Standort: science.ORF.at / Meldung: "Kleine Teams sind kreativer"

Forscherinnen und Forscher im Labor

Kleine Teams sind kreativer

Kleine Gruppen, flache Hierarchien, direkte Kommunikation - unter diesen Bedingungen gedeiht innovative Wissenschaft, sagt der deutsche Soziologe Thomas Heinze. In Österreich und Deutschland sieht er diese immer seltener verwirklicht. Seine Diagnose: Der Trend weist Richtung Großforschung, die Kreativität bleibt zusehends auf der Strecke.

Interview 06.07.2015

science.ORF.at: Kann man wissenschaftliche Kreativität messen?

Thomas Heinze: Wissenschaft sollte einerseits etwas Neues darstellen und andererseits an das Bestehende in produktiver Weise anknüpfen. Das ist natürlich schwer messbar.

Wir haben daher schriftliche Befragungen durchgeführt und Fachleuten die Frage gestellt: "Wen halten Sie in einer bestimmten Zeitperiode in einem bestimmten Feld für besonders kreativ?" Die Antworten haben wir dann mit Angaben zu Auszeichnungen und Preisen verknüpft – damit konnten wir uns der Kreativität zumindest annähern.

Thomas Heinze, Soziologe

Bergische Universität Wuppertal

Zur Person

Thomas Heinze ist Professor für Organisationssoziologie an der Bergischen Universität Wuppertal.

Literatur zum Thema

"Career-based influences on scientific recognition in the United States and Europe: Longitudinal evidence from curriculum vitae data", Research Policy (Sept. 2013).

"Organizational and Institutional Influences on Creativity in Scientific Research", Research Policy (Mai 2009).

"Institutionalizing Excellence in Biomedical Research: The Case of The Rockefeller University", in: Contributions to the History of the Rockefeller University, Rockefeller University Press, New York 2004.

"High Cognitive Complexity and the Making of Major Scientific Discoveries", in: Knowledge, Communication, and Creativity, Sage Publications, 2007.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 6.7., 13:55 Uhr.

In welchen Fächern?

In den Bereichen Nanowissenschaft und Humangenetik.

Was zeichnet einen kreativen Wissenschaftler aus?

Kreative Forscher sind - zumindest was die Natur-und Technikwissenschaften betrifft – relativ jung und arbeiten typischerweise in kleinen Gruppen. Das heißt: Sie führen mit denjenigen Kollegen, mit denen sie inhaltlich zusammenarbeiten, jeden Tag Gespräche.

Diese zwei Zutaten - relative Jugend plus kleine Gruppen - funktionieren allerdings nur, wenn diese Teams wiederum in ein größeres Ganzes eingebunden sind. Kreative Forscher sind keine Einzelkämpfer, sondern in der Regel sehr gut vernetzt.

Was das Alter anlangt, kommt es laut Studien sehr aufs Fach an. Mathematiker liefern ihre wichtigsten Beiträge meist sehr früh, bei Historikern dauert es hingegen viel länger.

Das stimmt natürlich. In den stark formalisierten Disziplinen wie Mathematik und Physik haben die Forscher ihre produktivste Phase früher. Und in den Geisteswissenschaften eher später.

Was ist die ideale Gruppengröße?

Mit diesem Begriff habe ich gewisse Schwierigkeiten – was ist schon ideal? Wir haben empirisch festgestellt, dass kreative Gruppen relativ klein sind, was offenbar etwas über den Arbeitskontext aussagt. Die Frage ist: Wie eng können die relativ erfahrenen Gruppenleiter mit ihren Doktoranden, Technikern und Assistenten zusammenarbeiten? Das ist besonders gut in kleinen Gruppen möglich, weil die Hierarchien flach und die Kommunikationswege kurz sind.

Anders gefragt: "Klein" bedeutet fünf, zehn oder 20 Menschen?

In unseren Fallstudien bestanden die besonders kreativen Teams oft aus sechs bis acht Forschern und Forscherinnen. Ich kann kein Optimum angeben, klar ist aber auch: Bei deutlich über fünfzehn Mitarbeitern ist die tägliche Arbeit einfach anders organisiert.

Inwieweit deckt sich dieser Befund mit den Realitäten der deutschen und österreichischen Forschungslandschaft? Ist die Wissenschaft so organisiert, dass sie die Kreativität fördert?

An Universitäten traditionellerweise schon. Allerdings hat sich in den letzten 30 Jahren das Verhältnis von Professor oder Professorin zu den wissenschaftlichen Mitarbeitern stark verschoben. Durch die Ausweitung der Drittmittelforschung gab es eine Verdreifachung der Mitarbeiterstäbe - in Österreich sind die Zahlen übrigens ähnlich.

Es gibt nun mehr große Gruppen als früher. Wenn man das mit unserem Befund verknüpft, muss man sagen: Die Bedingungen haben sich in Bezug auf die kreativen Möglichkeiten verschlechtert.

Und außeruniversitär?

Sieht es noch schlechter aus. Die Abteilungen außeruniversitärer Institute sind zum Beispiel deutlich größer. Nehmen wir die Max-Planck-Gesellschaft: Da kommen auf einen Direktor oder eine Direktorin durchaus 20 bis 30 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nimmt man noch die Stipendiaten, Gastwissenschaftler und wissenschaftlichen Hilfskräfte dazu, kommt man auf Gruppengrößen in der Größenordnung zwischen 60 und 70.

Kommen wir zurück zu den Universitäten: Die über Drittmittel finanzierten Mitarbeiter sind zwar mehr geworden. Aber es wäre denkbar, dass sich die wiederum in kleinen Teams organisieren.

Da gebe ich Ihnen Recht. Im Prinzip könnten die Drittmittel auch die Entstehung kleiner, flexibler Forschungsgruppen führen. Das Förderwesen ist allerdings so ausgerichtet, dass immer mehr Gelder in die Verbundforschung fließen. Es gibt an den Universitäten einen Trend zu Exzellenzclustern mit steilen Hierarchien. Das halte ich für problematisch.

Exzellenzcluster sind der Kreativität abträglich?

Das würde ich so nicht sagen. Es kommt auf die Organisation an. Wenn der Cluster aus lose verbundenen, autonomen Gruppen besteht, kann das auch sehr gut sein. Wenn die Gruppen hingegen nur einem Thema untergeordnet sind und nur mehr Teile eines Forschungsprogramms abarbeiten, dann ist das typische Großforschung - und nicht mehr Universitätsforschung.

"Abarbeiten" heißt: Normalwissenschaft im Thomas Kuhn'schen Sinne?

Ja, es bedeutet, dass es ein etabliertes Forschungsfeld gibt, in dem nur noch Restfragen zu klären sind. Der amerikanische Organisationsforscher James March hat das "exploitation" genannt - im Gegensatz zur "exploration", also die Entdeckung von neuen Pfaden.

Nun muss man aber gerechterweise sagen, dass manche Fächer eben nur über das kontinuierliche Abarbeiten von Großprogrammen zum Erfolg kommen können. Etwa die Genomforschung oder die Teilchenphysik.

Das stimmt, das ist Großforschung per Definition. Aber selbst in diesen Fächern ist das nicht generalisierbar. Wir sehen zum Beispiel, dass in vielen älteren Teilchenbeschleunigern nun ganz neue Themen Unterschlupf finden. Zum Beispiel die Photonenforschung, bei der es darum geht, die Materie mit Teilchenstrahlung zu durchleuchten. Hier arbeiten Physiker, Biologen, Chemiker und Materialwissenschaftler zusammen. Und zwar in Kleingruppen.

Bedeutet Ihr Befund, dass man die sogenannten Orchideenfächer stärken sollte?

Die Orchideenfächer sind ja deshalb solche, weil die Lehrstuhlinhaber alleine sind. Meist gibt es nur eine oder zwei Professuren pro Universität. Ich glaube, es wäre ein Fehler, die Orchideenfächer einerseits zu finanzieren, sie dabei aber vereinsamen zu lassen. Man muss ihnen Anregungen aus anderen Fächern bieten. Die Vorstellung, dass man sich ein Fach nur als Luxus, gewissermaßen als Bonbon leistet, halte ich für abwegig.

Welche Institutionen machen es aus Ihrer Sicht richtig? An wem sollte man sich orientieren?

In den USA sind das zum Beispiel das Rockefeller Institute und das California Institute of Technology. Beide Institute sind sehr erfolgreich und haben eine Menge von Nobelpreisen und sonstigen Auszeichnungen eingeheimst.

Mein US-Kollege Rogers Hollingsworth hat nachgewiesen, dass sie ähnlich aufgebaut sind: Beide zeichnen sich durch eine lose Föderation von Kleingruppen aus. Hollingsworth stellt das den großen amerikanischen Universitäten mit ihren, wie er schreibt, "unbeweglichen Departments" gegenüber. Aus europäischer Perspektive kann ich das nur mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen.

Warum?

Aus meiner Sicht ist die Departmentstruktur der US-Universitäten viel geeigneter als die Lehrstuhlstruktur der deutschen und österreichischen Universitäten. In den USA haben die Professoren keine großen Mitarbeiterstäbe und können sich, wenn sie es möchten, gut koordinieren.

Das Bemerkenswerte ist: In Europa gibt es Rückholprogramme, um erfolgreiche Forscherinnen und Forscher wieder ins Land zu holen. Und diese Programme locken mit jenen großen Strukturen, die es in den USA nicht gibt. Warum kommen die Wissenschaftler zurück? Weil sie nach Jahren des harten Wettbewerbs die letzten zehn, 15 Jahre ihrer Karriere in einer gesicherten institutionellen Umwelt verbringen möchten.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: