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Unirektorin: "Weiß nicht, was morgen ist"

Die Krise hungert Griechenlands Universitäten finanziell aus. An der Aristoteles-Universität in Thessaloniki, der größten Uni des Landes, sind die öffentlichen Gelder drastisch zurückgegangen. Heuer gibt es nur noch 15 Millionen Euro staatliche Förderung. Zum Vergleich: Das Budget der Universität Wien beträgt heuer mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Griechenland 03.07.2015

Die beiden Hochschulen sind durchaus vergleichbar: An der Uni Wien studieren rund 90.000 Menschen, sie beschäftigt knapp 7.000 Wissenschaftler bzw. Wissenschaftlerinnen; in Thessaloniki sind es rund 65.000 Studierende bei 2.000 Wissenschaftlern.

Unter diesen Vorzeichen bietet eine wissenschaftliche Ausbildung keine guten Zukunftsaussichten: Einen Job an einer der griechischen Universitäten zu finden ist ob der prekären Finanzlage praktisch aussichtslos. Was also bleibt, sind arbeitslose Akademiker und eine Flucht der griechischen Studierenden ins Ausland.

Despina Klavanidou ist Vizerektorin der Aristoteles-Universität in Thessaloniki, der größten Universität Griechenlands. Im Gespräch mit science.ORF.at beschreibt sie die schwierige Lage an ihrer Universität, finanzielle Nöte und die Hilfe der Europäischen Union bei aktuellen Forschungsprogrammen.

Porträtfoto der Vizerektorin Despina Klavanidou der Uni Thessaloniki

Aristoteles-Universität von Thessaloniki

Zur Person
Despina Klavanidou ist Professorin für Zivilrecht und Vizerektorin der Aristoteles-Universität in Thessaloniki. Sie hat 1986 in Recht promoviert und ist seit 2009 als Professorin an der Aristoteles-Universität tätig. Im September 2014 ist Klavanidou zur Vizerektorin für Planung und Entwicklung ernannt worden.

science.ORF.at: Universitäten in Griechenland haben den Ruf, sehr politisch zu sein. Wie ist die Situation bei Ihnen an der Universität in Thessaloniki?

Despina Klavanidou: Es ist nicht so, dass die griechischen Universitäten besonders politisch sind. Die große Mehrheit unserer Studierenden sind in Programmen der Europäischen Union engagiert. Sie nehmen beispielsweise an einem Erasmus-Programm teil. Es gibt aber auch eine Minderheit von Chaoten-Studenten. Aber wie alle Bürger haben auch Studenten eine politische Ansicht. Das bedeutet aber nicht sofort Proteste. Es gibt in Griechenland generell Proteste, aber nicht an der Universität.

Die Sparpolitik an den Unis läuft nun seit mehreren Jahren. Wie war Ihre Universität von den Einsparungen betroffen?

Es ist unbestritten, dass die Wirtschaftskrise negative Auswirkungen auf griechische Universitäten hat. Besonders auf unsere, die Aristoteles-Universität, die die größte Universität in Griechenland ist. Erstens ist die Staatsfinanzierung in den letzten Jahren immer geringer geworden. Sie ist um 65 Prozent reduziert worden. Zweitens ist es schwierig für unsere Absolventen, eine Arbeit in Griechenland zu finden. Deshalb zieht es sie ins Ausland, um dort zu arbeiten. Die Gehälter und die Pensionen für das Universitätspersonal sind um mindestens 30 Prozent reduziert worden. Außerdem hat sich das Personal, also Professoren, Aushilfspersonal und Verwaltungspersonal, verringert. Wenn ein Professor beispielsweise in Pension geht, bleibt sein Lehrstuhl unbesetzt. Es gibt keine neuen Einstellungen. Dazu kommt, dass viele griechische Forscher, die derzeit im Ausland studieren, kein Motiv haben, zurückzukommen. Aber um nicht immer negativ zu denken: Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten versuchen wir das Studium auf einem hohen Niveau zu halten.

Es gibt Studiengänge, wo es kostenintensive Laborarbeit gibt. Beispielsweise Molekularbiologie oder Chemie. Ist es möglich, in diesen Fächern weiterhin auf gutem Niveau zu studieren?

Natürlich müssen wir sparen. An unserer Universität haben die Forscher aber alle Möglichkeiten, an der Uni zu arbeiten. Das beinhaltet Fächer wie Biologie oder Chemie. Es gibt natürlich weniger Budget. Die Mehrheit der Forschungsprojekte wird aber von der Europäischen Union finanziert.

Gab es bei der Finanzierung durch die Europäische Union oder den Studentenaustausch Veränderungen?

Da haben wir keine Probleme. Unsere Studenten nehmen ganz normal am Erasmus-Programm teil. Ich hoffe, dass dies auch in Zukunft so bleibt und unsere Studenten im Ausland, in Europa studieren können.

Hat sich die Zusammenarbeit in der Forschung verändert, etwa bei Forschungsförderungsmitteln durch die EU?

Im Moment gibt es kein Problem mit der Zusammenarbeit ausländischer Universitäten. Ich weiß aber natürlich nicht, was morgen sein wird. Es ist eine sehr schwierige Situation, und im Moment wissen wir einfach nicht, was noch kommt.

Sie haben erwähnt, dass viele Forscher und Studierende aus Griechenland weggehen. Gibt es da Zahlen Ihrer Universität, die dies belegen?

Was Studierende betrifft, habe ich keine Zahlen. Viele Absolventen gehen ins Ausland, um dort zu arbeiten oder weiter zu studieren. Professoren bleiben aber in Griechenland. Nur zwei Prozent haben in den letzten Jahren den Schritt ins Ausland gemacht. Wer jetzt studiert, bleibt in Griechenland. Nach ihrem Abschluss gehen aber viele Absolventen ins Ausland, um ein Aufbaustudium zu absolvieren.

Was erwarten Sie von den nächsten Wochen und Monaten?

Unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder liegt in Europa. In einem Europa, das die Probleme zwischen Nord und Süd bewältigen kann. Was ich mir wünsche, ist eine Universität mit finanzieller Autonomie, die sich ihrer akademischen Rolle widmen kann.

Sie sprechen "finanzielle Autonomie" an. Die letzten Jahre ist massiv an Budget eingespart worden. Wie kann man sich vorstellen, dass der Betrieb noch aufrechterhalten wird?

Es ist eine Art Notbetrieb. Wir brauchen mehr Geld vom Staat, um uns unserer Rolle widmen zu können. Die Finanzierung vonseiten des Staates ist zu gering. Vor fünf Jahren haben wir noch 40 Millionen Euro für unsere Aristoteles Universität bekommen, in diesem Jahr haben wir nur noch 15 Millionen bekommen, und das für die größte Universität des Landes. Wir haben 41 Fakultäten, 2.000 Professoren, 500 weitere Mitarbeiter und 65.000 Studierende. Da sind 15 Millionen Euro nicht genug.

Interview: Elke Ziegler, Mitarbeit: Lukas Wieselberg & Philipp Maschl, science.ORF.at

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