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Ein Forscher füllt eine Blutprobe im Labor in ein Behältnis

Raus aus dem Elfenbeinturm

"Verantwortungsvolle Forschung und Innovation" - so lautet ein Programm der Europäischen Kommission, welches nun auch hierzulande startet. Das Ziel: Die Wissenschaft aus ihrem Elfenbeinturm zu befreien und den Bürgern die Möglichkeit zur Mitgestaltung geben.

Gesellschaft 16.06.2015

Ein Dialog zwischen den Wissenschaftlern und der Bevölkerung bedeutet zwar nicht automatisch mehr Verantwortung, aber: "Durch diesen Dialog und die Öffnung der Wissenschaft gegenüber gesellschaftlichen Interventionen, Anfragen und Ideen kann man zumindest erwarten, dass das, was die Wissenschaft produziert, auch ein Stück weit gesellschaftlich und ethisch verantwortlicher sein wird", erklärt Armin Grunwald, Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag.

Armin Grunwald ist Physiker, Professor für Technikphilosophie und Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag.

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Veranstaltungshinweis:

Armin Grunwald hält am Mittwoch, den 17.6.2015 um 9:00 Uhr im Rahmen Startveranstaltung "Responsible Science – Wissenschaft und Gesellschaft im Dialog" einen Vortrag zum Thema “Responsible Science – eine neue Partnerschaft zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“. Veranstalter ist das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft.

"Wissenschaft in der Gesellschaft"

Gemäß dem Leitbild der verantwortungsvollen Forschung soll Wissenschaft IN der Gesellschaft stattfinden. Das beginnt bereits bei der Frage, mit welchen Themen sich die Forschung überhaupt befassen soll oder wie die Wissenschaft und Technik unser zukünftiges Leben verbessern können? "Bürger müssen dabei selbst keine Wissenschaftler sein, aber sie sind die Experten in ihrem Lebensfeld und beobachten ihre Umgebung - das ist wichtig", erklärt Grunwald.

Aktive und ideenreiche Laien hat es in der Vergangenheit schon einige gegeben - einer der vielleicht berühmtesten war der Theologe Charles Darwin, den die Beobachtung der Natur zu seiner Evolutionstheorie brachte, oder Benjamin Franklin, aus dessen Beobachtungen zu Elektrizität die Erfindung des Blitzableiters hervorging.

Heute sollen neue Ideen der Bürger insbesondere dabei helfen, die großen Herausforderungen wie beispielsweise den Klimawandel zu meistern. "Es sind also vor allem jene Forschungsbereiche gefragt, die Gesundheit, nachhaltige Entwicklung, Energie, den Umgang mit der natürlichen Umwelt betreffen", meint Grunwald.

Keine europäische Öffentlichkeit

Wie die europaweite Beteiligung genau funktionieren kann, ist allerdings noch unklar. Laut Grunwald liegt das Problem vor allem darin, dass es keine europäische Öffentlichkeit gibt. "Schon alleine wegen des Sprachenwirrwarrs gibt es praktisch keine europaweiten Medien, in denen sich vielleicht eine europäische Öffentlichkeit bilden könnte. Im Moment ist das also noch Zukunftsmusik", so der Wissenschaftler.

Ein weiterer wichtiger Baustein für ethische Wissenschaft ist die Förderung interdisziplinärer Forschung. "Es geht darum, interdisziplinär über mögliche Folgen der Forschung und über den Umgang mit diesen Folgen nachzudenken - das ist heute schon der Mindeststandard von 'verantwortlich', dass man die jeweiligen Forscher nicht mehr sich selbst überlässt", so Grunwald.

Dieser Ansatz rückt vor allem die Sozial- und Geisteswissenschaften in den Mittelpunkt ethischer Wissenschaft. "Technikfolgen sind ja nicht einfach Technikfolgen", erklärt der Wissenschaftler. "Welche Folgen die Übernahme einer bestimmten Technologie hat, hängt auch von sozialen Mechanismen ab - wie sich beispielsweise Verhalten durch neue Technologien ändert, und welche Folgen dann wiederum das geänderte Verhalten hat. Das können die Ingenieure nicht beantworten."

Balance finden

Die Öffnung des Wissenschaftsbetriebs für die Erwartungen und Interessen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik bedeutet für die Wissenschaftler aber auch eine Gratwanderung. "Sie haben einerseits die Verantwortung zu kooperieren und Wissenstransfer zu ermöglichen, auf der anderen Seite aber müssen sie darauf achten, ihre eigene Unabhängigkeit sicherzustellen und sich die Fähigkeit, in Alternativen zu denken, zu bewahren", so Grunwald. "Das ist, glaube ich, eine Daueraufgabe, das auch auszutarieren."

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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