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Illustration eines an der Erde vorbeifliegenden Asteroiden

Was man gegen Einschläge tun könnte

Heute findet der erste internationale Tag der Asteroiden statt. Er soll die Risiken eines Einschlags sowie mögliche Gegenmaßnahmen aufzeigen. Denn Forscherinnen und Forscher wissen: Mehr als 10.000 Asteroiden und Kometen kreuzen die Erdbahn und kommen uns damit gefährlich nahe.

Tag der Asteroiden 30.06.2015

Der österreichische Astrophysiker Rudolf Albrecht ist Mitglied des Asteroidenteams der Vereinten Nationen (UNO) und versucht mit Kolleginnen und Kollegen mögliche Szenarien durchzuspielen.

Rudolf Albrecht, geboren 1946 in Wien, hat an der Universität Wien in Astrophysik promoviert. Er war früherer Leiter der wissenschaftlichen Datenverarbeitung am Space Telescope Science Institute in Baltimore, Maryland und der ESA/ESO Space Telescope European Coordinating Facility in München. Aktuell ist er im Vorstand des Österreichischen Weltraumforums und Mitglied im UN-Asteroidenteams "Action Team 14".

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell, 30.6.2015, 13.55 Uhr.

"Es wird Einschläge geben", sagt Albrecht, der auch Vorstandsmitglied des österreichischen Weltraumforums ist. Das Problem sei die Vorhersage dieser Einschläge: "Wir können nicht sagen, dass beispielsweise in fünf Jahren ein Asteroid genau den Time Square treffen wird." Laut Albrecht spielen viele Faktoren zusammen, wie sich ein Asteroid verhält: etwa welche Größe und Beschaffenheit er hat oder von welcher Seite er sich der Erde nähert. Daher werden unterschiedliche Aktionspläne für unterschiedliche Bedrohungsszenarien erstellt.

Zerstörung wäre "Schrotschuss"

Ein eher unwahrscheinliches Szenario wäre eine Zerstörung eines Asteroiden, der direkt auf die Erde zurast. "Hinfliegen und wie Bruce Willis im Hollywood-Film den Asteroiden sprengen ist keine gute Idee", sagt Albrecht und erklärt: "Erstens sind Massenvernichtungswaffen laut Weltraumgesetz im All verboten, zweitens würde der Asteroid dadurch in viele kleine Teile gerissen werden. Das wäre dann wie ein Schrotschuss, da diese Teile auf die Erde fliegen und ebenfalls großen Schaden anrichten würden."

Daher beschäftigen sich die Experten vielmehr mit Methoden, um Asteroiden, die sich auf einem möglichen Kollisionskurs zur Erde befinden, von ihrem Kurs abzulenken. Dies könnte etwa durch Sonnensegel oder einer Art von Triebwerk auf dem Asteroiden geschehen. Möglich wären aber auch Evakuierungen im voraussichtlichen Einschlagsgebiet, wenn der mögliche Einschlag sehr spät erkannt wird.

Aktionspläne werden erstellt

Himmelskörper können auch sehr spät oder gar nicht erkannt werden. Deshalb brauche es laut Experten unterschiedliche Aktionspläne für Gegenmaßnahmen. Das 2001 von der UNO in Leben gerufene "Action Team 14", dem auch Astrophysiker Rudolf Albrecht angehört, entwickelt derzeit ein Schema zur Klassifizierung von Asteroideneinschlägen. So soll es möglich sein, sich auf alle Szenarien vorzubereiten.

Dabei gibt es auch die Möglichkeit, dass erst nach einem Einschlag gehandelt wird. Erst im Februar 2013 ist ein Meteorit, also ein Teil eines Asteroiden, im russischen Tscheljabinsk auf die Erde gestürzt und hat erheblichen Schaden angerichtet. "Diesen Einschlag haben wir nicht vorhergesehen", so Albrecht. Damals sind mehr als 1.000 Menschen verletzt worden, die meisten von ihnen hatten Schnittwunden, Knochenbrüche oder Gehirnerschütterungen. Durch die Druckwelle der Explosion des Meteors sind zudem bei tausenden Häusern die Fenster zu Bruch gegangen.

Selbst wenn dieser Einschlag in Tscheljabinsk vorhersagbar gewesen wäre - dass in diesem Fall Warnungen die Bevölkerung erreicht hätten, sei nicht sicher, sagt Albrecht: "Es stellt sich schon die Frage: Wie geben wir die Nachricht über mögliche Bedrohungen weiter?" Durch schlechte Informationen oder Gerüchte könne es nämlich mehr Probleme geben als durch einen tatsächlichen Einschlag, etwa wenn tausende Menschen in Panik vor einem vermeintlichen Einschlag flüchten.

"Wer trägt die Verantwortung?"

Der Asteroidenexperte sieht aber noch ein weiteres Problem: "Wer trägt überhaupt die internationale Verantwortung, wenn ein Asteroid auf die Erde zurast?" Immerhin könne nie genau berechnet werden, wo ein Himmelskörper einschlägt. Laut Albrecht gebe es daher ein geopolitisches Problem: "Wen soll es treffen?" Wenn ein Asteroid abgelenkt wird, um nicht in einer Millionenmetropole einzuschlagen, und dann auf eine andere Großstadt trifft, möglicherweise in einem anderen Land, werde die Frage nach der Verantwortlichkeit gestellt werden.

Diese Überlegung zeige den schwierigen Spagat zwischen Wissenschaft und Politik. Auf wissenschaftlicher Ebene gebe es keine Probleme in der internationalen Zusammenarbeit, geopolitisch sieht dies laut Albrecht anders aus. Hier müsse "auf Ebene der UNO" eine Lösung gefunden werden, wie im Fall eines möglichen Einschlags vorgegangen wird.

Philipp Maschl, science.ORF:at

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