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"Deutschlehrer sind die größten Sprachverderber"

"Kopfsalat" statt "Häuptelsalat", "am Morgen" statt "in der Früh" - das österreichische Deutsch ist vom Aussterben bedroht. Seit über drei Jahrzehnten kämpft Rudolf Muhr für den Erhalt und die Aufwertung. Denn viele schämen sich dafür, so der Germanist kurz vor seiner Pension. Am mangelnden Sprachbewusstsein hätten auch die Deutschlehrer Schuld.

Gesellschaft 19.09.2015

Im Interview mit science.ORF.at erklärt er, warum er die österreichische Sprache zu seinem Lebensprojekt erkoren hat, was im Schulunterricht falsch läuft und dass er den Menschen die Angst vorm Sprechen nehmen möchte.

Rudolf Muhr

APA/BARBARA GINDL

Die eigens von Rudolf Muhr ins Leben gerufene Forschungsstelle sollte mit seiner Pensionierung eingestellt werden. Jetzt kann der Vater des "Wort des Jahres" aufatmen. Vor wenigen Tagen hat ihm die Universität Graz eine Verlängerung für die nächsten zwei Jahre zugesagt, der Forschungsschwerpunkt soll sogar ausgebaut und ein Nachfolger aufgebaut werden.

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch "Wissen aktuell", 21.9., 13:55 Uhr.

Ist Österreichisch überhaupt eine eigene Sprache?
Der Begriff Österreichisch ist problematisch, weil er eine Nationalsprache insinuiert, was es nicht ist. Wenn wir die Standardsprache nehmen, also die Schriftsprache, dann ist österreichisches Deutsch natürlich keine Sprache. Es ist eine nationale Varietät des Deutschen.

Aber es ist kein Dialekt?

Ganz sicher nicht. Die deutsche Standardsprache besteht aus mindestens drei gleichwertigen nationalen Erscheinungsformen. Und daher kann man österreichisches Deutsch nicht als Dialekt bezeichnen, weil dann wären wir ja dem deutschländischen Deutsch untergeordnet.

Es geht also auch um Hierarchien innerhalb der Sprachfamilien?

Absolut. Im alten monozentrischen Modell galt die deutsche als die Hauptvariante und das Schweizerische und das Österreichische waren Nebenvarianten. Das ist schon lange vorbei. Man kann nicht ein ganzes Land zu einem Dialekt erklären. Auch wenn die Sicht in Deutschland durchaus noch verbreitet ist. Manche sagen: "Alles, was ihr da unten redet, ist ja nicht richtig." Und es gibt nicht wenige Österreicher, die das nachreden und sich schrecklich schämen dafür.

Gibt es denn überhaupt so etwas wie einen Standard im österreichischen Deutsch? Man spricht ja recht unterschiedlich von West nach Ost.

Wenn ich jetzt ein bisschen unhöflich sein darf, dann zeigt Ihre Frage genau die Konfusion, die in Österreich herrscht. Haben sie schon einmal einen ORF-Sprecher in Vorarlberg die Nachrichten anders lesen gehört als z.B. in Wien? Wenn er natürlich aus dem Studio rausgeht und mit seinen Kollegen redet, spricht er ein bisschen anderes - das ist klar. Nur das ist genau jene Mehrsprachigkeit, die wir in Österreich haben.

Heute gibt es allerdings auch in der Alltagssprache große Ausgleichsvorgänge. D.h., von der Ostgrenze bis in große Teile Salzburgs ist die Sprache relativ ausgeglichen. Kärntnerisch, Tirolerisch und Vorarlbergisch sind natürlich noch verschieden. Aber die Verschiedenheiten werden weniger.

Warum ist es wichtig, dass man Sprachvarianten wie das österreichische Deutsch eigens beforscht? Nur weil es schön ist? Würde Österreichisch ohne irgendwelche Maßnahmen aussterben?

Seitdem es die Kooperation des Fernsehens mit den deutschen Fernsehanstalten gibt, haben wir fortgesetzten Sprachkontakt, im großen Ausmaß. Und der Großteil des Fernsehkonsums sind synchronisierte amerikanische Serien, "How I met your mother" oder was weiß ich alles. Die werden alle in Deutschland synchronisiert. Die Formulierungen und Wörter kommen natürlich in den Sprachgebrauch, besonders bei Jugendlichen.

Ein Beispiel: Ich habe vor einigen Jahren meine Studenten gebeten, traditionelle österreichische Ausdrücke danach zu beurteilen, ob sie sie kennen und verwenden. Auch ihre Eltern und ihre Großeltern wurden befragt. Da hat sich z.B. beim Wort "Häuptelsalat" vs. "Kopfsalat" gezeigt, dass nur bei der jüngsten Gruppe 17 Prozent den Begriff überhaupt nicht kennen, 28 Prozent haben gesagt sie kennen es, aber verwenden es nicht, und 54 Prozent haben gesagt, sie verwenden es. Kopfsalat haben hingegen 88 Prozent der jungen Generation verwendet. Umgekehrt war es bei der ältesten Gruppe.

Man sieht also daran, dass sich hier ganz, ganz viel verändert hat innerhalb von zwei Generationen. So ähnlich ist das übrigens ursprünglich gewesen bei Paradeiser und Tomate. Interessanterweise hat sich das jetzt wieder in Richtung Paradeiser verschoben, das hängt auch mit der Gesundheitswelle zusammen.

Dennoch: Das österreichische Deutsch ist sehr, sehr stark unter Druck.

Was ginge verloren?

Grundsätzlich kann ich sagen: Die eigene Sprache ist die Sprache, die man am besten beherrscht, in der man sich wohlfühlt, wo man nicht darüber nachdenken muss: Was ist jetzt richtig oder falsch?

Können Sie noch andere Beispiele nennen?

Ein sehr typisches, das man auch im ORF immer wieder hört: "in der Früh" und "am Morgen". Da kann man jetzt sagen, was ist dabei, wenn man "am Morgen" sagt. Für diejenigen, die nur das kennen, ist gar nichts dabei. Die Frage ist nur, wo endet das: Warum, wenn das so ist, warum reden wir dann nicht alle gleich Englisch?

Die Vielfalt bewahrt also gewissermaßen die Identität?

Es geht um Identität und um soziale Sicherheit.

Was hat sie damals bewogen, den Forschungsschwerpunkt zum österreichischen Deutsch ins Leben zu rufen?

Meine erste Publikation im Jahr 1980 dazu hieß: "Österreich(isch). Anmerkung zu einer linguistischen Schizophrenie einer Nation". Das hat einen Mordszirkus gegeben, weil manche dachten, ich würde eine eigene Nationalsprache schaffen wollen.

Ich habe damals Deutsch als Fremdsprache unterrichtet und meine Beobachtung war: Wir haben nicht gewusst, wie unser eigenes Deutsch in Österreich funktioniert. Die einen haben so gesagt, die anderen so. Man muss ja Sicherheit haben, welche Norm man z.B. Zuwanderern beibringt. Also habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren. Seit über 35 Jahren arbeite ich nun zu diesem Thema.

Was haben Sie damit erreicht?

Andere Kollegen und ich haben gesellschaftspolitisch, denke ich, schon etwas erreicht. Auch weil ich immer wieder gesagt habe: Bitte hört auf zu denken, dass Euer Deutsch schlecht ist, es ist Euer eigenes Deutsch. Schlecht ist nur, wenn ich so spreche, dass mich keiner versteht oder noch schlimmer, wenn ich so spreche, dass ich will, dass mich keiner versteht.

Stichwort Schule: Ist die Standardsprache dort österreichisches Deutsch, wie gehen Lehrer damit um? Wie sollte man damit umgehen?

Also leider muss man sagen: Die größten Sprachverderber sind die Deutschlehrer. Das sag ich so und dazu stehe ich auch. Sie sind es nicht aus böser Absicht, sondern aus Angst, weil ihnen von den Schulbehörden und von der Universität eingetrichtert wird: Standardsprache unterrichten. Das ist soweit richtig. Nur die Art, wie es gemacht wird, ist grundfalsch.

Alles, was gesprochene Sprache ist, wird stigmatisiert, geschriebene Sprache in den Himmel gehoben. Es werden Normen verlangt, die weit weg sind von der Alltagssprache. Hinzu kommt ja Folgendes: Wenn die Lehrer etwas vortragen, sprechen sie österreichisches Standarddeutsch. Kaum sprechen sie über persönliche Dinge mit den Schülern oder schimpfen, wechseln sie in die jeweilige Alltagssprache.
Ich hab Untersuchungen gemacht mit Pädagogikstudenten. Es zeigte sich: Es gibt keinen Lehrer, der nicht zweisprachig unterrichtet.

Was wäre ihr Vorschlag? Wie sollte man die Lehrer vorbereiten?

Erstens müssten die Lehrer auf die tatsächlichen Sprachverhältnisse sensibilisiert werden. D.h., dass sie sich selbst bewusst werden, wie sie sprechen. Ich habe das erlebt. Ich habe Lehrer beim Diktieren aufgenommen. Und die waren "fuchsteufelswild", weil die Schüler nicht richtig geschrieben haben. Dann hab ich Ihnen das vorgespielt und gesagt: "Genauso, wie du sprichst, schreiben sie es." Viele Lehrer nehmen sich sprachlich gar nicht wahr.

Mein Vorschlag wäre eine intensive Beschäftigung mit den Gegebenheiten. Zweitens sollte man dazu übergehen, die Kinder in der ersten und zweiten Klasse Volksschule so schreiben zu lassen, wie sie sprechen. Dann würden sich die Kinder selbst sprachlich wahrnehmen. Gleichzeitig sollte man die Normsprache dazu kontrastiv darstellen. Wenn man das konsequent macht, können am Ende der zweiten Klasse Volksschule alle gut schreiben. Viele Probleme, die es heute in österreichischen Schulen gibt, führe ich direkt auf die nicht anerkannte Zweisprachigkeit zurück.

Das klingt ja nach einer recht einfachen Maßnahme?

Ist es auch: Die Zweisprachigkeit gibt es. Sie wird nur verleugnet. Sie wird krampfhaft vermieden. Es ist Sprachvermeidungspolitik.

Seit Kurzem gibt es einen neuen Spezialforschungsbereich zum Thema, an dem drei Unis beteiligt sind, von dem Sie anscheinend nicht so begeistert sind. Warum?

Einerseits muss ich den Leuten gratulieren. Sie haben 17 Stellen vom Forschungsförderungsfonds finanziert bekommen. Nur der Sonderforschungsbereich heißt "Deutsch in Österreich". Das ist ein Konzept des 19. Jahrhunderts. Dabei ist es um Reichssprache gegangen, ein einheitliches Deutsch für alle Deutschsprachigen. Und hier wird dieser alte Terminus wiedergenommen. Im Grund läuft das darauf hinaus, dass alles, was Österreichisch ist, zu Dialekt erklärt wird. Ich bin bedrückt, weil nicht klar ist, was dieser Forschungsbereich bringen soll. Viele Fragestellungen sind längst erforscht, und es geht hauptsächlich um Dialektforschung.

Sind sie öfter mit dem Nationalismusvorwurf konfrontiert worden?

Natürlich! Dazu möchte ich sagen: Wenn man sein Land und seine eigenen Gegebenheiten erforscht, kann es doch niemals Nationalismus sein.

Welches Sprachanliegen liegt ihnen noch besonders am Herzen?

Ein ganz wichtiger Punkt: In Österreich herrscht eine unglaubliche Sprachangst. Also die Leute haben Angst, sich öffentlich auszudrücken. Viele sagen: "Entschuldige, ich rede ja nur Dialekt." Das zeigt, wie stark die Stigmatisierung des Eigenen ist. Selbst diejenigen, die eine lange Schulbildung haben, sind gegenüber deutschen Sprechern oft zurückhaltend, weil sie das Gefühl haben, sie können sich nicht so gut ausdrücken.

Dieses Phänomen spielt natürlich auch in der Politik oder in der Demokratie eine Rolle. Wenn die Menschen sich ihrer Sprache nicht sicher sind, sind sie sich auch als Person und als Bürger nicht sicher. Ein wichtiges Ziel wäre, diese Sprachangst wegzukriegen. Dass man sich nicht für die Form schämt, sondern höchstens, wenn man etwas Dummes sagt. Das ist mein sprachpolitisches Ziel: Die Leute sollen keine Angst mehr haben müssen, wenn sie sprechen.

Interview: Eva Obermüller, science.ORF.at

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