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Die Moldau in Prag, im Hintergrund die Prager Burg

Asylfrage entzweit Tschechiens Wissenschaft

Die Flüchtlingsdiskussion erhitzt in Tschechien wie kaum ein anderes Thema die Gemüter. Tausende Wissenschaftler warnen nun vor Panikmache und Polemik. Migranten könnten eine Bereicherung sein, sagt etwa der Biochemiker Pavel Jungwirth. Ein Insektenkundler hingegen kämpft gegen "den Islam in Tschechien".

Migration 02.09.2015

"Lasst uns eine rationale Debatte führen, wie wir möglichst vielen Menschen helfen können", fordert der Biochemiker Pavel Jungwirth in seinem Prager Büro. Er findet, Tschechien, das längst kein armes Land mehr sei, könne viel mehr tun.

"Ein schrecklich homogenes Land"

Neben Jungwirth haben mehr als 3.100 Wissenschaftler sowie viele bekannte Persönlichkeiten die Petition "gegen Angst und Gleichgültigkeit" unterzeichnet. Der Aufruf appelliert an die Politiker des EU-Landes, das Schicksal der Flüchtlinge nicht für billige Wahlkampfpolemik zu missbrauchen. Und er kritisiert, dass Immigranten oft als "Schädlinge" dargestellt würden, die angeblich das Sozialsystem ausraubten, mordeten und vergewaltigten.

Im Großraumbüro des biochemischen Instituts in Prag ist die Stimmung eine andere. Hier arbeiten Tschechen, Deutsche, Franzosen, US-Amerikaner und Ukrainer wie selbstverständlich miteinander. "Wir haben vor einigen Jahren Englisch zur Arbeitssprache gemacht", erklärt Professor Jungwirth.

Mit Computersimulationen wird hier erforscht, wie zum Beispiel Kalzium den Herzschlag regelt. Sein Institut sei auch ein wenig eine Ausnahme, räumt Jungwirth ein: "Wir sind eigentlich ein schrecklich homogenes Land."

Präsident fordert Armeeeinsatz

Harsche Kritik an der Intervention der Wissenschaftler kam von Präsident Milos Zeman. "Soll doch jeder der Unterzeichner einen Flüchtling zu sich nach Hause nehmen, um zu beweisen, dass sie nicht nur eine Show abziehen", sagte der 70-Jährige. Die Petition verfehle ihr Ziel und spalte die Gesellschaft, fügte er hinzu.

Doch Jungwirth widerspricht und sieht einen Großteil des Landes auf seiner Seite. Zeman gehe es um die eigene Wiederwahl. "Er versucht, die Menschen anzusprechen, indem er ihnen zeigt, was für Blödköpfe Intellektuelle sind", kritisiert er.

Unzufriedenen Flüchtlingen sagt Zeman: "Haut ab, wenn es euch nicht gefällt." Er fordert Hilfen für Kinderheime statt Migranten. Sein neuester Vorstoß: Er will die Armee an die Grenzen schicken, 1.500 bis 2.600 Mann. Alleine kann er das nicht entscheiden, aber Schützenhilfe bekommt er von Finanzminister Andrej Babis. "Wir müssen verhindern, dass die Flüchtlinge hierher kommen", sagte der Gründer der liberal-populistischen ANO-Partei. Und er fordert den Einsatz der Nato an den EU-Außengrenzen.

"Faschistische Tendenzen"

Unterdessen findet die rechtsradikale Bewegung "Wir wollen keinen Islam in Tschechien" (IVCRN) immer mehr Zuläufer. Auch dahinter steht mit dem Insektenkundler Martin Konvicka ein Wissenschaftler.

Der christdemokratische Minister Pavel Belobradek warnt bereits vor "faschistischen Tendenzen" in seinem Land. Dabei ging der Flüchtlingsstrom bisher mehr oder weniger an Tschechien vorbei. Im ersten Halbjahr dieses Jahres bekamen nur 32 Flüchtlinge in dem Land Asyl, weitere 253 vorübergehenden Schutz.

Nichtregierungsorganisationen kritisieren die Lage in den wenigen Abschiebe- und Flüchtlingslagern. "Manche Kinder liefen barfuß herum, es gab offensichtlich zu wenig Kleidung", sagte etwa Martin Rozumek von der Hilfsorganisation OPU nach einem Besuch in Bela pod Bezdezem. Nach Protesten und Krawallen von Flüchtlingen hatte dort Bereitschaftspolizei eingreifen müssen.

Tschechen flohen vor Kurzem noch selbst

Zweimal im vorigen Jahrhundert waren Tschechen selbst vor Unterdrückung geflohen: Nach der kommunistischen Machtergreifung 1948 und nach dem Sowjet-Einmarsch 1968 waren Zehntausende im Westen mit offenen Arme aufgenommen worden. Kritiker halten ihnen nun mangelnde Solidarität vor.

Biochemiker Jungwirth, der in den USA und Israel geforscht hat, meint: "Es ist schön und gut, an eine gewisse Dankbarkeit zu appellieren, aber wichtiger ist, dass es unsere Pflicht ist."

Flüchtlinge aufzunehmen, könne auch im eigenen Interesse sein, meint der Professor. Denn längst gibt es in der alternden Bevölkerung mehr Todesfälle als Geburten. "Wenn wir es gut und schlau anstellen, dann ziehen wir vielleicht Menschen an, die unser Land bereichern", sagt Jungwirth. Oftmals seien die Migranten diejenigen, die am härtesten arbeiten würden.

Michael Heitmann, dpa

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