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Stimmungsbild: Griechenlands Universitäten

Kein Geld für teure Forschungsgeräte, ein eingemauerter Rektor in Athen und die Flucht von jungen Forschern und Forscherinnen ins Ausland. science.ORF.at hat griechische Wissenschaftler in Österreich über die Situation der Unis in ihrem Heimatland befragt. Das Fazit: Es ist eine Gratwanderung zwischen Hoffnung und Resignation.

Griechenland 03.07.2015

"Ich weiß gar nicht, wie die Leute den laborintensiven Studienbetrieb aufrecht erhalten", fragt sich Vasiliki-Maria Archodoulaki, Professorin für Kunststofftechnik an der TU Wien. Sie hat ihr Land verlassen, um ihre wissenschaftliche Karriere in Wien fortzusetzen. Archodoulaki informiert sich laufend über die Situation an griechischen Unis. Ihre Cousine ist Dekanin an der Universität in Thessaloniki.

Die letzten Jahre haben massive Einsparungen an den Unis in Griechenland gebracht. "Die Leute haben reell 30 Prozent weniger Gehalt", schildert Archodoulaki die prekäre Lage im Ö1 Morgenjournal. Griechenlands Universitäten haben seit 2008 mehr als die Hälfte ihrer staatlichen Förderungen verloren.

Griechenland verliert seine wissenschaftliche Elite

"Diese Generation ist ruiniert. Die heute 30-Jährigen in Griechenland haben nichts", malt die TU-Professorin ein düsteres Bild. Wer kann, würde ins Ausland gehen, um dort sein Glück zu finden. Viele junge Griechen zieht es deshalb in andere europäische Länder, in die USA oder Australien. "Natürlich ist das eine Gefahr", sagt Dimitrios Kolymbas, Professor für Geotechnik und Tunnelbau an der Universität Innsbruck, gegenüber science.ORF.at. "Wenn die besten Köpfe auswandern, was soll man dann machen?", fragt sich der gebürtige Grieche.

Die Universitäten hätten unter den Einsparungen gelitten. Zudem haben laut Kolymbas politisierende Studentenbewegungen "eine zu große Macht bekommen". Schuld sei die Rücknahme eines neuen Universitätsgesetzes durch die Tsipras-Regierung gewesen. Der Professor der Uni Innsbruck erzählt von drastischen Maßnahmen der Studenten: "Sie haben den Rektor der Uni Athen in sein Zimmer eingemauert."

"Schwierig, das Potential auszuschöpfen"

Als "eine Bedrohung" sieht Loukas Balafoutas, Finanzwissenschaftler an der Universität Innsbruck, die Abwanderung griechischer Akademiker in andere Länder. Für sein Heimatland liege die Herausforderung darin, möglichst viele von ihnen "zurück in die Heimat" zu bringen. Durch "entsprechende Anreize" soll dies gelingen. Doch er weiß: "Es werden in der Krise kaum Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter ausgeschrieben." Von der Uni in Thessaloniki heißt es: Geht ein Professor in Rente, wird sein Lehrstuhl nicht mehr nachbesetzt. Das führe immer mehr Wissenschaftler aus Griechenland ins Ausland.

Balafoutas war selbst erst vor wenigen Tagen in Athen und hat dort an einem Forum zur Lage der griechischen Universitäten in der Zeit der Krise teilgenommen. Da in Griechenland alle Universitäten laut Verfassung öffentlich sind und dadurch von der staatlichen Finanzierung abhängig, habe die Forschung in den vergangenen Jahren nachgelassen. Zudem gebe es Probleme in der Organisation und Selbstverwaltung. "All diese Probleme machen es sehr schwierig, das Potenzial der Universitäten auszuschöpfen", fasst Balafoutas zusammen. Dabei gebe es sehr viele kompetente und ambitionierte Akademiker und Studenten in seinem Land.

Hohes Niveau in Gefahr

Kontakt zu Forscherinnen und Forschern aus Griechenland hat auch Maria Christidis. Die Archäologin der Uni Graz war ebenfalls vor Kurzem in Athen und ist laufend mit ihren Landsleuten in Kontakt. Seit der Krise hat sich die Lage "radikal verschlechtert". Sehr viele Forschungsprogramme, die von der EU finanziert wurden und nun auslaufen, könnten nicht mehr fortgesetzt werden.

Dennoch sieht die in Graz lehrende Griechin weiterhin ein hohes Forschungsniveau an den Unis in ihrem Heimatland gegeben. "Das Problem ist, dass in Zukunft wahrscheinlich die meisten Stellen gestrichen werden", so ihre Befürchtung. Dann werde es auch keinen Nachwuchs mehr geben, und ohne qualifizierte Personen und ohne Mittel könne die Forschung nicht fortgesetzt werden.

Ihr Landsmann, Georgios Katsaros, Quantenphysiker an der Johannes Kepler Universität Linz, bringt die Situation auf den Punkt: "Die Stimmung in Griechenland ist generell sehr schlecht. Die Menschen sind verzweifelt und haben Angst." Daher würden junge Menschen auch ins Ausland gehen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Zudem sei die Forschung etwa im Gebiet der Experimentalphysik in Griechenland "fast unmöglich". Die Geräte seien gerade auf diesem Gebiet "sehr teuer und die Laufkosten sehr hoch".

Geld ist nicht alles

Die befragten griechischen Forscher in Österreich sind sich einig: Das Geld fehlt Griechenlands Universitäten an allen Ecken und Enden. "Es wird immer schwieriger, forschungstechnisch mit anderen europäischen und amerikanischen Universitäten mitzuhalten", fasst Finanzwissenschaftler Loukas Balafoutas die Lage der Griechischen Unis zusammen.

Sein griechischer Kollege an der Universität Innsbruck, Dimitrios Kolymbas, wirft aber ein: "Die Gleichung 'mehr Geld ist bessere Forschung' stimmt nicht immer." Und auch TU Wien-Professorin Vasiliki-Maria Archodoulaki sieht Hoffnung für Griechenlands Forscher: "Für das, dass sie kein Geld haben, sind sie gut."

Philipp Maschl, science.ORF.at, Mitarbeit: Elke Ziegler

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