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Großaufnahme des Pluto

"New Horizons" ist bei Pluto

Neuneinhalb Jahre lang ist die NASA-Sonde "New Horizons" zum Pluto unterwegs gewesen und hat dabei rund fünf Milliarden Kilometer zurückgelegt. Nun ist sie am Ziel angelangt: Am Dienstag, knapp vor 14.00 Uhr, näherte sie sich dem Zwergplaneten bis auf 12.500 Kilometer - das war der minimale Abstand der Mission.

Astronomie 14.07.2015

Nun entfernt sich "New Horizons" wieder von Pluto, macht dabei Aufnahmen in bisher ungekannter Genauigkeit und sammelt große Mengen an Daten. Ob alles geklappt hat, wird erst in einigen Stunden feststehen.

"Auch wenn derzeit – wie geplant – keine Verbindung zu der Sonde besteht, könnten wir bisher nicht glücklicher sein über das Funktionieren aller Geräte", sagte die NASA-Projektleiterin Alice Bowman bei einer Pressekonferenz.

"Die Sonde kommuniziert noch nicht mit der Erde, weil wir sie so programmiert haben, dass sie erst einmal wichtige Daten sammelt, die sie nur heute sammeln kann", ergänzte NASA-Manager Alan Stern. "Es bleibt also spannend, das ist wahre Forschung. 'New Horizons' fliegt ins Unbekannte."

Das bisher beste Bild des Pluto

Schon knapp vor dem "Minimalabstand" hat die Sonde ein Bild des Zwergplaneten mit einer bisher unerreichten Auflösung geliefert. Es wurde in einer Entfernung von 766.000 Kilometern gemacht und zeigt unterschiedliche Farbregionen – ein Hinweis auf etwaige tektonische und atmosphärische Aktivitäten des Pluto, wie Stern vermutete.

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Pluto aufgenommen von "New Horizons"

NASA

Das aktuelle Plutobild

Auch sehe der Plutomond Charon "mitgenommener", sprich: von mehr Meteoriteneinschlägen gezeichnet, aus als Pluto selbst. Warum das so ist, sollen die vielen – noch besser aufgelösten – Bilder und Daten klären, die ab morgen zu erwarten sind.

Ihre wissenschaftliche Auswertung wird bis zu 16 Monaten dauern. Das liegt nicht zuletzt an der geringen Übertragungsrate der Daten: Mehr als vier Kilobits pro Sekunde sind nicht zu erzielen – ein Bruchteil handelsüblicher Handys auf der Erde. Trotzt Lichtgeschwindigkeit brauchen die Informationen rund viereinhalb Stunden bis zu unserem Heimatplaneten.

US-Astronaut Scott Kelly schickte zum Anlass eine Grußbotschaft von der Internationalen Raumstation ISS. Seine Botschaft "My other vehicle is on its way to Pluto"

NASA TV

US-Astronaut Scott Kelly schickte zum Anlass eine Grußbotschaft von der Internationalen Raumstation ISS. Seine Botschaft "My other vehicle is on its way to Pluto"

Fast genau wie geplant

Zeitpunkt und Entfernung beim Minimalabstand sind fast genauso eingetroffen wie vorausgesagt. "Wir waren nur knapp eine Minute früher dran als geplant, und siebzig Kilometer näher als prognostiziert", erklärte Alice Bowman.

Eine reife Leistung, wenn man die Dimensionen der Mission bedenkt: "New Horizons" ist im Jänner 2006 von der Erde gestartet und hat seither rund fünf Milliarden Kilometer zurückgelegt. Sie ist am Jupiter vorbeigeflogen, hat die Bahnen von Mars, Saturn, Uranus und Neptun gequert, bevor nun endlich das mit Spannung erwartete Ziel der langen Reise angestanden ist.

Um 13.48 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit raste die Sonde dann in rund 12.500 Kilometern Entfernung an dem weitgehend unerforschten Himmelskörper vorbei.

Durchmesser von 2.370 Kilometern

Schon vorab hatten Astronomen die exakte Größe von Pluto ermittelt: Mit einem Durchmesser von 2.370 Kilometern ist der Zwergplanet etwas größer als bisher angenommen. "Über die Größe des Pluto wurde seit seiner Entdeckung 1930 diskutiert", sagte der US-Astronom Bill McKinnon von der Washington University. "Wir freuen uns, das ad acta legen zu können." Auch Charon hat nun eine exakte Größe: Mit einem Durchmesser von 1.208 Kilometern ist er etwa halb so groß wie Pluto selbst.

Seine mangelnde Größe hatte Pluto 2006 seinen Status als Planet gekostet. Jahrzehntelang wurde er zu den damals neun großen Planeten des Sonnensystems gezählt, dann stufte ihn die Internationale Astronomische Union zum Zwergplaneten herunter. Während die nunmehr noch acht Planeten unseres Sonnensystems allesamt bereits das Ziel von Raumsonden waren, erhält Pluto nun zum ersten Mal Besuch von der Erde.

Größenvergleich von Erde, Pluto und Charon

NASA

Größenvergleich von Erde, Pluto und Charon

Seit neun Jahren unterwegs

Das Eintauchen der rund 50.000 Stundenkilometer schnellen Sonde in das unbekannte Plutosystem gilt allerdings als gefährlich - wegen des Risikos eines Zusammenstoßes mit kleinen Staubteilchen, die schweren Schaden an "New Horizons" anrichten könnten. Auf die Bestätigung eines problemlosen Vorbeifluges hoffen die NASA-Wissenschaftler durch ein Signal der Sonde, das am Mittwoch kurz nach 3.00 Uhr MESZ auf der Erde eintreffen soll.

Das Risiko einer folgenschweren Kollision der pfeilschnellen Raumsonde mit kleinen Materieteilchen in direkter Pluto-Nachbarschaft liege bei zwei zu 10.000, erklärte der wissenschaftliche Leiter der Mission, Alan Stern, bei der Pressekonferenz.

Mit Plutonium zu Pluto

Die Erforschung des 1930 von dem US-Amerikaner Clyde Tombaugh entdeckten Zwergplaneten sei "wie ein archäologischer Spatenstich in die Geschichte des äußeren Solarsystems", hatte Stern schon beim Start der Sonde gesagt.

Der etwa minus 230 Grad kalte Pluto ist eine Art Eiszwerg, wie sie zu Zigtausenden bei der Entstehung des Sonnensystems übrig geblieben sind und seitdem den Kuipergürtel bilden. Das ist ein breiter Ring aus vielen kleinen Objekten jenseits der Bahn des Planeten Neptun. Bisher haben Forscher nur fragmentarisches Wissen über Pluto, das vor allem von Bildern des "Hubble"-Weltraumteleskops stammt.

Nach dem Plutobesuch soll "New Horizons", die unter anderem zwei US-Münzen und einen kleinen Haufen Asche des 1997 gestorbenen Pluto-Entdeckers Tombaugh an Bord hat, nun noch tiefer in den Kuipergürtel hineinfliegen. Wie und wohin die Sonde genau gelangen soll, ist noch unklar.

Energie hat sie jedenfalls noch für die nächsten 20 Jahre, meinte Alan Stern. Sie stammt aus einem Plutonium-Radioisotopengenerator. "Und übrigens: Plutonium kommt von Pluto", meinte der Astronom bei der Pressekonferenz lachend. "Wenn man so will, haben wir heute ein bisschen Plutonium zum Pluto zurückgebracht."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at, Material: dpa/AFP

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