Standort: science.ORF.at / Meldung: "Fast vollständiges Minigehirn gezüchtet"

Ein menschliches Gehirn

Fast vollständiges Minigehirn gezüchtet

Ein US-Forscher hat ein erbsengroßes Gehirn gezüchtet. Es ist zwar nicht das erste "Hirnchen" aus dem Reagenzglas, aber nach Angaben des Wissenschaftlers das vollständigste seiner Art. Demnach hat das aus menschlichen Hautzellen erzeugte Organoid den Reifegrad eines fünf Wochen alten Embryonalgehirns.

Stammzellforschung 19.08.2015

"Es sieht nicht nur so aus wie ein sich entwickelndes Gehirn", so Rene Anand von der Ohio State University bei einem Kongress in Florida. Es enthalte fast alle Zelltypen und 99 Prozent der Gene des menschlichen Gehirns.

Organoide aus Stammzellen - auch in Österreich

Seit einigen Jahren züchten Forscher weltweit Organe aus Stammzellen. Möglich machte das eine bahnbrechende Entdeckung, für die ihr Schöpfer Shinya Yamanaka 2012 den Nobelpreis für Medizin erhielt: die Umwandlung von erwachsenen Körperzellen in Stammzellen, sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen). Dabei geht es nicht um die etwaige Verwirklichung von Frankenstein-Fantasien. Die organähnlichen Gewebestrukturen - man spricht auch von Organoiden - dienen vor allem der Forschung.

Mit ihnen kann man die Organentwicklung studieren, Krankheiten erforschen, Medikamente testen und in Zukunft vielleicht sogar Ersatzteile für eine Transplantation bereitstellen. Auch in Österreich arbeiten Forscher fleißig an derartigen Modellen. Vor zwei Jahren etwa hat ein Team rund um Jürgen Knoblich vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Minigehirne aus dem Labor im Fachjournal "Nature" vorgestellt.

Medikamente testen

Das nun von Anand gezüchtete Gehirn ist ungefähr so groß wie eine Erbse und angeblich das bisher vollständigste menschliche Gehirn aus einem Labor. Nach Angaben der Universität besteht es nicht nur aus den richtigen Zelltypen, sondern ist auch so aufgebaut wie ein menschliches Gehirn: Die wichtigsten Hirnregionen seien vorhanden. Blutgefäße hat das Minigehirn demnach allerdings nicht.

Anand will die Minigehirne bei der Erforschung neuer Therapien gegen neurologische Krankheiten - wie Parkinson oder Alzheimer - nutzen. Neue Medikamente könnten damit "einfacher und ethischer" getestet werden. Solche Tests seien zudem besser und aussagekräftiger als Versuche mit Nagetieren.

Normalerweise werden wichtige medizinische Pionierleistungen zuerst in Fachzeitschriften vorgestellt, die sie vor der Veröffentlichung unabhängig überprüfen lassen. Anand und ein Kollege haben nach Angaben ihrer Universität eine Firma gegründet, um ihre Gehirnzüchtungen zu vermarkten.

science.ORF.at/APA/AFP

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