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Ein Mann trauert auf einem bosnisch-muslimischen Friedhof

"Genozide passieren zu jeder Zeit und überall"

Was ist ein Genozid? Mit dieser Frage beschäftigt sich der US-Historiker Norman Naimark von der kalifornischen Stanford University seit zwei Jahrzehnten. Je länger er das tut, desto sicherer ist er, dass es die allgemein gültige Definition des Begriffs zu erweitern gilt. Denn: "Genozide passieren zu jeder Zeit und überall."

Gesellschaft 18.09.2015

Der Völkermord an den Armeniern durch das Osmanische Reich in den Jahren 1915 und 1916 gilt als erster Genozid des 20. Jahrhunderts. Mit dem Massaker von Srebrenica im Jahr 1995 endete das blutige 20. Jahrhundert. Der Massenmord an mehr als 8.000 bosnischen Muslimen gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und wurde im Jahr 2007 vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag als Genozid, also als Völkermord, klassifiziert.

Was ein Genozid ist, dass bestimmt nach wie vor maßgeblich die im Dezember 1948 verabschiedete UNO-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes. Diese ist damals stark von den US-Amerikanern und der Sowjetunion beeinflusst worden. Nicht zuletzt deshalb plädiert der Historiker Norman Naimark von der kalifornischen Stanford University dafür, die Kriterien für das, was als Genozid gilt, zu erweitern.

Porträtfoto des Genozidforschers Norman Naimark

Stanford University

Zur Person:
Norman Naimark ist Historiker und Politologe an der kalifornischen Stanford University und u.a. Mitherausgeber der American Historical Review. In seinen Forschungen befasst er sich mit Völkermord / Genozid und ethnischen Säuberungen. Für seine herausragende Forschungsleistung wurde ihm das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Zuletzt auf Deutsch erschienen: "Stalin und der Genozid" (2010).
Norman Naimark war auf Einladung der ÖAW in Wien zu Gast.

20 Jahre ist der letzte Genozid auf europäischem Boden her. Ist Völkermord hauptsächlich ein europäisches Phänomen?

Das dachte ich lange, aber ich habe meine Ansicht mittlerweile geändert. Je länger ich mich mit dem Thema befasse, je mehr Vorträge ich dazu halte, desto klarer wird mir, dass es Genozide immer und überall gegeben hat. Weltweit und vor vielen Jahrhunderten – denken Sie zum Beispiel an den Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern.

Um das Beispiel Srebrenica zu nennen: Serbien weigert sich bis heute, das Massaker von Srebrenica als Genozid anzuerkennen.

Als Genozid gilt, wenn Menschen bewusst attackiert werden, um eine religiöse oder ethnische Gruppe systematisch zu ermorden. Dieser Definition folgen auch die Internationalen Strafgerichtshöfe für Jugoslawien und Ruanda. Die Schlüsselworte sind: bewusst bzw. geplant. Und es muss, ganz klar, ein Massemord sein. Dem gilt aus meiner Sicht hinzuzufügen, dass die Grenze zwischen ethnischen Säuberungen und Genozid nicht immer klar verläuft und nicht immer leicht zu definieren ist. Mitunter entwickelt sich eine ethnische Säuberung allmählich zu einem Genozid.

Wo war das beispielsweise der Fall?

In Bosnien-Herzegowina. Bei Srebrenica handelt es sich ganz klar um einen Genozid. Damals, 1995, wurden ja 8.000 bosnische Muslime systematisch ermordet. Aber in den Jahren davor gab es im Bosnienkrieg zahlreiche Attacken gegen Dörfer und Dorfgemeinschaften und Städte. Menschen wurden erschossen, Frauen vergewaltigt – das Ziel war, die muslimische Bevölkerung zu vertreiben und dazu zu zwingen, ihr Land zu verlassen. Es gab, neben Srebrenica, also viele weitere gezielte Morde an zahlreichen Menschen. Die Frage ist, wie man diese zu bewerten hat. Ob man das auch als Genozid bezeichnet. Im Prozess gegen den serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic sind viele neue Beweise zu Tage gekommen, die darauf schließen lassen, dass der Genozid mehr umfasst, als ich ursprünglich dachte.

Nicht nur im Fall von Bosnien-Herzegowina überlegen Sie, ob eine Erweiterung des Begriffs Genozid angemessen ist. In ihrem Buch "Stalin und der Genozid" plädieren Sie dafür, auch den Massenmord des Sowjetregimes an politischen und sozialen Feinden in den Fokus der Genozidforschung zu rücken. Warum?

Die derzeit gängige, rechtliche Definition von "Genozid" lässt den Begriff nur gelten, wenn religiöse, ethnische und nationale Gruppen zu Opfern werden. Unter Stalin gab es aber in den 1930er Jahren eine ganze Serie an Attacken, die sich gegen soziale und politische Gruppen gerichtet haben. Alle waren sowjetische Bürger. Ein Beispiel sind die Kulaken, das waren vergleichsweise wohlhabende Bauern, die zum Klassenfeind stilisiert und in Massen umgebracht wurden. Stalins fand, dass es die Kulaken als soziale Klasse zu eliminieren gilt. Entweder hat er sie erschießen oder er hat sie im Gulag sterben lassen. Ich klassifiziere dieses – wie auch andere – Ereignisse der 1930er Jahre unter Stalin- als Genozid. Nicht alle geben mir Recht, aber das ist ok.

Untersuchungen, die Völkermorde miteinander vergleichen, sind sowohl auf der Opfer- als auch auf der Täterseite umstritten. Der Vorwurf lautet, dadurch würde Leid bzw. Grauen relativiert. Wie sehen Sie das?

Wir Wissenschaftler, die wir uns mit vergleichender Genozidforschung beschäftigen, betonen die Einzigartigkeit eines jeden Völkermordes. Und finden, dass unsere Arbeit im Sinne der Prävention notwendig ist. Viele Genozide, die im Laufe der Geschichte stattgefunden haben, weisen so manche Gemeinsamkeit auf. Sowohl was deren Vorbereitung, als auch die Motivation dafür betrifft.

Und welche Parallelen zwischen verschiedenen Genoziden haben Sie entdeckt?

Zum Beispiel: Genoziden geht eine Entmenschlichung der Opfer voran. Und wir wissen mittlerweile auch viel mehr über die ökonomische Motivation von Genoziden. Sie dienen dazu, dass sich eine Gruppe bzw. der Staat bereichert.

Auch der Holocaust wird als Genozid bzw. Völkermord bezeichnet, gleichzeitig aber heißt es, der Holocaust sei einzigartig, der Horror von Auschwitz singulär. Wie ist das mit Ihren Thesen vereinbar?

Erstens: Als Historiker glaube ich, dass entweder alle Ereignisse einzigartig sind, oder keines. Zweitens: Nur weil der Holocaust ein Genozid war, heißt das nicht, dass jeder Genozid so ablaufen muss, wie der Holocaust. Der Holocaust war ein Extremereignis, ein furchtbarer Fall von Massenmord. Aber denken Sie an den Völkermord an den Armeniern, auch der ist einzigartig oder denken Sie an Ruanda, oder daran, wie wir US-Amerikaner 90 Prozent der Ureinwohner Kaliforniens ermordet haben – ich sehe einfach keinen Sinn darin, den Holocaust aus der Geschichte des Massenmordes zu isolieren.

Was ein Genozid ist, wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wesentlich von den alliierten Mächten definiert. Wieso hat man sich dabei nicht an der ursprünglichen Definition des Begriffs orientiert?

Damals hatte vor allem die Sowjetunion kein Interesse daran. Die eigentliche Definition hatte ja der polnische Jurist und Friedensforscher Raphael Lemkin im Jahr 1943 vorgeschlagen, der Teile seiner Familie im Holocaust verloren hatte. Doch er sprach auch von sozialen und politischen Opfergruppen, nicht nur von ethnischen, religiösen und nationalen. Aber ich glaube, Lemkin war auch sehr praktisch veranlagt. Er wollte eine Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords verabschiedet sehen. Das heißt, er war wohl glücklich, als die Vereinten Nationen das im Dezember des Jahres 1948 gemacht haben und er das von der Besuchergallerie aus verfolgen durfte. Auch wenn er zuvor, in den 1930er Jahren, eine weitaus breitere Definition des Begriffs angestrebt hatte. Eine interessante historische Fußnote, auf die wir heute allerdings oft vergessen, ist, dass die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords eine Präambel hat, die besagt – ich paraphrasiere jetzt – dass Genozide zu jeder Zeit und überall passieren.

Wie wirken sich eigentlich zwei Jahrzehnte der Genozidforschung auf Ihr Gemüt aus?

Ich bin in der Tat etwas müde geworden, die Beschäftigung mit Massenmord, ethnischen Säuberungen und Genozid erschöpft. Man stößt bei der Forschung nämlich auch ständig auf neue, unbekannte bzw. in Vergessenheit geratene Genozide. Das hört nicht auf. Ich will mich künftig einem anderen Thema widmen.

Tanja Malle, Ö1 Wissenschaft

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