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Skurriler Auftritt eines Forschres bei der Vergabe der Ig-Nobelpreise 2015

Der Sultan mit den 1.000 Kindern

Am Donnerstag wurden an der Harvard University - wie jedes Jahr - die Ig-Nobelpreise für skurrile Forschung vergeben. Unter den Preisträgern befinden sich diesmal auch zwei Forscher aus Österreich: Sie wurden für eine Sexualstudie ausgezeichnet.

Ig-Nobelpreise 18.09.2015

Wie viele Kinder kann ein Mann zeugen? Ein interessante Frage, die bis vor Kurzem der wissenschaftlichen Erörterung harrte. Elisabeth Oberzaucher und Karl Grammer haben nun Pionierarbeit auf diesem Forschungsgebiet geleistet - durch das Studium eines Harems.

Die Idee kam Grammer, wie er gegenüber science.ORF.at erzählte, bei einem Kongress von Reproduktionsmedizinern. Dabei trat die Frage auf, wie oft ein Mann im Durchschnitt Sex haben muss, um ein Kind zu zeugen. Die Mediziner wussten es nicht. Und konnten folglich auch nicht beantworten, ob man gewisse Details aus Mulai Ismails Liebesleben ins Reich der Legenden verweisen muss - oder eben nicht. Der marokkanische Sultan hatte nämlich, so wird erzählt, 500 Frauen und 1.171 Kinder.

Karl Grammer erzählt, wie es zu dieser Studie kam.

Ist das möglich? Ja, lautet die Antwort von Grammer und Oberzaucher. Die beiden Verhaltensforscher haben die theoretische Lendenstärke des Sultans in ein mathematisches Modell übersetzt und durchgerechnet, wie oft er Verkehr haben musste, um so viele Kinder zu bekommen. Fazit: Im günstigsten Fall musste er im Zeitraum von 32 Jahren täglich 0,8-mal Sex haben, realistischer sind wohl ein-, zweimal täglich.

"Das mag nach nicht besonders viel klingen", sagte Oberzaucher bei der Preisverleihung in Boston. "Aber bedenken Sie: jeden Tag, jeden einzelnen Tag des Lebens. So gesehen ist das eine ganze Menge." Die Studie wurde nun mit dem Ig-Nobelpreis im Fach Mathematik bedacht.

Wo der Bienenstich am meisten schmerzt

Den Limits des menschlichen Körpers widmete sich auch ein anderes Forscherduo, allerdings im gegenüberliegenden Spektrum der Empfindungen. Insektenstiche beflügelten offenbar den Forscherdrang der beiden Biologen Justin Schmidt und Michael Smith. Die beiden gingen der Frage nach: Wo tut es am meisten weh, wenn man gestochen wird?

Schmidt beantwortete das mit einem systematisch-masochistischen Selbstversuch. Er presste Bienen auf verschiedene Stellen seines Körpers, bis sie ihn stachen - fünfmal am Tag, 28 Tage in Folge - und notierte den Schmerz auf einer Skala von eins bis zehn. Wie Smith im Fachblatt "Peer J" berichtete, stellt sich der schlimmste Schmerz an diesen Orten ein: Nasenloch, Oberlippe und Penisschaft.

Forscher Justin Schmidt, als Wespe verkleidet

APA/EPA/CJ GUNTHER

Szene aus der Veranstaltung: Justin Schmidt, Schöpfer des "Sting Pain Index"

Ähnliches hatte Schmidt bereits in den 80er Jahren gemacht, sein Interesse galt jedoch dem Vergleich über Artgrenzen hinweg. Seine Beschreibungen von 78 verschiedenen Stichen lesen sich wie die Notizen eines Schmerz-Sommeliers.

Der Stich der Wespe Dolichovespula maculata erhält bei ihm diese Charakterisierung: "Reichhaltig, herzhaft. So ähnlich, als würde man sich die Hand in einer Drehtüre einquetschen." Und die tropische Riesenameise: "Reiner, intensiver, brillanter Schmerz. Wie ein Lauf auf glühenden Kohlen mit einem rostigen Nagel in der Ferse." Eine mühsam verdiente Auszeichnung im Fach Physiologie und Entomologie.

Küsse und Wurmfortsätze

Zurück zu Angenehmerem, zurück zur Liebe: Im Fach Medizin wurden Forscher aus Europa und Japan ausgezeichnet für ihre Analyse "intensiven Küssens und anderer intimer Handlungen". Schmusereien verhindern Allergien, wie das Publikum im Harvard's Sanders Theatre lernen durfte (siehe hier, hier und hier).

Den Empfehlungen der Mediziner ist wohl zu folgen, das gilt auch im Fall einer Blinddarmentzündung. Ob sie akut ist oder nicht, kann man unter anderem herausfinden, indem man mit dem Auto über Bodenschwellen fährt. Jault der Wurmfortsatz auf, sollte man das Gefährt gleich Richtung Krankenhaus lenken. Diese Diagnosemethode fand ebenfalls den Zuspruch der Jury, die entsprechende Studie erschien im "British Medical Journal".

Physik des Pinkelns

Auch Physiker hatten dieses Jahr wieder Wissenswertes zu berichten. Forscher aus den USA und Taiwan entdeckten letztes Jahr ein universelles Gesetz: Alle Säugetiere, von der Spitzmaus bis zum Elefanten, entleeren ihre Blase innerhalb von 21 Sekunden (plus minus 13 Sekunden). Denn die Gravitation gleicht offenbar etwaige Größenunterschiede aus. Preisträger David Hu wusste die im Fachblatt "PNAS" publizierten Formeln auch in Alltagssprache zu übersetzen: "Je größer der Hahn, desto schneller der Harn."

Erwähnenswert sind auch die Versuche von Colin Raston. Dem Chemiker von der australischen Finders University gelang es, gekochte Eier wieder zum Teil zu "entkochen", sprich: die denaturierten Proteine wieder in ihre Ursprungsform zurückzuführen. Die Maschine, mit der das möglich ist, heißt "Vortex Fluid Device" und könnte auch für seriöse Anwendungen im Bereich der Krebstherapie von Nutzen sein. Auch im Fach Literatur wurde dieses Jahr ein Preis vergeben. Nämlich für die Erkenntnis, dass das Wort "Hä?" in fast allen Sprachen existiert.

Robert Czepel, science.ORF.at

Die Ig-Nobelpreise der letzten Jahre: