Standort: science.ORF.at / Meldung: "Du bist, was Du riechst"

Eine Nase "durchbricht" ein weißes Blatt Papier.

Du bist, was Du riechst

Jeder Mensch hat eine einzigartige Nase - und das betrifft nicht nur ihre Form, sondern auch ihre Wahrnehmung. Rund 400 verschiedene Typen von Rezeptoren sorgen dafür, dass Gerüche verarbeitet werden. Das Gesamtbild, das dabei entsteht, ist laut einer Studie israelischer Forscher bei jedem Menschen anders.

Medizin 23.06.2015

Diese Einzigartigkeit lässt sich sogar in der Medizin nutzen, heißt es in der Publikation: Denn der olfaktorische Fingerabdruck lässt Rückschlüsse auf das Immunsystem zu.

"Zeichen eines geistreichen Mannes"

Die Studie:

"Individual olfactory perception reveals meaningful nonolfactory genetic information" ist am 22. Juni 2015 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

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Schon Cyrano de Bergerac - seines Zeichens mit einem besonders großen Riechorgan gesegnet - wusste: "Eine große Nase ist das Zeichen eines geistreichen, ritterlichen, liebenswürdigen, hochherzigen, freimütigen Mannes und eine kleine ist ein Zeichen des Gegenteils." Auch wenn der Schluss vom Äußeren auf den Charakter natürlich immer fehleranfällig ist, hatte der Schriftsteller des 17. Jahrhunderts mit einem Recht: Der Geruchssinn ist tatsächlich etwas höchst Individuelles.

Denn zwar ist die Grundausstattung mit Geruchsrezeptoren gleich, die Aktivität dieser Rezeptoren - und damit auch die Wahrnehmung - schwankt aber von Mensch zu Mensch. Genau diese Besonderheit haben sich der Neurobiologe Noam Sobel und seine Kollegen zunutze gemacht, um ihre Theorie eines "olfaktorischen Fingerabdrucks" im Sinn der beschriebenen individuellen Wahrnehmung zu überprüfen.

Wahrnehmungsprofil

Sie baten 89 Menschen im Alter von rund 26 Jahren ins Labor und hielten ihnen 28 Gerüche unter die Nase, für deren Beschreibung sie aus je 54 Eigenschaftswörtern (z.B. "zitronig, "vanillig", "rauchig" etc.) auswählen konnten. Aus den Angaben erstellten sie für jede Versuchsperson ein Wahrnehmungsprofil, das auch bei einem zweiten Test einen Monat später noch gültig war.

In einem zweiten Schritt wollten die Forscher wissen, ob aus dem olfaktorischen Fingerabdruck auch Rückschlüsse auf das Immunsystem gezogen werden können. Sie baten dafür 130 Menschen zum Geruchstest und verglichen einen wichtigen Teil ihres Immunsystem, das sogenannte humane Leukozytenantigen-(HLA-)System.

Geruchstest bei Vorsorgeuntersuchung

Es zeigte sich: Ein ähnliches HLA-System bedeutete auch einen ähnlichen olfaktorischen Fingerabdruck. Noam Sobel und seine Kollegen halten das nicht für Zufall, sondern für eine Korrelation. Denn schon aus früheren Studien wüsste man, dass die Aktivität oder eben Inaktivität von Geruchsrezeptoren ein Hinweis auf Krankheiten sein könne.

Ihre - laut Studie durchaus realistische - Vision ist deshalb: Ein Geruchstest könnte Teil der Vorsorgeuntersuchung werden.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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