestehen, dann bedrohen Gedächtnisschwund, Kontrollverlust und Sprachzerfall dieses Ideal der Leistungsgesellschaft. "Sie unterminieren das voll Stolz inszenierte 'Selfie' eines autonomen Individuums."

Die Engführung des Demenz-Problems auf den kognitiven Abbau greift laut Ruckenbauer zu kurz. Wird die menschliche Person nur mit seiner geistigen Leistung gleichgesetzt, erscheint die Demenz als Zerstörung dieses Menschen. Versteht man ihn als empfindendes, soziales, emotionales Wesen, relativiert dies die destruktive Sichtweise der Demenz.

Sich auf das rätselhafte Land einlassen

Solch eine Relativierung ortete Ruckenbauer in dem Roman "Der alte König in seinem Exil" des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger, in dem der Autor die Alzheimererkrankung seines Vaters verarbeitete, die sich wenige Jahre nach der Pensionierung einstellte. Nach jahrelangen verzweifelten Anläufen gegen das erbarmungslose Voranschreiten der Demenz gelang Geiger eine gewisse Einsicht in die Erkrankung, wie er in einem Interview anmerkte. "Was wir brauchen, ist ein komplexeres Bild von dieser Erkrankung, das letztlich auch das Selbstbild der Betroffenen verändert."

Eine ähnliche Haltung findet sich bei dem in Bonn lehrenden Philosophen Dieter Sturma, der sich eingehend mit dem Thematik der Demenz befasst. Er plädiert dafür, den an Demenz Erkrankten nicht mit einem normierten Blick zu betrachten, der den allmählich in die Sphäre des Vergessens Eintauchenden mit der Persönlichkeit vergleicht, die er einmal war, sondern sich auf eine rätselhafte Terra incognita einzulassen:

"Was wir als fremdartig wahrnehmen, es sind immer Formen personaler Existenz. Das ist die Botschaft, die ich damit verbinden würde, dass wir dieses Rätsel in vielen Bereichen nicht auflösen können und dass wir eben lernen müssen, mit dieser Rätselhaftigkeit umzugehen", meint Sturma.

Ein Leben im Abseits?

Gebrechlichkeit, Verfall und Demenz sind Phänomene, die Simone de Beauvoir mit dem Alter verbindet. Die in Innsbruck tätige Philosophin Esther Redolfi beschrieb in ihrem Vortrag die düstere Sichtweise der Paradephilosophin des französischen Existenzialismus. In dem umfangreichen Standardwerk "Das Alter" schilderte sie vornehmlich die Nachtseite eines Lebensabschnitts, über dem das Damoklesschwert des Todes schwebt. Der langsam einsetzende Prozess des Alterns bedeutet laut de Beauvoir eine tiefgreifende Verstörung; man wird allmählich zu "einem Wesen fremder Art".

Esther Redolfi verwies auf die Tatsache, dass "diese Wesen fremder Art" auch heute noch - trotz vieler Verbesserungen - ein Leben im Abseits der Wohlstandsgesellschaft fristen. Sie schloss sich dem Vorwurf von Simone de Beauvoir an, dass Altersheime häufig Schauplätze stiller Tragödien sind, in denen Ängste, Depressionen, Einsamkeit und Identitätsverlust die Hauptrolle spielen. Der Grund dafür ist der Verlust der vertrauten Umgebung, die Eingebundenheit in eine Gemeinschaft, die etwas von dem vermittelte, was der Philosoph Ernst Bloch "Heimat" nannte.

Eine Verlustgeschichte

Dieser Verlust der vertrauten Heimat führt dann oft zu einem Rückzug der alten Menschen. Sie verabschieden sich allmählich von dem gewohnten sozialen Kontext und ziehen sich in sich selbst zurück. Genau diese Erfahrung thematisierte die ebenfalls in Innsbruck tätige Philosophin Noelia Bueno-Gómez. Sie berichtete, wie in ihrem Heimatland Spanien ältere Menschen, die in kleinen Dörfern lebten, nunmehr gezwungen sind, in Altersheimen zu leben, weil der Kontext der Gemeinschaft - bedingt durch die Landflucht - verloren gegangen war.

Die entwurzelten Menschen beklagten sich, dass sie in den Altersheimen mit einer fremden Welt konfrontiert würden. In kalten, abweisenden Räumen würden Spezialisten, die eine ihnen unverständliche Terminologie verwenden, über ihren Tagesablauf entscheiden, Privatheit ginge verloren, von Desorientierung war die Rede und von einem Verlust der Identität.

Die Schattenseiten des Alters werden nicht nur in Altersheimen erlebt. Auch Intellektuelle und Philosophen kennen altersbedingte Depressionen. Der in Wien geborene Schriftsteller und Essayist Jean Améry, der sein Leben durch den Freitod beendete, sprach in seinem Buch "Über das Altern. Revolte und Resignation" von der "unheilbaren Krankheit des Alterns" und vom "Heranrücken des dunklen Gesellen, der an meiner Seite herläuft".

Ein Zitat aus dem Buch: "Elendes Bein, unfolgsames Herz, rebellischer Magen, mir tut ihr weh. Mir wird schwindlig bei dem Gedanken, dass ich mein Bein, mein Herz, mein Magen bin und auch alle meine nur noch sich träge erneuernden Zellen und sie zugleich nicht bin. Das soll ich sein? Fragt sich der am Altern und durch das Altern Kranke, wenn er sich in den Spiegel blickt. "

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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