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Professoren im Talar

Die ordentliche Professur – ein Anachronismus?

Mehr als 36.000 Menschen arbeiten an Österreichs öffentlichen Hochschulen in der Wissenschaft. Nur knapp 2.400 von ihnen haben eine "ordentliche Professur". Dennoch bestimmen Professoren den allergrößten Anteil der Geschicke der Unis. "Ein Anachronismus", findet eine Initiative junger Forscherinnen und Forscher.

"Faculty-Modell" 08.07.2015

Ihr Gegenmodell: Unis, an denen alle ab dem Rang von Postdocs mitbestimmen dürfen.

"Faculty-Modell" heißt es, weil letztlich die gesamte Fakultät über Ausrichtung und Ressourcen der Wissenschaft entscheiden soll. "Und nicht nur die elitäre Kurie der ordentlichen Professoren", wie es Anna Babka ausdrückt, assoziierte Professorin am Institut für Germanistik der Universität Wien und Sprecherin der Initiative.

"Wir wollen ein Miteinander von gleichrangigen Personen - von den heutigen Professoren bis zu den Lektoren und Lektorinnen, die zurzeit 50 Prozent der Lehre bestreiten. Sie sollen gemeinsam lehren und forschen und sich nicht damit aufhalten, Hierarchien zu überwinden. Wir wollen die Kurien abschaffen", fasst sie ihr Anliegen zusammen.

"Faculty-Modell" geistert seit Jahren herum

Neu ist das "Faculty-Modell" nicht. Bereits vor sieben Jahren ist es im Regierungsprogramm von SPÖ und ÖVP gestanden. Das "derzeitige Kuriensystem soll durch ein 'Faculty-Modell nach internationalem Vorbild abgelöst werden", hieß es damals. Und zwar nach "ausführlicher Diskussion mit allen Betroffenen".

Ob tatsächlich ausführlich diskutiert wurde, bleibt Ansichtssache. Fakt ist: Die ehemalige Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) hat sich noch 2011 für die "Faculty-Variante" ausgesprochen. Sie kündigte damals an, ein Modell zu erarbeiten, dass "sämtliche qualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu einer einheitlichen Gruppe mit universitärer Verantwortung zusammenfasst." Was dann geschah, ist ungeklärt – eine angekündigte Großkonferenz zu dem Thema fand nie statt.

Wissenschaftsrat gegen Kuriensystem

Der Österreichische Wissenschaftsrat zeigte sich im September 2010 jedenfalls deutlich skeptischer als Karl – bezog sich in seiner Kritik aber vor allem auf den Begriff "faculty", der aus dem anglo-amerikanischen Raum entlehnt wurde und dort sehr unterschiedlich gehandhabt wird.

Dennoch empfahl der Wissenschaftsrat 2013 die Einrichtung eines neuen "Fakultätsrats", der etwa bei Berufungs- und Habilitationsverfahren sowie den Lehrplänen entscheidet. Das alte Kuriensystem – die Trennung in ordentliche Professuren und Mittelbau – entspreche "nicht mehr den Erfordernissen einer modernen Universitätsentwicklung."

Die Mitglieder des Uni-Senats sollen nicht mehr "wie im bisherigen 'Kurienmodell' als Vertreter einer bestimmten Gruppe von Universitätsangehörigen gewählt werden, sondern … die Universitätsangehörigen in ihrer Gesamtheit repräsentieren".

Eine klare Ansage, wenn man sich vor Augen hält, dass die ordentlichen Professoren (Frauenanteil 2014: 22 Prozent) derzeit in vielen wichtigen Gremien die Mehrheit haben bzw. die Hälfte der Stimmen.

UG-Novelle bringt Änderungen

Eine Änderung könnte es mit einer Novelle des UG2002 geben, die in diesen Tagen vom Wissenschaftsministerium präsentiert werden soll. Das Kuriensystem wird dabei nicht angetastet, aber es könnte sich neu zusammensetzen. Konkret betrifft das die sogenannten "assoziierten Professoren": Diesen Titel trägt zurzeit, wer eine Laufbahnstelle ("tenure track") einer Universität absolviert hat. An der Uni Wien gibt es derzeit etwa rund 70 derartige Professoren (in der Mehrheit Frauen) – dem stehen rund 500 ordentliche Professoren gegenüber.

"Wir haben vertraglich die gleichen Pflichten wie diese, aber nicht die gleichen Rechte und schon gar nicht die gleichen Ressourcen", sagt die Germanistin Anna Babka, selbst assoziierte Professorin. "Wir müssen gleich viel unterrichten und administrieren, können aber nicht mitentscheiden, wohin sich die Fakultät oder das Institut entwickelt. Und wir bekommen von der Universität keine Anschubfinanzierung zu Beginn, mit der man sein Forschungsfeld konturieren kann, Geräte oder Fachbücher anschaffen kann, Publikationen oder Tagungen finanzieren kann. "

Die aktuelle UG-Novelle will assoziierte und ordentliche Professuren unter bestimmten Bedingungen angleichen – was Anna Babka grundsätzlich begrüßt. Gemeinsam mit dem Mathematiker Bernhard Lamel und anderen Kollegen hat sie vor Kurzem die "Arbeitsgemeinschaft für universitäre Karriereplanung" (AGUK) gegründet, die sich für flachere Hierarchien und mehr Mitbestimmung an den Unis einsetzt. "Die geplante Änderung ist ein guter Anfang. Aber wir wollen 'die Professur' generell entzaubern", sagt Babka.

"Faculty": Alle ab dem Postdoc

"Die kuriale Verfasstheit der Universität ist ein Anachronismus. Denn worum geht es? Um das hochqualifizierte Arbeiten an der Sache oder um das Erhalten von ererbten Strukturen und Ständen?" Der Germanistin gehe es nicht nur um das Aufstocken der Professorenkurie um neue Mitglieder, sondern um mehr Mitsprache aller Uni-Angehörigen – inklusive der Studierenden und des allgemeinen Personals.

Nach den Vorstellungen der AGUK soll die "Faculty" an die Stelle der Kurien treten. "Man kann das auch 'Klub der Lehrenden' nennen. Die Bezeichnung ist ganz egal", meint Bernhard Lamel. Mitglieder sollten alle ab dem Rang von "hochqualifizierten Postdocs" sein. "Das sind auch die Lektoren und Lektorinnen, die sogenannten Systemerhalter, und die Habilitierten, die als außerordentliche Professorinnen und Professoren an ihren Universitäten geblieben sind", ergänzt Babka.

Professoren: Gegen pauschale Ausweitung

Gegen diese Ausweitung hat sich der Österreichischer Universitätsprofessor/innenverband (UPV) in der Vergangenheit wiederholt ausgesprochen. Hauptargument ist die fehlende Überprüfung der fachlichen Qualifikation der Beteiligten.

Dass assoziierte Professoren "full professors" werden können, wie es im angelsächsischen System heißt, findet der UPV-Vorsitzende Bernhard Keppler generell gut. "Aber nicht pauschal", betonte er gegenüber science.ORF.at. "Eine prozentuale Beschränkung könnte für Wettbewerb sorgen, dann hätte man Möglichkeit, die besten von ihnen in einem berufungsähnlichen Verfahren in den Status eines 'full professor' überzuführen."

Die Qualitätssicherung ist auch Anna Baba und Bernhard Lamel ein Anliegen. Sie haben aber Zweifel, ob bei den aktuellen Berufungsverfahren tatsächlich immer der fachlich beste Kandidat zum Zug kommt. Bei ihren Tenure-Track-Stellen seien sie jedenfalls mehrfach international und unter Konkurrenz evaluiert worden.

Dass bei diesem Laufbahnmodell am Ende keine "full professorship" mit allen Rechten und Aussicht auf Ressourcen steht, sei für die österreichischen Universitäten international ein Wettbewerbsnachteil im Rennen um die besten Nachwuchsforscher, meint der Mathematiker Bernhard Lamel. "Das hat man mittlerweile offenbar erkannt."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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