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Der Chemiker Fritz Feigl im Alter zwischen 60 und 70 Jahren

Vertrieben: Ein Chemiker von Weltrang

Fritz Feigl gilt als einer der wichtigsten analytischen Chemiker des 20. Jahrhunderts. Auf seinen Methoden basieren unter anderem Teststreifen für Laboruntersuchungen. Schon vor dem "Anschluss" Österreichs erlangte er damit Weltrang. Dennoch wurde er vertrieben, aus zwei Gründen: Er war Jude und Sozialdemokrat.

650 Jahre Jubiläum 28.09.2015

Standardtest

1914 - Fast zeitgleich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erschien die erste Publikation des 1891 in Wien geborenen Fritz Feigl. Er hatte gerade sein Chemie-Studium an der Technischen Hochschule (der heutigen Technischen Universität Wien, Anm.) abgeschlossen. Schon in diesem Aufsatz ging es um die von ihm entwickelte Tüpfelanalyse. Bei dieser bringt man zuerst kleine Mengen der zu analysierenden Substanz auf ein Filterpapier. Darauf werden dann geeignete Reagenslösungen "getüpfelt". Anhand der Verfärbung lässt sich mit freiem Auge feststellen, ob beispielsweise bestimmte Metallionen vorhanden sind oder nicht.

"Sehr viele Tests, z.B. Urinteststreifen, die heute in der Klinik oder beim Arzt Standard sind, kann man auf seine Entwicklung zurückzuführen. Sein Einfluss reicht also weit über die Chemie hinaus, von der Pflanzenphysiologie bis zur Geochemie", erklärt Günter Allmaier von der Technischen Universität Wien. Der Chemiker hat sich für ein anlässlich des 650 Jahre-Jubiläums der Universität Wien von der Fakultät für Chemie veranstaltete Symposium ausführlich mit der Biografie des vertriebenen Forschers befasst.

Karriere mit Hürden

Schon vor seiner Vertreibung verlief Feigls Karriere keineswegs ohne Hürden. An der Universität Wien war er neben seinem Studium an der Technischen Hochschule ebenfalls eingeschrieben, allerdings als außerordentlicher Hörer. Ein ordentliches Studium war nicht möglich, da er nur einen Realschulabschluss vorzuweisen hatte. Nach dem Krieg begann er mit seiner Dissertation an der Universität Wien, wo er als Hilfsassistent ein mikroanalytisches Labor aufbauen sollte. Bekommen hat er den Doktor jedoch von der Technischen Hochschule. An der Uni Wien hätten manche darüber die Nase gerümpft, wie Allmaier erzählt.

Noch schwieriger wurde es bei der Habilitation. Zwei Anläufe an der Technischen Hochschule scheiterten. Wie Allmaier vermutet, lag das keineswegs an seiner fehlenden Qualifikation. Schon damals sei er aus anderen Gründen unerwünscht gewesen: Er war Jude und Sozialdemokrat. Im dritten Anlauf schaffte er dann die Habilitation an der Universität Wien, und zwar auch nur mit Unterstützung eines sehr einflussreichen Professors.

Doppelt unerwünscht

Danach arbeitete er vorerst als Privatdozent und hatte weiter den Hilfsassistentenposten inne. Erst deutlich später - nämlich Mitte der 1930er Jahre - wurde er außerordentlicher Professor an der Universität Wien. Zu diesem Zeitpunkt waren schon unzählige Publikationen von ihm erschienen. Und sein 1931 erschienenes Buch über die von ihm entwickelte Methodik war bereits weltweit zum Standardwerk geworden.

Dennoch hat das Unterrichtsministerium vor seiner Ernennung noch ein Gutachten bei der Polizei bestellt. "Darin steht sinngemäß: 'Es wurde festgestellt, dass er Mitglied der sozialdemokratischen Partei ist, aber abgesehen davon ist er staatbürgerlich korrekt'", so Allmaier. Das zeige, wie die Stimmung damals schon war.

Sein sozialdemokratisches Selbstverständnis spiegelt sich auch in seinem Engagement für Volksbildung. Schon vor dem ersten Weltkrieg hat er an der Volkshochschule unterrichtet, im Volksheim Ottakring: Chemie und Naturwissenschaften. "Das ist ihm sehr am Herzen gelegen. Bis Mitte der 1930er Jahre hat er das regelmäßig am Abend nach seiner normalen Arbeitszeit gemacht hat", wie Allmaier erzählt.

Odyssee durch Europa

Mit dem Ende der österreichischen Republik hat sich die Lage an der Universität dann verschärft. Alle Leute mit jüdischen Wurzeln wurden von dort verwiesen, auch Feigl. Da konnten selbst seine Förderer nichts tun. Man ließ ihn mitsamt seinem ganzen Wissen ziehen. Formal hat er einen Antrag auf Pensionierung gestellt. Allmaier hat auch eine Vermutung, warum: "Vielleicht konnte man die Leute so ohne großes Aufsehen loswerden."

Danach begann eine Odyssee quer durch Europa. Zuerst ging Feigl mit seiner Familie nach Zürich, danach nach Gent in Belgien. Beim Einmarsch der deutschen Truppen wurde Feigl ins Konzentrationslager Perpignan deportiert, seine Frau und sein Sohn konnten nach Vichy fliehen. Auch ihm gelang die Flucht. Die Familie erhielt ein Visum für Brasilien, wohin sie dann über Andorra, Spanien und Portugal ausgewandert ist.

Gelobtes Land: Brasilien

Dort konnte Feigl seine Karriere fast nahtlos fortsetzen, da ihm schon ein entsprechender Ruf vorausgeeilt war. "Im November 1940 ist Feigl in Brasilien angekommen und im Jänner 1941 hat er bereits zu arbeiten begonnen", so Allmaier. Im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums sollte er ein mikroanalytisches Labor aufbauen.

Eine seiner ersten Aufgaben war es, einen großtechnischen Prozess zur Gewinnung von Koffein aus Kaffeebohnen zu entwickeln, denn es gab damals einen Kaffeeüberschuss. Das so gewonnene hochreine Koffein wurde dann exportiert. Mit Hilfe seiner Frau, die auch Chemikerin und vor allem eine sehr gute Geschäftsfrau war, brachte es die Familie Feigl damit zu solidem Reichtum, erzählt Allmaier.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Feigl Allmaier zufolge auch Angebote von US-amerikanischen Universitäten erhalten, aber er blieb in Brasilien, wo er sich mittlerweile heimisch fühlte. In einem Interview mit der "New York Times" beschrieb er diese Gefühle und seine Dankbarkeit: "…Ich werde nie die Wohltaten vergessen, die ich und meine Familie während des Krieges in Brasilien erfahren haben. Ich werde weiter mit Enthusiasmus an der wissenschaftlichen Entwicklung dieses großen Landes arbeiten. Wir sind Brasilianer im Herzen…"

Auszeichnungen als Wiedergutmachung

"Wobei, wenn ihm Österreich etwas Entsprechendes geboten hätte, wäre er unter Umständen zurückgekommen", meint Allmaier. Es pflegte jedenfalls sehr intensive Kontakte zu österreichischen Chemikern und der Österreichischen Gesellschaft für Mikrochemie. Er hat auch Gastvorlesungen sowie Vorträge gehalten und war immer wieder in Österreich.

Eine offizielle Entschuldigung seitens der Republik gab es keine, sie erfolgte aber gewissermaßen indirekt, wie Allmaier weiß: "Aufgrund seines Pensionsantrags zahlte ihm die Republik nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs tatsächlich eine Pension."

Ehrungen gab es hingegen zuhauf. Schon 1948 verlieh ihm die Technische Hochschule ein Ehrendoktorat. Es folgten Honorarprofessuren und ein Ehrendoktorat der Uni Wien. Laut Allmaier waren die Auszeichnungen vermutlich eine Art Wiedergutmachung. Einschränkend fügt er hinzu: "Er war ja ein weltbekannter Forscher. Ob damit nicht auch versucht wurde, an diesem Erfolg teilzuhaben, würde ich dahingestellt lassen."

Feigl selbst hätte zwar Vorbehalte gegen gewisse Personen gehabt, diese aber niemals hervorgekehrt. Sehr geehrt soll er sich gefühlt haben, dass man hierzulande schon zu Lebzeiten einen Preis nach ihm benannt hat. Seit 1950 wird diese Auszeichnung von der Austrian Society for Analytical Chemistry (ASAC) - der früheren Gesellschaft für Mikrochemie - vergeben.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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