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Symbolbild: Ökonomie und Aktienkurse

Von den Grenzen wissenschaftlicher Modelle

Modelle sind in der Wissenschaft unverzichtbar: Die Wirklichkeit erweist sich aber oft als bockig und richtet sich nicht immer nach ihnen – etwa wenn Menschen in der Ökonomie gar nicht so rational handeln, wie es das Modell vorsieht. Problematisch wird das dann, wenn sich die Politik zu sehr auf die Modelle verlässt.

Technologiegespräche Alpbach 13.07.2015

Denn dann besteht die Gefahr, den Bezug zur Realität zu verlieren, sagt die deutsche Philosophin Nicole Karafyllis im Interview mit science.ORF.at. Das würde etwa daran deutlich, dass sich die Politik nach wie vor auf ein ökonomisches Modell von Arbeit verlässt, das unbezahlte Hausarbeit - die zum Großteil von Frauen geleistet wird - nicht hinreichend abbildet.

Im Rahmen des Arbeitskreises "Wahrheit und Wirklichkeit - Zur Bedeutung von Modellen in Ökonomie, Wissenschaft und Philosophie" bei den Technologiegesprächen in Alpbach wird die Philosophin mit anderen Expertinnen und Experten Ende August darüber diskutieren.

science.ORF.at: Wissenschaftliche Modelle spielen heute eine wichtige Rolle als Grundlage für politische Entscheidungen - von volkswirtschaftlichen Prognosen bis zum Klimawandel. Verlässt sich die Politik zu viel oder zu wenig auf diese Modelle?

Nicole Karafyllis: Zu stark. Damit stiehlt sie sich auch aus der Verantwortung, denn Modelle sind keine Abbilder der Realität, sondern Idealisierungen. Die Politik müsste sich eigentlich am Bürger orientieren, aber der entscheidet sich oftmals ganz anders, als Modelle das vorsehen. Besonders extrem ist das bei wirtschaftlichen Modellen. Die haben ja schon häufiger nicht zugetroffen, was Marktverhalten und Aktienkurse angeht. Wenn man aber danach entscheidet und nicht mehr nach dem Wohl der Bürger, dann ist das nicht der politische Auftrag, den Politiker innehaben. Die müssten sich für das Gemeinwohl einsetzen anstatt Zukünfte zu prognostizieren.

Porträtfoto von Nicole Karafyllis

Nicole Karafyllis

Zur Person:

Nicole Karafyllis ist Philosophin und Biolgin und hält den Lehrstuhl für Philosophie mit Schwerpunkt Wissenschafts- und Technikphilosophie an der Technischen Universität Braunschweig. 2007 war Karafyllis als Gastprofessorin für "Applied Philosophy of Science" an der Universität Wien tätig, im Jahr 2008 wurde sie dann an die United Arab Emirates University (Abu Dhabi, VAE) als "Full Professor of Philosophy" berufen und war dort auch Vizedekanin des internationalen Promotionsprogramms. Seit 2010 ist Nicole Karafyllis an der TU Braunschweig als W3-Professorin für Philosophie tätig.

Technologiegespräche Alpbach:

Von 27. bis 29. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet "UnGleichheit". Davor erscheinen in science.ORF.at Interviews mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die bei den Technologiegesprächen vortragen oder moderieren. Nicole Karafyllis wird am Arbeitskreis "Wahrheit und Wirklichkeit - Zur Bedeutung von Modellen in Ökonomie, Wissenschaft und Philosophie" teilnehmen.

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Teilen Sie den Eindruck, dass den Naturwissenschaften eher zugetraut wird, handfeste Modelle zu liefern, als den Geistes- und Sozialwissenschaften?

Dass man es ihnen eher zutraut - da gebe ich Ihnen recht. Ob naturwissenschaftliche Modelle aber wirklich valider sind, das sei einmal dahingestellt. Egal in welcher Wissenschaft: Modelle müssen mit unsicherem Wissen umgehen. Das betrifft Aussagen über die Natur genauso wie Aussagen über die Gesellschaft. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht kann man also keinen Unterschied machen.

Aber die Bevölkerung und auch die Politik glauben häufig, dass naturwissenschaftliches Wissen sicherer sei. Das liegt auch daran, dass etwa die Physik sagt: "Wir arbeiten an Naturgesetzen." Die gelten als unumstößlich. Wenn man sich aber heute beispielsweise wissenschaftliche Modelle aus der Teilchenphysik anschaut, dann arbeiten die genauso mit Wahrscheinlichkeiten. So gesehen sind die genauso unscharf oder valide wie gesellschaftswissenschaftliche Modelle.

Sie sind Philosophin - welche Rolle spielen Modelle in Ihrer wissenschaftlichen Disziplin?

Die Philosophie stellt nicht so sehr Modelle auf - wir machen Welten. Welten, von denen wir uns vorstellen, wie sie sein könnten und welche Werte da eine Rolle spielen. Das sind aber natürlich keine Welten in einem totalitären Sinn. Die Ethik etwa macht Idealwelten. In dem Sinne, dass die Realität zwar von dieser Idealwelt abweicht, aber es ideal wäre, wenn Menschen auf eine bestimmte Art und Weise handeln würden. Das dient der Orientierung.

Wir machen aber auch Modelle im Sinne von Gedankenexperimenten: Wir nehmen ein Argument ernst, entwickeln es weiter und schauen, zu welchen Schlussfolgerungen man damit kommt. Das ist eigentlich unser Alltagsgeschäft. Das sind aber keine verlässlichen Aussagen, sondern Modelle im Dienste der Spekulation. Das heißt, es gehört zur Philosophie zu spekulieren, mehrere wünschbare Zukünfte zu haben und mehrere Beschreibungsebenen der Gegenwart.

Wenn man demgegenüber die Wirtschaftswissenschaften betrachtet: Daraus resultieren viele Modelle, die auch zu Beratungszwecken genutzt werden. Dabei wird insbesondere dem Mainstream der Wirtschaftswissenschaft vorgeworfen, mathematischen Modellen zu große Bedeutung beizumessen. Was sich außerhalb dieser formalen Modelle bewegt, fände hingegen nur wenig Rezeption. Teilen Sie diesen Eindruck?

Ja, das trifft schon zu. Die Wirtschaftswissenschaften haben eben das Problem, dass sie letztendlich doch eine Sozialwissenschaft und keine Naturwissenschaft sind. Das heißt, sie müssen mit dem Unsicherheitsfaktor Mensch rechnen. Und in dem Moment, wo die Wirtschaftswissenschaften ihren Lieblingsmodellen den Menschen zu Grunde legen und in ökonomische Theorien den sogenannten "Homo oeconomicus" einbauen, wird es schwierig. Weil der "Homo oeconomicus" ja ein weitgehend rational handelnder Mensch ist.

Aber Menschen neigen dazu unvernünftig zu handeln, was ihre eigene Nutzenmaximierung betrifft. Nehmen wir etwa Hilfsbereitschaft. Durch altruistisches Verhalten schadet man sich kurzzeitig selber, hat aber einen spirituellen Mehrwert, weil man ein guter Mensch ist. So etwas ist mit ökonomischen Modellen relativ schlecht abzubilden, weil die Ökonomie von Nutzenmaximierung ausgehen muss. Sie hat praktisch keinen anderen Modellmenschen im Angebot.

Der "Homo oeconomicus" ist wohl eines der standhaftesten Modelle überhaupt. Das kommt doch auch von einer Dominanz der Neoklassik in den Wirtschaftswissenschaften - also davon, dass andere, heterodoxe Ansätze in den Wirtschaftswissenschaften weit weniger Beachtung und auch finanzielle Mittel finden.

Ob man das nun Neoklassik oder Neoliberalismus nennt, möchte ich offen lassen. Aber es stimmt, was Sie sagen. Was man dabei bedenken muss: Der "Homo oeconomicus" ist ein sehr westliches Konsumentenmodell und kann dementsprechend Menschen aus anderen Kulturen mit ihren Entscheidungen nicht sehr gut abbilden. Rein quantitativ sind aber Menschen aus nicht-westlichen Kulturen die meisten auf der Erde. Deshalb denke ich, dass sich dieses Modell quasi von selbst überlebt.

Manifestieren sich nicht in jedem Modell bestimmte Sichtweisen der Gesellschaft? Seien es kulturelle Eigenheiten, Geschlechterunterschiede, ein eurozentristisches Weltbild, etc ...

Absolut. Jedes Modell ist wertgeleitet, dadurch, dass es auf bestimmte Zwecke ausgerichtet ist. Wir haben beispielsweise in der Ökonomie noch immer kein vernünftiges Modell für Arbeit, das Hausarbeit oder sogenannte emotionale Arbeit - die meistens Frauen leisten - vollständig abbildet. Deswegen wird sie ja auch nicht entlohnt. Man könnte aber auch diese Arbeit durchaus monetär in Wert stellen - man hofft stattdessen aber lieber weiter darauf, dass Frauen das kostenlos machen.

Wenn sie nicht mehr dazu bereit sind, überlegt man, ihnen ein bisschen Geld fürs Kinderkriegen oder fürs Zuhause bleiben zu geben - also ein bisschen Elterngeld hier, eine kleine Prämie da ... Ich glaube, dass das langfristig nicht funktionieren wird.

Das zeigt meiner Meinung nach auch, dass wir immer noch ein sehr veraltetes Frauenbild haben. Ich sehe deshalb auch den Bedarf, darauf hinzuweisen, dass sich die meisten Modelle in der Wirtschaft - die vom "Homo oeconomicus" ausgehen - einen Mann vorstellen, der über Kapital verfügt.

Auch der kulturelle Hintergrund ist relevant, wenn es um das Wertekonstrukt geht, das einem Modell zugrunde liegt. Sie waren schon in vielen verschiedenen Ländern wissenschaftlich tätig, darunter auch Kairo und die Arabischen Emirate. Welchen Stellenwert haben Modelle dort bzw. inwiefern unterscheiden sie sich von den westlichen Modellen?

Der größte Unterschied zu vielen Kulturen ist sicher - das müssen nicht nur der Nahe und Mittlere Osten sein, wir könnten mit Ausnahme von Japan auch Fernost nehmen - dass viele Menschen dort, die Abstraktion, die einem Modell innewohnt, gar nicht so wertschätzen. Für sie ist wesentlich wichtiger, welche realen, alltäglichen Beziehungen sie haben. Mit der Familie, mit ihren Nachbarn, mit ihrem Arbeitgeber. Und danach werden Entscheidungen getroffen.

Modelle etwa zur Energieversorgung oder zum Klimawandel spielen in der Alltagswahrnehmung keine Rolle. Wohingegen in Europa darüber diskutiert wird, ob der eine Klimaforscher recht hat, der einen bestimmten Temperaturanstieg prognostiziert, oder ein anderer.

Das heißt aber nicht, dass der Klimawandel dort kein Thema wäre. In den Emiraten etwa haben sich meine ehemaligen Studierenden sehr vehement dafür ausgesprochen, vom Erdöl wegzukommen. Das wundert einen ja eigentlich in diesem Land. Alle haben sich stark für Solarindustrien interessiert. Aber nicht wegen der Modelle, sondern weil sie mittlerweile mitbekommen haben, wie stark die Temperaturschwankungen in ihrem eigenen Land sind, dass die Korallen durch die verstärkte UV-Strahlung gebleicht werden oder die Fischer weniger Fische fangen. Das heißt, das läuft viel stärker über reale, lebensweltliche Bezüge als über Modelle.

Der Arbeitskreis in Alpbach fragt auch nach "alternativen Zugängen" gegenüber Modellen - wäre dieser stärkere, lebensweltliche Bezug eine Möglichkeit?

Ich würde es eher "Ergänzung", als "Alternative" nennen, denn Modelle sind an sich gut und sinnvoll. Man kann nicht sagen, unser wissenschaftlicher Blick auf die Welt sei ein schlechter, im Gegenteil. Dem haben wir immerhin Aufklärung und Fortschritt zu verdanken. Das Problem ist, dass man dazu neigt, den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren. Weil man zu sehr - als westlich geprägter Mensch jedenfalls - auf Modelle und auch auf Experten hört. Eine Ergänzung wäre auf jeden Fall, wissenschaftliche Richtungen zu fördern, die einen anderen Zugang finden.

Welche könnten das sein?

Innerhalb der Philosophie wäre das etwa die Phänomenologie, wo es eben auch um das leibliche Erfahren geht. Wie fühlt sich etwas an? Wir müssen wieder ein bisschen mehr auf die sinnliche Ebene kommen. Modelle funktionieren meistens nur über den Sehsinn. Wohingegen etwa Geruch sehr schwer zu modellieren ist. Hören geht noch einigermaßen, aber auch Tasten kann man kaum modellieren.

Das heißt, die reale Erfahrung, der leibliche Zugang, wo man etwas spürt, der wird gesellschaftlich immer stärker nachgefragt. Das sieht man auch daran, wie sich moderne Museen aufstellen - die versuchen ja auch immer mehr, nicht nur Schaukästen und Tafeln zu haben, sondern auch etwas zum Anfassen. In den 1990er und 2000er Jahren gab es ja einen großen Hype um Virtualität - jetzt gehen wir zum Teil wieder stärker hin zur Materialität.

Auch virtuelle Modelle sind Thema des Arbeitskreises - gibt es diesen Trend weg von der Virtualität auch in der Wissenschaft?

Nein, für sie werden virtuelle Modelle natürlich immer noch wichtiger. Da gibt es keine Abkehr. Etwas anderes ist aber die Freizeit: Dort sehe ich schon den Trend, dass sich die Leute nicht immer nur über das Virtuelle leiten lassen. Ein Beispiel sind elektronische Lesegeräte. Als die auf den Markt kamen, wurde das Ende des Buches prophezeit.

Das ist so typisch, denn auch das war eine ökonomische Modellierung. Weil es möglich ist, weil es billiger ist, weil es auch noch umweltschonender ist - deshalb werden sich die Leute dafür entscheiden. Pustekuchen. Die meisten Menschen, die ich kenne, nutzen beides. Denn in vielen Situationen ist ein elektronisches Gerät zwar praktisch, in der Nacht im Bett fühlt sich ein Buch dann aber doch schöner an.

Interview: Theresa Aigner, science.ORF.at

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