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Geschlungene Pfade auf einer Wiese

Forschung braucht "Freiraum für neue Wege"

Wirtschaft und Wissenschaft haben unterschiedliche Interessen: Während die Wirtschaft nach Gewinnmaximierung strebt, ist die Wissenschaft per Selbstdefinition nicht zielgerichtet. Dennoch können beide voneinander profitieren, meint Michaela Fritz vom Austrian Institute of Technology (AIT).

Technologiegespräche Alpbach 30.06.2015

Kooperation ist ihrer Meinung nach wichtig. "Es wäre aber ein Fehler, für jeden Bereich vorzugeben, Forschung nur unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Verwertung zu betrachten", meint die Leiterin des AIT Departments für Gesundheit und Umwelt in einem Interview. Die Wissenschaft brauche den Freiraum, neue Wege denken zu können.

science.ORF.at: Bei den Technologiegesprächen in Alpbach Ende August werden Sie sich mit anderen Vertretern aus Wissenschaft und Wirtschaft die Frage stellen: "Wie kann Wirtschaft und Forschung von Unterschieden profitieren?" Wie beantworten Sie heute schon die Frage?

Michaela Fritz: Wirtschaft und Forschung sind per se zwei grundsätzlich verschiedene Dinge. Damit man von diesen Unterschieden profitieren kann, muss man eine Brücke bauen. Wir, also das AIT, sind ein angewandtes Forschungsinstitut und verstehen uns als eine solche Brücke, indem wir versuchen, Unternehmen und die Industrie langfristig zu stärken – sowohl durch die Themen, an denen wir arbeiten, als auch wie wir arbeiten.

Porträtfoto von Michaela Fritz vom AIT

AIT/krischanz.zeiler

Zur Person:

Michaela Fritz ist seit 2010 Leiterin des Departments Health & Environment am Austrian Institut of Technology (AIT). Davor war sie bei Infineon Technologies AG Bioscience als Senior Manager im Bereich Business Development in München tätig und später bei der Austria Wirtschaftsservice GmbH für das Schwerpunktprogramm LISA (Life Science Austria) verantwortlich. Bevor sie in die Wirtschaft wechselte, studierte sie Werkstoffwissenschaften an der ETH Zürich, wo sie später u.a. wissenschaftliche Assistentin war. Nach ihrer Dissertation im Jahr absolvierte sie ein Postdoc-Studium an der University of California, Berkeley.

Technologiegespräche Alpbach:

Von 27. bis 29. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet "UnGleichheit". Davor erscheinen in science.ORF.at Interviews mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die bei den Technologiegesprächen vortragen oder moderieren. Michaela Fritz wird am Arbeitskreis "Dynamik, geschaffen durch Heterogenität: Wie Wirtschaft und Forschung von Unterschieden profitieren?" teilnehmen.

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Wie äußern sich die Unterschiede zwischen Wirtschaft und Wissenschaft?

Das macht sich beispielsweise bei den Erwartungshaltungen bemerkbar. Während die Industrie es gewohnt ist, strikten Zeitplänen zu folgen, zu planen, was wann zu liefern ist bzw. was am Ende herauskommen soll, ist das in der Wissenschaft anders. Hier ist das Forschen selbst ja das Spannende und nicht immer nur das Ergebnis. Diese Erwartungshaltungen versuchen wir aufeinander abzustimmen.

Wie machen Sie das? Inwiefern kann man sich das AIT "als Brücke" vorstellen?

Wir haben viele Leute mit Industrieerfahrung, das braucht man, um diese Brücken schlagen zu können. Das heißt, wir müssen uns natürlich auch intensiv mit Normen, Regulativen und Qualitätsmanagement auseinandersetzen. Das bedeutet aber nicht, dass wir jedes Forschungsprojekt streng nach diesen Maßstäben abwickeln. Was auch gar nicht möglich wäre, da diese ja manchmal der Kreativität widersprechen, die man beim Forschen braucht.

Wo zieht man dann die Grenze, also wo müssen Freiräume in der Wissenschaft aufrechterhalten bleiben?

Zum Teil liefert die Industrie konkrete Fragestellungen oder zeigt gewisse Trends auf, davon kann man in der Forschung profitieren. Es darf aber nicht so weit gehen, dass auch der Lösungsansatz vorgegeben wird. Hier braucht es vor allem den Freiraum, neue Wege denken zu können - aber auch, um die wirklich neuen Fragen stellen zu können, Fragen, an die noch niemand im Ansatz gedacht hat. Die Industrie kann also nicht alle Fragen vorgeben, ansonsten werden sicher nicht die ganz neuen Sachen gedacht und entwickelt.

Sie waren vor Ihrer Zeit beim AIT selbst in der Grundlagenforschung tätig – welche Unterschiede gibt es da in der Herangehensweise an Forschungsprojekte?

Als angewandtes Forschungsinstitut haben wir schon immer im Hinterkopf, ob es dafür nicht ein Potenzial am Markt gibt bzw. ob es Unternehmen gibt, die das aufgreifen wollen. Hier liegt sicher ein großer Unterschied. Aus der Perspektive meiner Mitarbeiter beim AIT sehe ich zudem, dass man hier einem extrem hohen Druck ausgesetzt ist, Gelder zu akquirieren – das heißt, bei uns wird man vermutlich eine Spur weniger am wissenschaftlichen Output als an der Einwerbung von Drittmitteln gemessen. Es wird viel stärker auf die Verwertung von Ergebnissen geachtet, als in der Grundlagenforschung. Aber man sieht schon, dass dieses Denken auch an den Unis immer mehr Gewicht bekommt.

Ist das die richtige Richtung? Soll man Wirtschaft und Wissenschaft überall zusammendenken?

Ich finde, man kann es ausprobieren, es zusammenzudenken, aber es darf daraus kein Zwang entstehen. Also man sollte definitiv Räume schaffen, wo sie zusammenkommen können, aber es wäre ein Fehler, für jeden Bereich vorzugeben, Forschung nur unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Verwertung zu betrachten.

Gibt es ein Beispiel in Österreich, wo die Zusammenarbeit zwischen der Industrie, den Universitäten und anderen Forschungsinstituten besonders gut funktioniert? Wo diese Idee der Kooperation voll umgesetzt wird?

Ich kann nur aus meiner Erfahrung sprechen, aber das Technopol in Tulln ist jedenfalls zu nennen. Hier arbeiten das AIT, die Universität für Bodenkultur, die FH Technikum Wr. Neustadt, aber auch Unternehmen wie Biomin oder Agrana zusammen, um innovative und nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten von natürlichen Ressourcen zu finden. Das heißt, eigentlich geht es bei diesen Kooperationen nicht nur um eine bilaterale Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie, sondern auch um diese Vielfalt aus unterschiedlichen Forschungseinrichtungen.

Das Spannende an diesem Standort ist, dass hier Forschungsinfrastruktur gemeinsam genutzt wird. Für die Forschungskooperation "BiMM" – Bioaktive Metaboliten aus Mikroorganismen –, wurde von der BOKU ein großer Gerätepark errichtet, der für alle Forschergruppen und Unternehmen zugänglich ist. Damit wird nach neuen bioaktiven Substanzen aus Bakterien, Pilzen oder Algen gesucht und versucht, deren Wirkungsweise zu charakterisieren, damit man sie dann zum Beispiel als medizinische Wirkstoffe oder als Pflanzenschutzmittel und in der Umweltbiotechnologie einsetzen kann.

Von solchen Kooperationen und wirtschaftlich orientierten Technologiestandorten profitiert die Wirtschaft zu einem großen Teil. Welche Verantwortung hat sie im Gegenzug gegenüber der Wissenschaft – vielleicht auch in die Grundlagenforschung zu investieren?

Ja, gerade die österreichische Industrie könnte noch wesentlich mehr investieren – sowohl in die Grundlagenforschung, aber auch in die angewandte. Auch wenn das in der Öffentlichkeit manchmal anders wahrgenommen wird, kämpfen auch wir um jeden Euro. Es braucht einfach einen großen Boden an Erfindungen, damit daraus wirtschaftliche Innovationen werden können – das benötigt Förderungen. Dabei darf es nicht nur darum gehen, ob die Forschung auch zu einem großen wirtschaftlichen Durchbruch führt – was sich nicht immer vorab beurteilen lässt.

Hier liegt aber das Problem bei fast allen Fördersystemen, die wir haben. Man muss eigentlich immer schon fast vorher beweisen, dass die Forschung auch zu etwas führen kann. Dabei wäre ja das richtig Spannende, das zu fördern, wo man nicht genau weiß, was am Ende rauskommt. Dieses Risiko muss die Industrie definitiv mehr nehmen, wenn man die ganz neuen Ideen und Lösungen möchte.

Interview: Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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