Standort: science.ORF.at / Meldung: "Bonobos kennen den Kontext"

Der Bonobo-Mann Jack pflegt das Fell von Weibchen Susi im Salonga Nationalpark in der Demokratischen Republik Kongo.

Bonobos kennen den Kontext

Und wieder fällt ein kleiner Zacken aus der "Krone der Schöpfung". Sich in verschiedenen Kontexten zu verständigen - das galt bisher als Alleinstellungsmerkmal der menschlichen Sprache. Eine Studie zeigt: Zwergschimpansen können das auch.

Sprache 05.08.2015

Zugegeben, der Kontext des Bonobos ist ein wenig einfacher gestrickt als der unsere. Das Niveau entspricht ungefähr dem, was Babys an Äußerungen zusammenbringen. Eine Studie an Säuglingen war denn auch der Anlass für ihre Untersuchung, sagt Zanna Clay von der University of Birmingham.

Das kam so: Vor zwei Jahren wies der amerikanische Sprachforscher D. Kimbrough Oller nach, dass bereits drei bis vier Monate alte Babys mit Quiek- und Knurrlauten experimentieren - und zwar unabhängig vom eigenen Gefühlszustand oder von äußeren Anlässen.

"Protophone" nannte Oller diese Laute und deutete sie als Vorstufe jenes Baukastensystems, dessen wir Erwachsene uns selbst täglich in der Rede bedienen. Die Zahl der Laute ("Phoneme") und Buchstaben ist bekanntlich begrenzt, aber sie lassen sich zu immer neuen Bedeutungen kombinieren: Baby, Bonobo, Bier und Ball - das "B" allein sagt wenig, aber im Verbund sagt es viel.

Flexible Laute bei Mensch ...

Bonobos sitzen auf einem Baumstamm

Zanna Clay/Lui Kotale Bonobo Project

Bonobofamilie um Dschungel

"Bei Tieren sind Laute normalerweise an eine feste Bedeutung gebunden", sagt Clay im Gespräch mit science.ORF.at. "Alarmrufe zum Beispiel, sie zeigen Gefahr an. Oder Lachen, das signalisiert Freude und Wohlbefinden." Laute, die hingegen bei Bedarf eingesetzt werden und damit auch eine flexible Bedeutung haben, wurden von Oller als typisch menschliche Eigenschaft angesehen. Quasi als Exklusivmerkmal unserer Art. "Diesen Schluss halten wir für ein wenig voreilig", sagt Clay.

Ihre Untersuchungen an Bonobos im Salonga National Park, Kongo, scheinen ihr Recht zu geben. Dort stellte sie fest, dass die Zwergschimpansen regelmäßig "Piep"-Laute bei der Kommunikation mit ihren Artgenossen einsetzen.

Hörbeispiele

Bonobo-Piepen beim Fressen (oben)
sowie beim Rasten (unten)

Und zwar in guter wie in schlechter Stimmung, sowie in allen möglichen Situation, die der Affenalltag so hergibt: beim Fressen, Rasten, Streiten, Lausen und Nestbauen, selbst dann, wenn Alarm gegeben wurde.

... und Tier

Clay sieht das als Beleg dafür, dass die Bonobos mit ihrem "Piep" das Gleiche tun wie Babys mit ihrem Quieken und Knurren. Beide sind demnach "Protophone", vorsprachliche Laute mit variabler Bedeutung. Dass es hier wirklich um Sinn und nicht etwa um spontane Nebengeräusche geht, weiß Clay bereits aus früheren Beobachtungen.

Die Bonobos kombinieren nämlich das Piepen mit anderen Lauten, auch sie verfügen offenbar über einen sprachlichen Baukasten. Einen kleinen zwar, aber immerhin. Was diese Kombinationen genau bedeuten, kann Clay leider nicht sagen. Doch das können ihre an Babys forschenden Kollegen vermutlich auch nicht.

Robert Czepel, science.ORF.at

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