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Ein in sich versunkenes Kind

Armutsfalle trotz kostenlosen Angebots

Sechs Kinderpsychiaterinnen und -psychiater arbeiten seit Mai 2015 in Wien auf Kassenkosten. Die Nachfrage ist groß, wie ein Besuch in einer Praxis im 15. Bezirk zeigt. Die Ärztinnen zeigen sich erleichtert über die Möglichkeit der Gratisbetreuung, weisen aber auch darauf hin: Sobald eine weitere Therapie nötig ist, schnappt die Armutsfalle zu.

Kinderpsychiatrie 29.07.2015

"Nimmt sich viel Zeit"

Mangel in ganz Österreich:

Zwar war die Ärztekammer über den Abschluss von sechs Kassenverträgen in Wien sehr erfreut, die Obfrau der Bundesfachgruppe Kinder- und Jugendpsychiatrie, Charlotte Hartl, weist allerdings darauf hin, dass die Versorgung noch immer mangelhaft sei. Derzeit gibt es neben den sechs Kassenverträgen in Wien und ebenfalls sechs Verträgen in Niederösterreich (davon einer noch nicht besetzt) jeweils zwei in Tirol, Vorarlberg und Kärnten sowie drei in Oberösterreich. In den Bundesländern Burgenland, Salzburg und Steiermark gibt es außerhalb der Kliniken keine Möglichkeit, auf Kassenkosten einen Kinderpsychiater aufzusuchen.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Über Kinder- und Jugendpsychiatrie berichtete auch das Morgenjournal am 29.7.2015.

Film:

Am 11. September startet in den heimischen Kinos der Film "Wie die anderen", im dem Regisseur Christian Wulff den Alltag der Kinder- und Jugendpsychatrie in Tulln porträtiert.

Montag Nachmittag in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Praxis Wien West. Immer wieder läutet das Telefon, Termine werden vereinbart und Fragen beantwortet. Gerade ist ein 15-jähriger Bursche gekommen, der in einer betreuten Wohngemeinschaft lebt. Die angehende Sozialarbeiterin Ursula Eisenschenk von Jugend am Werk begleitet ihn.

Früher musste sie mit den Kindern in die Jugendpsychiatrischen Abteilungen der Wiener Krankenhäuser gehen, nun schätzt sie die Betreuung durch die Kinderpsychiaterin Ruth Pöchacker sehr: "Sie nimmt sich viel mehr Zeit für die Kinder, als das im Krankenhaus möglich war, hört zu und fragt nach. Wir haben auch die Möglichkeit von Telefonterminen: Wenn sich beim Kind etwas ändert, rufe ich hier an, kann alles erklären und besprechen, wie es weiter geht."

Von ihrer Wohngemeinschaft kommen derzeit drei Kinder zur Behandlung in die Kinder- und Jugendpsychiatrische Praxis Wien West, sagt Ursula Eisenschenk. Es sei wichtig, dass diese Kinder, die ihren Familien aufgrund von Gewalt oder Missbrauch abgenommen wurden, psychische Unterstützung bekommen, "damit aus ihnen vielleicht doch stabile Erwachsene werden."

Ängste und Aggressivität

Karin Koschitz und Ruth Pöchacker arbeiten seit vielen Jahren als Kinderpsychiaterinnen. Vor drei Monaten haben sie gemeinsam die Praxis eröffnet und stehen 38 Stunden in der Woche ihren Patientinnen und Patienten zur Verfügung. Von ihrem Vertrag her könnten sie in den Öffnungszeiten auch nach einander arbeiten, tatsächlich sind sie aber praktisch immer parallel da, weil die Nachfrage so groß ist. Seit Start der Praxis Anfang Mai haben 400 junge Patientinnen und Patienten hier Hilfe gesucht, viele davon kommen regelmäßig zu den 50-minütigen Terminen, manche sogar wöchentlich.

Karin Koschitz sieht einen Hauptgrund, warum Kinder und Jugendliche in ihre Praxis kommen: "Schwierigkeiten in der Schule im weitesten Sinn: Viele kommen aufgrund von verschieden gelagerten Ängsten, Angst davor, in die Schule zu gehen, gemobbt zu werden - einfach verschiedene soziale Ängste. Häufig sind auch Störungen des Sozialverhaltens: Die Kinder sind aggressiv und stören den Unterricht." Ängstlich bis hin zu depressivem Verhalten beobachte sie eher bei Mädchen, Aggressivität eher bei Burschen, so die Psychiaterin, wobei auch hinter aggressivem Verhalten meist Angst stecke.

Mit Folgekosten in die Armutsfalle

Angst bzw. Aggressivität sind aber nur die Anzeichen eines tiefer liegenden Problems, das gelöst oder zumindest bearbeitet werden muss. Die Kinder und Jugendlichen sowie ihre Bezugspersonen werden deshalb bei ihrem ersten Besuch in der Praxis ausführlich befragt, wenn nötig, werden weitere Gutachten eingeholt oder Untersuchungen veranlasst. All das ist auf Kosten der Krankenkasse möglich, schwierig wird es allerdings oft in Folge.

Denn braucht es etwa eine Psycho- oder eine Ergotherapie, damit es dem Kind besser geht, muss die Familie erst wieder in die eigene Tasche greifen. Kinderpsychiaterin Ruth Pöchacker: "Ergotherapie kostet mindestens 65 Euro pro 50-minütiger Einheit, und das einmal die Woche über eine lange Zeit - und schon sind wir genau dort, wo die Therapie nicht finanzierbar ist für die allermeisten Familien, die zu uns kommen."

"Leeres Hinterland"

Zwar gebe es kassenfinanzierte Plätze für Ergotherapie, aber die Wartezeit betrage zwei Jahre. Ein bisschen besser, aber trotzdem schlecht stellt sich die Situation bei der Psychotherapie dar - auch hier gebe es zu wenige kassenfinanzierte Plätze, die Wartelisten seien für Kinder und Jugendliche, die dringend Hilfe brauchen, unerträglich lang. Ruth Pöchacker zieht deshalb die Schlussfolgerung: "Es ist hervorragend, dass die Kinderpsychiaterinnen und -psychiater Wiens jetzt eine Kassenleistung anbieten können - aber das Hinterland ist mitunter leer."

Und das zeige sich letztlich auch beim Therapiefortschritt: Die Kinder von Familien, die eine Therapie aus der eigenen Tasche zahlen, machen bessere Fortschritte als jene aus einem armen Umfeld. Und Karin Koschitz ergänzt: "Armut ist ein riesiger Stress- und Risikofaktor für psychische Erkrankungen - das bestätigt sich hier immer wieder."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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