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Mehl, das von einer Schaufel auf ein Häufchen rieselt

Unverträglichkeit: Gluten unschuldig?

Weizen und andere Getreidesorten sind in den letzten Jahren als Krankmacher in Verruf geraten, wegen eines Inhaltsstoffes: Gluten führe bei vielen zu Bauchzwicken, Durchfall, Unwohlsein. Doch wirklich krank macht Gluten nur wenige Menschen. Andere Inhaltsstoffe könnten an der Zunahme von Unverträglichkeiten schuld sein.

Ernährung 14.08.2015

Diagnose Zöliakie

Gluten:

Gluten - übrigens richtig ausgesprochen mit Betonung auf dem zweiten Vokal - ist ein Klebereiweiß, das in den üblichen Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Gerste, Hafer sowie in den weizenverwandten Getreidesorten Dinkel, Kamut, Grünkern etc. enthalten ist.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch das Mittagsjournal am 14.8. um 12:00.

Für rund ein bis zwei Prozent der Bevölkerung ist das Gluten in der Frühstückssemmel tatsächlich eine Gefahr für die Gesundheit. Diese Kinder, Frauen und Männer leiden an Zöliakie, so Gastroenterologe Harald Vogelsang von der Medizinischen Universität Wien: "Zöliakie muss man behandeln, um keine Schäden zu erleiden. Die Krankheit wird mit einer Zwölffingerdarm-Biopsie bei der Gastroskopie diagnostiziert bzw. kann man sie durch Antikörper im Blut feststellen."

Die wahren Verursacher?

Unklarer wird die Faktenlage bei jenen Patienten - es sind laut Vogelsang - sechs bis zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung, die an der sogenannten "nicht Zöliakie-bedingten Glutensensitivität" leiden. Ein Krankheitsbild, das häufiger wird. Die Ursache dafür ist nicht klar. Bis vor kurzem war man davon ausgegangen, dass dieses Krankheitsbild auf Gluten zurückzuführen sei, daher auch der Name.

Neueste Erkenntnisse deuten allerdings darauf hin, dass das Klebereiweiß Gluten großteils unschuldig ist und dass vielmehr gewisse Proteine in der Schale des Weizens - die Amylase-Trypsin-Inhibitoren, kurz ATIs, Auslöser der Krankheitssymptome sein könnten. "Wir konnten im Labor zeigen, dass Menschen durch diese ATIs eine Entzündung entwickeln können. Das ist eine gesicherte Faktenlage. Was wir nicht wissen, ist - wie sich diese ATIs in den letzten 50 Jahren in den Getreidesorten entwickelt haben", so Vogelgesang. D.h. es ist unklar, ob der Weizen von heute mehr ATIs enthält als der Weizen von vor 50 Jahren und dadurch die Zunahme an Unverträglichkeitsreaktionen zu erklären ist.

ATIs: Forschungsprojekte laufen

Eine bis dato nicht zu beantwortende Frage, teilt die AGES - die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit mit. Das bestätigt auch Karl-Josef Müller von der deutschen Getreidezüchungsforschungstelle Darzau: "Also das einzige, was wir wissen, ist, dass Aussagen wie 'Eine alte Sorte hat weniger ATI' so einfach nicht stimmen. Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Es gibt moderne wie alte Sorten mit unterschiedlichem Gehalt: hoch, mittel, niedrig."

Um valide Aussagen über ATIs treffen zu können, und zwar darüber, ob sie die Hauptrolle bei den gestiegenen Unverträglichkeitssymptomen spielen, hat die AGES jetzt Forschungsprojekte initiiert. Was übrigens mit Sicherheit zu sagen ist - zumindest für den österreichischen Weizen: Der Glutengehalt schwankt zwar seit den 1950iger Jahren ein wenig, ist aber nicht generell gestiegen ist. Anders lautende Aussagen seien falsch, so die AGES.

Gudrun Stindl, Ö1 Wissenschaft

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