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Mann hält Hand hinter sein Ohr

Durch Hören zur Sprache

Menschen hören anders als alle anderen Primaten. Der am besten hörbare Frequenzbereich ist optimal an die menschliche Sprache angepasst. Die Untersuchung von Gehörknöchelchen zweier früher Hominiden legt nahe, dass sich deren Hörfähigkeit schon in Richtung Mensch verschoben hatte.

Sprachevolution 28.09.2015

Überlebenswichtiger Sinn

Die Studie in "Science Advances":

"Early hominin auditory capacities" von Rolf Quam et al., erschienen am 25. September 2015.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 28.9. um 13:55.

Hören ist mitunter überlebenswichtig: Man kann sich räumlich orientieren und manche nicht sichtbaren Gefahren rechtzeitig erkennen, z.B. im Straßenverkehr. Für uns Menschen ist der manchmal unterschätzte Sinn aber auch von immenser zwischenmenschlicher Bedeutung - um zu verstehen, was andere sprechen. Um den fehlenden Sinn in dieser Hinsicht zu kompensieren, verwenden Gehörlose daher eigene Gebärdensprachen.

Ein gesundes menschliches Gehör kann Frequenzen zwischen 20 und 20.000 Hertz hören. Am besten hören wir aber zwischen 500 und 5.000 Hertz. Genau in diesem Frequenzbereich liegt die menschliche Sprache. Vermutlich war diese Optimierung wesentlich für die Evolution derselben.

Frequenzspektrum verschon sich

Die soeben erschienene Arbeit der Forscher um Rolf Quam von der Binghamton University liefert neue Belege für diese Vermutung. Das Team hat dafür die fossilen Gehörknöchelchen zweier Hominiden analysiert, von Australopithecus africanus und Paranthropus robustus. Anders als etwa beim Sehen funktioniere die Rekonstruktion beim Hören ganz gut, denn die Hörfähigkeit hängt vor allem von den physischen Gegebenheiten - also von Skelettteilen - ab.

Das Ergebnis: Das rekonstruierte Gehör der beiden Menschenartigen unterscheidet sich von jenem des Schimpansen sowie dem des Menschen. Im Vergleich zu Schimpansen reagierten die beiden den Forschern zufolge stärker auf höhere Frequenzen, im Bereich zwischen 1.500 und 3.500 Hertz. Generell war der gesamte Hörbereich gegenüber dem Affen etwas nach oben verschoben. Zwischen 1.500 und 3.000 Hertz hörten die untersuchten Menschenaffen vermutlich sogar besser als heutige Menschen.

Wie die Forscher schreiben, hat sich die Hörfähigkeit unserer Vorfahren wahrscheinlich in Etappen verändert. Zuerst fand die in dieser Studie beschriebene Verschiebung in Richtung hoher Frequenzen statt. Danach habe sich der Hörbereich noch einmal erweitert, insbesondere nach oben. Das hätten bereits frühere Studien ergeben. Demnach hörten unsere Vorfahren schon vor 350.000 ähnlich wie der moderne Mensch. Und vielleicht haben sie auch schon miteinander gesprochen.

Aus der Nähe hörbar

Die im Vergleich zu Affen verbesserte Hörfähigkeit im höheren Frequenzbereich ermöglichten den Forschern zufolge nämlich eine exklusive Spezialität der menschlichen Kommunikation, die Verwendung hochfrequenter Konsonanten, wie p, t, f und s. Phonetisch unterscheidet sich die menschliche Sprache dadurch von allen anderen bekannten Formen tierischer Kommunikation.

Die oft stimmlosen Konsonanten eignen sich besonders für den Austausch in nächster Nähe, für Alarmrufe sind sie kaum geeignet. Die Erkenntnisse stützen damit die Hypothese, dass Sprechen mit vokalischen Signalen bzw. Rufen begonnen hat. Erst danach soll sich die konsonantische Struktur darüber gelegt haben. Gemeinsam schufen die Laute die Grundlage für die kombinatorischen Möglichkeiten heutiger Sprachen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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