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Rekonstruktion eines Neandertalers

Sex mit Neandertaler: Neuer DNA-Beweis

Bevor der Neandertaler vor etwa 40.000 Jahren ausstarb, teilte er sich zeitweise mit dem modernen Mensch denselben Lebensraum. Dabei kam es zu Intimkontakten zwischen beiden Arten - auch in Europa, wie ein Kieferknochen aus Rumänien beweist.

DNA-Analyse 23.06.2015

Das darin befindliche Erbgut beinhaltet zu sechs bis neun Prozent Neandertaler-DNA. Das sei mehr als bei jedem anderen bisher sequenzierten modernen Menschen, berichten Forscher im Fachblatt "Nature". Die Wissenschaftler vermuten: Der Mensch, dem der Kieferknochen einst gehörte, war der Ururenkel eines Neandertalers.

Der Knochen war 2002 in der Oase-Höhle im Südwesten Rumäniens gefunden worden und ist 37.000 bis 42.000 Jahre alt. Er gilt als einer der ältesten Funde eines modernen Menschen in Europa. In der Untersuchung wurde der Knochen nun einer DNA-Analyse unterzogen - mit einem für die Forscher überraschenden Ergebnis.

"Fast in flagranti erwischt"

Die Studie

"An early modern human from Romania with a recent Neanderthal ancestor", Nature (22.6.2015; doi: 10.1038/nature14558).

Gut erhaltener Kieferknochen

MPI f. Evolutionary Anthropology/ Paabo

Das Beweisstück: Kieferknochen aus der Oase-Höhle

"Es ist so ein fantastischer Glücksfall, eine Person zu finden, die so nah mit einem Neandertaler verwandt war", sagte Studienleiter Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Wir haben sie fast in flagranti erwischt."

Bisher war den Angaben zufolge vermutet worden, dass sich der moderne Mensch (Homo sapiens), als er sich aus Afrika über Asien, Europa und den Rest der Welt ausbreitete, im Nahen Osten mit Neandertalern vermischte. Die Analyse zeigt nun, dass sich das nicht auf die ersten Kontakte zwischen den beiden verwandten Arten beschränkte, sondern es dazu höchstwahrscheinlich auch noch später und auch in Europa kam. Zumindest hatte der Mensch aus der Oase-Höhle einen Neandertaler als Vorfahren in vier bis sechs Generationen zuvor.

Vermischung war nicht die Regel

Die Vermischung zwischen Neandertaler und Homo sapiens hat bis heute Spuren hinterlassen. Demnach tragen Menschen mit Wurzeln außerhalb Afrikas noch immer zwischen einem und drei Prozent Neandertaler-DNA in sich.

Dass Intimkontakte zwischen den beiden Arten damals der Normalfall waren, glaubt Pääbo aber nicht. Dann wäre der Anteil an Erbgut von Neandertalern heute höher. "Wie häufig solche Vermischung vorkam, können wir nicht genau sagen - nur dass es tatsächlich passiert ist. Wir wissen auch nicht, ob die Vorfahren dieses Menschen aus der Oase-Höhle zusammengelebt haben oder es nur ein One-Night-Stand war."

Die Forscher hoffen nun, weitere Belege für solche Kontakte zwischen den modernen Menschen und Neandertalern zu finden. Dabei wollen sie auch Überreste von Neandertalern untersuchen, die in dieser Zeit lebten.

science.ORF.at/dpa

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