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Schlafende Frau

Eine Sekunde länger schlafen

Der Juni 2015 dauert länger als normalerweise: In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli wird um Mitternacht eine sogenannte Schaltsekunde in die Weltzeit eingefügt. Das ist notwendig, weil sich die Erde immer langsamer dreht.

Zeitumstellung 30.06.2015

Schuld daran ist die Schwerkraft zwischen Erde und Mond. Genauer gesagt: die Reibung, die von den Gezeiten der Ozeane erzeugt wird. Dieser Effekt bremst die Erdrotation zwar nur ein klein wenig ab, doch immerhin so viel, dass Weltzeit und Erdrotation ohne Zeitkorrekturen auseinanderdriften würden. Seit den 60er-Jahren wären das immerhin 25 Sekunden gewesen.

Ö1-Sendungshinweis

Der Schaltsekunde widmet sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal, 30.6.2015, 12.00 Uhr.

Ob und wie sich die Tageslänge verändert, misst man mit der sogenannten Interferometrie, weiß Johannes Böhm, Geodät an der TU Wien: "Wir beobachten die Strahlung von extragalaktischen Radioquellen mit mehreren über die Erde verteilten Radioteleskopen. Und wir messen, wann die Signale bei welcher Station ankommen. Aus den Zeitdifferenzen können wir wiederum auf die Geschwindigkeit der Erdrotation schließen."

Die Methode ist mittlerweile so genau, dass man damit Abweichungen im Millisekundenbereich messen kann – jedenfalls viel genauer, als es die offiziellen Korrekturen der Weltzeit sind. Insofern wäre es ziemlich egal, ob man nun alle ein bis zwei Jahre eine Schaltsekunde oder etwa alle 100 Jahre eine Schaltminute einfügt. Zumindest, was die Astronomie betrifft, die ohnehin nur mehr mit Atomuhren rechnet.

Technische Probleme möglich

Diskussionsbedarf gibt es allenfalls bei technischen Anwendungen: Das russische Navigationssystem GLONASS, das im Gegensatz zum GPS die Einführung von Schaltsekunden mitmacht, könnte durch die Umstellung Probleme bekommen.

Probleme hat auch so manch anderes Computersystem mit der 61. Sekunde: 2012, als die letzte Schaltsekunde eingefügt wurde, fiel etwa das Buchungssystem der australischen Fluggesellschaft Qantas zeitweise aus. Deshalb votieren Länder wie Frankreich und die USA schon seit Längerem, die 1972 eingeführte Schaltsekunde wieder abzuschaffen und durch größere Zeiteinheiten zu ersetzen (die man dann entsprechend seltener einfügen müsste).

Ob das so sein wird, entscheidet sich frühestens im November bei der nächsten Weltfunkkonferenz der Internationalen Fernmeldeunion.

Verändert der Klimawandel die Tageslänge?

Dass sich die Erdumdrehung auch in historischen Zeiten verändert haben muss, können man an astronomischen Aufzeichnungen ablesen, erklärt Böhm im Gespräch mit science.ORF.at: "Würden wir die heutige Tageslänge auf die Bewegungen von Erde und Sonne anwenden, dann kämen wir zu dem Ergebnis, dass es 136 vor Christus eine Sonnenfinsternis in Mallorca gegeben hat. Das ist falsch. Tatsächlich war die Sonnenfinsternis in Mesopotamien zu beobachten, wie wir aus Dokumenten wissen. Die Zeitdifferenz beträgt ungefähr drei Stunden."

Wann die nächste Schaltsekunde fällig sein wird, so es sie noch gibt, könne man nicht vorhersagen, betont Böhm. Nicht zuletzt deshalb, weil neben den Ozeanen auch die Atmosphäre die Tageslänge beeinflusst, in der es bekanntlich recht chaotisch zugeht. Hauptakteure sind hier vor allem auf die Winde. Allen voran die in großen Höhen gelegenen Starkwindbänder, auch "Jetstream" genannt.

Nicht ausschließen will Böhm, dass selbst der Klimawandel die Tageslänge verändern könnte. Studien zufolge gibt es jedenfalls einen Zusammenhang zwischen der Temperatur und dem Verhalten von Winden. Der Jetstream, heißt es in aktuellen Studien, sei in den letzten Jahren nach Norden gewandert.

Robert Czepel, science.ORF.at

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