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Ein glatzköpfiger Mann hält zwei Ballons in seiner Hand, ein grüner zeigt ein lachendes Gesicht, ein roter ein wütendes

"Bitte" und "Danke" als Forschungsobjekt

Was wie ein Nischenthema klingt, steht eigentlich im Mittelpunkt vieler zwischenmenschlicher Handlungen: die Höflichkeit. Um höflich sein zu können, braucht man Hintergrundwissen - sprachliches, kulturelles und manchmal auch persönliches über den Gesprächspartner. Eine britische Forscherin ist dieser Bedingung guten Zusammenlebens auf der Spur.

Höflichkeit 25.08.2015

Komplexes Thema

Was ist Höflichkeit? "Da gibt es keine einfache Antwort", sagt Karen Grainger, Sprachwissenschaftlerin an der britischen Sheffield Hallam University und Höflichkeitsforscherin. Interesse an Höflichkeit hat Grainger nicht nur, weil sie aus dem notorisch höflichen Großbritannien kommt.

Im Zuge ihrer Dissertation analysierte sie Gespräche zwischen älteren Menschen und ihren Pflegern und bemerkte dabei, wie komplex das Thema Höflichkeit ist. Mittlerweile ist sie Herausgeberin des "Journal of Politeness Research", der Zeitschrift für Höflichkeitsforschung, die dieses Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Das Feld der Höflichkeitsforschung gibt es ungefähr seit den 1980er Jahren.

"Entschuldigen Sie bitte"

Höflichkeit sei vor allem ein sprachliches Phänomen, erklärt Grainger. Es gebe auch Forschung dazu aus anderen Disziplinen wie der Psychologie, Soziologie und Anthropologie, aber höflich sein könne man hauptsächlich in verbaler und nonverbaler Kommunikation. Im Englischen, aber auch im Deutschen, könne man das sehr leicht bemerken.

Ein Satz wie "Entschuldigen Sie, würden Sie mir bitte das Salz reichen?" drückt im Prinzip den gleichen Wunsch aus wie "Gib mir das Salz." Die zusätzlichen Floskeln, die Höflichkeitsform, der Konjunktiv und die Wortwahl dienen nur der Höflichkeit. Und die, so Grainger, diene wiederum einem Hauptzweck von Sprechen überhaupt: die Beziehung zu anderen Menschen handzuhaben. Wer Höflichsein gut beherrsche, der könne andere damit sogar in gewissem Maße manipulieren, sagt Grainger. Denn auf jemanden, der sehr höflich wirkt, reagiert man ganz anders und meist wohlwollender als auf ungehobelte Menschen.

Gesicht und Schauspiel

Dass es keine einfache Antwort darauf gibt, was Höflichkeit ist, liegt daran, dass umstritten ist, ob Höflichkeit sich überhaupt in irgendeiner Weise universell beschreiben lässt - also unabhängig von einer bestimmen Sprache und Kultur. Ein sehr bekanntes Modell ist die Höflichkeitstheorie von Penelope Brown und Stephen Levinson von 1978. Die Theorie postuliert, dass es bei Höflichkeit immer darum gehe, das "Gesicht zu wahren", das eigene und das des Gesprächspartners. Der englische Terminus "face", der zumeist verwendet wird, beschreibt bei Brown und Levinson eine Art Selbstbild oder auch Ruf, den man in der Interaktion mit anderen aufrechterhalten will.

"Face" ist nicht ganz klar definiert und kann auch mit Respekt und Status zu tun haben. Brown und Levinson übernahmen den grundlegenden Gedanken vom bekannten kanadischen Soziologen Erving Goffmann. Demnach erschaffe man immer erst in Interaktion mit jemand anderem auch das eigene Selbstbild. Menschen würden immer schauspielern und so die eigene Rolle und die des Gegenübers je nach Gesprächssituation präsentieren.

Das Konzept von "face" findet man in vielen Kulturen sogar explizit angesprochen - etwa in Japan und China, aber auch in einigen afrikanischen Kulturen. Doch auch wenn wir in Österreich, Großbritannien und wohl ganz Europa nicht viel darüber sprechen würden, gehe es bei uns in Essenz genauso darum, so Grainger - zumindest, wenn man der Theorie von Brown und Levinson Glauben schenkt. Längst nicht alle Höflichkeitsforscher teilen diese Ansicht einer universellen Grundlage für Höflichkeit.

Floskeln und Andeutungen

Die Bedeutung der Höflichkeitsforschung ergibt sich gerade in unserer globalisierten Welt. Höflichkeit steht in fast jeder Sprache und Kultur im Mittelpunkt. Aber im Sprachunterricht lernt man selten alle Höflichkeitsregeln und oft genug kennt man die Grammatik der Höflichkeit gar nicht im Detail.

Das Konfliktpotenzial in der interkulturellen Kommunikation ist daher hoch. Denn Höflichkeitsregeln hinterfragt man nur selten und befolgt sie, als wären sie eine natürliche Notwendigkeit. Dabei ist das Verständnis, was als höflich gilt, oft sehr unterschiedlich. Während wir hier eine vergleichsweise pompöse und floskelhafte Sprache einsetzen, um Höflichkeit auszudrücken, würde man das in anderen Kulturen als überzogen empfinden.

Unhöfliche Asiaten?

Westeuropäer irritiert das Fehlen einer solchen schmückenden Sprache sehr leicht. In Großbritannien gebe es etwa das Stereotyp des unhöflichen Asiaten, sagt Grainger. Das liege daran, dass viele Kulturen dort "Bitte" und "Danke" nur sehr spärlich verwenden, während Briten diese Wörter fast wie beiläufig in Gespräche einstreuen würden.

Umgekehrt können auch wir auf andere zu direkt wirken. Grainger forscht derzeit auch im südlichen Afrika. Dort würde man, um höflich zu sein, Dinge nicht direkt ansprechen, sondern nur andeuten: "Ein Südafrikaner würde zum Beispiel nicht um eine Mitfahrgelegenheit bitten, sondern sagen, 'oh, ich weiß gar nicht, wann der nächste Bus kommt'."

Verständnis für Fehler

Es kommt also leicht zu Missverständnissen, selbst wenn man die Sprache seines Gegenübers ganz gut beherrscht. Was Managern und Diplomaten oft in Vorbereitungskursen beigebracht wird, um nicht anzuecken, betrifft aber auch den hier zugewanderten Migranten. Dass es hier als unhöflich gilt, fremde Leute anzusprechen oder sich nicht zu bedanken, kann immer wieder einmal für Unmut sorgen. Je bewusster uns aber ist, dass die allgemeinen Umgangsformen von einer Sprach- und Kulturgemeinschaft nur "erfunden" sind, desto kleiner ist dann vielleicht der Affront, wenn doch ein Fehler passiert.

Isabella Ferenci, Ö1

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