Standort: science.ORF.at / Meldung: "Artenvielfalt leidet unter Amnesie"

Blumen auf einer Almwiese, im Hintergrund Berge.

Artenvielfalt leidet unter Amnesie

Wie sehr Lebensräume für Pflanzen und Tiere durch Menschen verändert werden, zeigt sich meistens schnell. Das Artensterben setzt jedoch oft später, dafür aber rasch ein. Nur kann sich am Ort des Geschehens kaum jemand daran erinnern, wie es vorher aussah. Auf diese drohende Artenvielfaltsamnesie weisen österreichische Forscher nun hin.

Umwelt 01.07.2015

Verursacht wird das momentan um sich greifende Artensterben durch mehrere - meist von Menschen gemachte - parallel ablaufende Entwicklungen, die zusammen nachteilig auf die Artenvielfalt wirken. Das sind etwa die Reduktion oder das Abschneiden von Lebensräumen, veränderte Landnutzung und Düngereinsatz oder der Klimawandel. In der Vergangenheit gingen solche Veränderungen meistens noch relativ gemächlich von statten, durch den Einfluss des Menschen hat sich das Tempo aber drastisch erhöht.

Unbewusste Amnesie

Die Studien:

"Delayed biodiversity change: no time to waste" von Franz Essl et al., erschienen in "Trends in Ecology and Evolution", Juli 2015.
"Historical legacies accumulate to shape future biodiversity in an era of rapid global change" von Franz Essl, erschienen in "Diversity and Distributions", Februar 2015.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 1.7. um 13:55.

In einer Publikation vom Februar dieses Jahres zeigten der Biodiversitätsforscher Franz Essl vom Umweltbundesamt und der Universität Wien mit seinen Kollegen allerdings, dass auch dramatische Umwälzungen in einem Lebensraum oft erst zeitversetzt Arten stark dezimieren oder zu deren Aussterben führen. In der aktuellen Publikation hat sich das Team um Essl nicht nur mit den Mechanismen der Umweltveränderungen, sondern auch mit der Wahrnehmung des Zustands der Umwelt beschäftigt.

Menschen, die großteils im 21. Jahrhundert groß geworden sind, würden eine Wiese, auf der fast nur Löwenzahn und nur vereinzelt andere Blumen stehen, möglicherweise schon als artenreiche Blumenwiese wahrnehmen. Deren Großeltern würden das vermutlich noch ganz anders sehen. Die Forscher sprechen hier von sich verändernden Bezugslinien. "Dadurch, dass unser Gedächtnis viel stärker darauf ausgelegt ist, jüngere Ereignisse in Erinnerung zu behalten, verändern sich die Bezugspunkte. Was heute als intakte Natur wahrgenommen wird, entspricht keineswegs dem, was eine frühere Generation so wahrgenommen hat", sagte Essl.

Auch bei Gruppen, die in Kontakt mit der Natur sind, wie etwa Fischern, habe sich dieser Effekt in Untersuchungen gezeigt. Viele wüssten zwar aus Erzählungen etwas über ursprünglichere Fischbestände, ihre eigene, andere Erinnerung ist aber präsenter. Weil das Aussterben an einem Ort dann sehr schnell gehen kann, kommt es zu einem schnellen Erlöschen der Erinnerung an die frühere Vielfalt - "eine unbewusste Amnesie", so der Ökologe. Das führe zum Unterschätzen der Veränderung in der Umwelt.

Hier zeige sich abermals, dass Artenschutz schnell und verstärkt angegangen werden muss. Um Arten und Lebensräume besser zu erhalten, sprechen sich die Forscher für die Einrichtung und Ausweitung von Schutzgebiete aus. Außerdem müsse man den Naturschutz stärker in die Landnutzung einbeziehen und das Einschleppen gebietsfremder Arten zu verhindern.

science.ORF.at/APA

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