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Pinsel, Farben und Leinwand

Kopie oder Original - der feine Unterschied

Von einem seiner Meisterwerke hat der belgische Surrealist René Magritte zwei Versionen gemalt, wie sich erst Jahre später herausgestellt hat. Experten sind sicher, dass er der Urheber beider Werke ist, konnten aber bisher die Vorlage nicht von der Kopie unterscheiden. Serbische Forscher wollen das Rätsel nun mathematisch gelöst haben.

Mathematik 12.08.2015

Selbstfälschungen

1983 tauchte bei einer Auktion in New York ein Gemälde von René Magritte auf, "Le saveur des larmes", dt.: "Der Geschmack der Tränen". Es zeigt ein grünliches Mischwesen - halb Raubvogel, halb Blatt -, das von einer Raupe angeknabbert wird. Das Problem: Dasselbe Bild aus dem Jahr 1948 hing bereits in einer europäischen Galerie. Zuerst dachten Kunstexperten daher sofort an eine Fälschung. Aber nach ausführlicher Überprüfung war man sich einig: Beide Werke stammen aus der Hand des berühmten belgischen Surrealisten. Blieb die Frage, warum Magritte zwei bis zur Inschrift auf der Rückseite des Bildes identische Werke angefertigt hatte.

Vielleicht war es einfach ein Scherz, wie Milan Rajkovic von der Universität Belgrad und Milos Milovanovic von der serbischen Akademie für Wissenschaften und Künste in ihrer Studie schreiben. Wie andere Surrealisten hatte der Maler bekanntermaßen einen ausgeprägten Sinn für Humor. So fertigte etwa Giorgio de Chirico in seiner späten Phase "Fälschungen" seiner frühen Werke an, um sich über Kritiker lustig zu machen, denen seine Entwicklung nicht gefiel. Wahrscheinlicher ist, dass sich zwei Sammler für das Werk interessiert haben und Magritte einfach eine zweite Version gemalt hat, um - zumal in Kriegszeiten - das doppelte Geld zu verdienen.

Zwei Versionen des Magritte Bilds - Der Geschmack der Tränen

arXiv.org, Milan Rajkovic, Milos Milovanovic

Zwei Versionen des Magritte-Bilds - "Der Geschmack der Tränen"

Heute hängt ein Exemplar im Barber Museum of Fine Arts in Birmingham und eines in Brüssel, in den Museés Royaux des Beaux Arts de Belgique. Welches nun das ursprüngliche Werk und welches die Kopie ist, blieb ungeklärt. Milan Rajkovic und Milos Milovanovic haben nun eine mathematische Methode entwickelt, mit der sie nach eigenen Angaben genau diese Unterscheidung treffen können.

Auf den Spuren der Kreativität

Der genuine Schaffensprozess organisiert sich immer wieder neu und hinterlasse so subtile Zeichen in der Ausführung, wie die Forscher in ihrer Arbeit schreiben. Das Ergebnis: Die Art und Weise, wie die Farbe am Ende aufgetragen und verteilt ist, erreiche ein einzigartiges Niveau an Komplexität. Das Kopieren sei etwas völlig anderes, der Vorgang viel methodischer, was sich letztlich in einer geringeren bildlichen Komplexität niederschlägt.

Dieser Unterschied lässt sich laut den Autoren mathematisch erfassen. Mit Hilfe einer sogenannten Wavelet-Transformation werden bildliche Informationen auf allen möglichen Ebenen formal repräsentiert und dann für den Rot-, Grün- sowie Blaubereich der untersuchten Bilder analysiert. Heraus kommen für jedes Werk globale Komplexitätswerte.

Klarer Komplexitätsunterschied

Getestet wurde die Methode vorerst an den Werken der niederländischen Künstlerin Charlotte Caspers, die im Auftrag einer Forschungsgruppe an der Princeton University vor einigen Jahre sieben Gemälde mit unterschiedlichen Techniken sowie Materialien und innerhalb weniger Tage Kopien derselben produziert hatte. Für die Kopien hatte sie interessanterweise doppelt so viel Zeit gebraucht.

"Das Malen einer Kopie ist bei weitem mühsamer als das eines spontanen Werks", soll sie dazu gesagt haben. Die maschinelle Analyse der serbischen Forscher schaffte es tatsächlich, alle sieben Kopien von ihren Originalen zu unterscheiden. Die berechnete globale Komplexität war bei letzteren eindeutig höher.

In der Folge haben die Forscher ihre Analyse auf die beiden identischen Magritte-Werke angewandt. Und kommen auch hier zu einem eindeutigem Ergebnis: "Wir sind äußerst zuversichtlich, dass nur eines der Bilder das Ergebnis eines kreativen Prozesses ist, das andere ist eine Kopie, angefertigt vom selben Urheber", schreiben sie. Ob das Original nun in Großbritannien oder in Belgien hängt, lassen die Forscher indes diplomatisch offen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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