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Wühlmaus auf einem Grashalm

Anpassungsfähigkeit der Ökosysteme schwindet

"Klimawandel hat es immer gegeben": So lautet ein Argument jener, die den Anteil der Menschen an der Klimaerwärmung leugnen - was prinzipiell auch stimmt. Nur: Das Tempo der Erwärmung ist einzigartig. Und wie eine neue Studie zeigt, wirkt sie sich zusammen mit der geänderten Landnutzung auch auf die Tierwelt stärker aus als eine natürliche.

Klimawandel 14.07.2015

Die Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen schrumpft, wie zwei US-Ökologinnen in einer bisher unbekannten Genauigkeit festgestellt haben.

Speiballen von Eulen ausgewertet

Rebecca Terry von der Oregon State University und Rebecca Rowe von der University of New Hampshire untersuchten Veränderungen in der Ausbreitung kleiner Säugetiere im Großen Becken, einer gebirgigen Großlandschaft im Westen der USA, in den vergangenen 13.000 Jahren.

Sie werteten dazu die Speiballen von Eulen aus: jene unverdaulichen Überreste von Nahrung, die Eulen und andere Vögel wieder von sich geben. Fossile Speiballen gibt es in einer Höhle nahe des Großen Salzsees im Bundesstaat Utah zuhauf.

"Sie erlauben es uns, biologische Veränderungen ohne Unterbrechung über tausende von Jahren zu verfolgen", erklärt Terry in einer Aussendung. In den Ballen befinden sich Überbleibsel der Beute von Eulen – üblicherweise kleine Säugetiere.

Die Studie:

"Energy flow and functional compensation in Great Basin small mammals under natural and anthropogenic environmental change" von Rebecca Terry und Rebecca Rowe ist am 13.7. in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

Knochen kleinerer Säugetiere im Sediment der Höhle

Rebecca C. Terry

Knochen kleinerer Säugetiere im Sediment der Höhle

Gräser statt Sträucher

Nach der letzten Eiszeit vor rund 13.000 Jahren veränderte sich auch das Große Becken: Riesige Seen trockneten aus, die Vegetation änderte sich, aus ehemaligen Wäldern und Steppenlandschaften wurden wüstenähnliche Gebiete. Der Energiehaushalt des Ökosystems blieb aber ungefähr gleich. D.h., wenn eine Gruppe an Tieren schrumpfte, wuchs eine andere umso stärker an.

Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ist das nicht mehr so. Wieder ist es zu einer deutlichen Erwärmung gekommen, das System reagiert laut den Forscherinnen aber ganz anders. "Die Ökosysteme verlieren ihre natürliche Anpassungsfähigkeit", sagt Terry. Die Klimaerwärmung ist dabei ein Faktor. Noch wichtiger sei im vergangenen Jahrhundert aber die veränderte Landnutzung gewesen.

Unterschiedliche Gräser hätten wegen der Viehzucht zunehmend die traditionellen Strauchlandschaften ersetzt. Und das wirkt sich auch auf die Welt der kleinen Säugetiere aus, die darin leben und dann von Eulen gefressen werden. Die Veränderungen hätten zu einem massiven Verlust an Biomasse im Großen Becken geführt, schreiben die Forscherinnen. So wurden Säuger wie etwa die Kängururatte durch die kleineren Hirsch- und Taschenmäuse verdrängt.

Das geschehe auf eine Weise, "die sich nicht vergleichen lässt mit dem, was gegen Ende der letzten Eiszeit geschehen ist", sagt Terry. "Der aktuelle Zustand wird durch die Menschen verursacht. Sie haben die Populationen der Säugetiere in den letzten 100 Jahren noch stärker geprägt als die reine Klimaerwärmung."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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