Standort: science.ORF.at / Meldung: "Hinweise auf Grab der Nofretete?"

Die berühmte Büste der Nofretete im Berliner Neuen Museum

Hinweise auf Grab der Nofretete?

Ein britischer Forscher meint, dass hinter den bekannten Grabkammern des altägyptischen Pharaos Tutanchamun auch noch die Grabstätte der Nofretete liegen könnte. Die mögliche Entdeckung machte er dabei nicht im Feld, sondern am Schreibtisch. Er wird seine Hypothese aber bald prüfen können. Viele Kollegen sind skeptisch, aber auch gespannt.

Archäologie 24.09.2015

Als Howard Carter im November 1922 durch den ersten Spalt in das Königsgrab schauen kann, sagt er - tief bewegt - er sehe "wunderbare Dinge". Denn vor ihm lagen die über und über in Gold getauchten Grabkammern des Tutanchamun, der vor circa 3.300 Jahren Pharao Ägyptens war. Es war die Sensationsentdeckung des frühen 20. Jahrhunderts und löste weltweit eine Ägyptomanie aus. "König Tut" zierte Zigarrenkisten genauso wie Frauenmagazine, und altägyptischer Stil beeinflusste Architektur und Mode der Zeit.

Lange übersehen?

Ö1-Sendungshinweis

Darüber berichtete auch das Mittagsjournal am 24.9. um 12.00 Uhr

Ägyptische Grabkammer Tut-ench-Amun

EPA, KHALED ELFIQI

Eine Replika der Grabkammer von Tutanchamun

Seit der Entdeckung haben Forscherinnen und Forscher jeden Zentimeter des Königsgrabes KV62 im Tal der Könige untersucht. Aber könnte es sein, dass sie etwas übersehen haben?

Das behauptet zumindest der britische Ägyptologe Nicholas Reeves. Reeves untersuchte hochauflösende, dreidimensionale Oberflächenabtastungen der Wandreliefs im Grab, die eine spanische Firma angefertigt hat, um exakte Repliken der Kammern möglich zu machen. Reeves will dabei in Unregelmäßigkeiten der Oberflächenstruktur den Fugenverlauf von Türen erkennen. Er glaubt daher, dass versteckt hinter den Malereien weitere Kammern zu finden wären.

Angst vor Grabräubern

Das wäre nicht unüblich für die Zeitperiode von Tutanchamun, bestätigt Irmgard Hein vom Institut für Ägyptologie der Universität Wien. Die Gräber zur Zeit des sogenannten Neuen Reiches hätten alle versteckte oder verdeckte Eingänge gehabt. Die Zeitperiode folgt der sogenannten Hyksos–Zeit, die von Unruhen geprägt war. Während dieses Zeitalters wurden auch viele der alten Grabstätten geplündert – davor wollte man die neuen Gräber bewahren. Insofern hält Hein es für durchaus möglich, dass man weitere Hohlräume finden könnte.

Geheimnisvolle Nofrete

Aber dem Rest von Reeves Theorie stehen viele Ägypten-Kenner kritisch gegenüber. Denn Reeves vermutet hinter den Durchgängen das Grab der Nofretete. Sie war die Frau von Echnaton, Tutanchamuns Vater. Überliefert ist nur, dass Nofretete sechs Töchter hatte, niemals ist von einem Sohn zu lesen. Sie dürfte daher nur Tutanchamuns Stiefmutter gewesen sein.

Unklar ist auch, wie mächtig Nofretete genau war. Sie war jedenfalls lange Zeit Mitregentin Echnatons und galt als seine Frau in dem von ihm begründeten Aton-Kult als gottgleich. Möglich ist auch - hier sind sich die Experten uneins -, dass sie ihren Mann überlebte und dann einige Jahre allein über das alte Ägypten herrschte. Nofretete jedenfalls hätte wohl ein reich bestücktes Grab bekommen - das man bisher noch nicht gefunden hat.

Denn die Familiengräber, die Echnaton in seiner neu angelegten Hauptstadt Tell el-Amarna hatte anlegen lassen, scheinen nie benutzt worden zu sein. Nach dem Tod Echnatons, so scheint es, wurde die Stadt - die mitten im Nirgendwo der Wüste lag - sehr schnell aufgegeben. In Tell el-Amarna fand man auch die weltberühmte Büste der Nofretete. Sie begründet neben ihrem Namen, der übersetzt "Die Schöne ist gekommen" bedeutet, ihren Ruf als herausragende Schönheit.

Keine Beweise für Nofretete

Ägyptologin Hein sagt, so sehr man sich einen Sensationsfund wie diesen zwar wünscht: "Für eine Nofretete-Kammer spricht, ehrlich gesagt, gar nichts."

Reeves natürlich sieht Hinweise: Ein unterschiedlicher Stil bei einem der Reliefs - die Figuren sind anders proportioniert - deutet für ihn darauf hin, dass die Wandbilder zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind. Dieses eine nämlich noch zur Zeit der Bestattung Nofretetes und die anderen, nachdem die Durchgänge verschlossen wurden. Viele andere Ägypten-Forscher glauben einfach an verschiedene Künstler.

Außerdem sei die Grabanlage ungewöhnlich. Das allerdings bestätigt auch Hein: Es sei ungewöhnlich klein für ein Königsgrab, außerdem gebe es einen Abgang und eine Abzweigung, während die Norm für ein Königsgrab zu jener Zeit eher ein geradliniger Zugang wäre. Auch Hein glaubt, dass das Grab nicht ursprünglich für Tutanchamun angelegt wurde. Er starb sehr jung und wahrscheinlich plötzlich. Vielleicht nutzte man also ein Grab, das ursprünglich für ein anderes Mitglied der königlichen Familie gedacht gewesen war.

Und ja, vielleicht auch das der Nofretete – aber wirkliche Fakten gebe es dafür eben nicht. Genauso gut könne jede weitere Kammer, falls sie überhaupt existiert, einer Nebenfrau oder anderen Verwandten des Tutanchamun gehören.

Moderne Archäologie ohne Meißel

Die Hypothese lässt Ägypten jedenfalls wohl bald überprüfen, vielleicht schon diesen Oktober, so Reeves. Ägypten muss den Zugang und die Untersuchung gestatten und ist wohl auch selbst daran interessiert, herauszufinden, ob sich ein weiteres unangetastetes Zeitzeugnis der Menschheitsgeschichte in dem unterirdischen Komplex verbirgt.

Das Dilemma besteht darin, dass die jahrtausendealten Wandmalereien natürlich nicht beschädigt werden sollen. Reeves wird zuerst also auf eine Georadarmessung setzen. Die Methode erklärt Sirri Seren, Leiter des Instituts für Angewandte Geophysik an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien: "Das ist eine Sender- und Empfängerantenne, die elektromagnetische Wellen sendet, und die Wellen gehen durch die Wand durch. Je nach Material mehrere Meter tief." Feste Materialien reflektieren die Wellen zurück an den Empfänger, aus Hohlräumen kommt nichts zurück. Die Methode funktioniert je nach Absicht auch hochauflösend, erklärt Seren - das heißt man könne nicht nur große Strukturen erkennen, sondern beispielsweise auch den Aufbau der Wand, die einzelnen Steine sogar.

Eine weitere Möglichkeit wäre vielleicht eine geoelektrische Untersuchung, um die unterirdische Anlage von der Erdoberfläche aus sichtbar zu machen. Dabei leitet man Strom in die Erde, der bei unterschiedlichen Materialien auch auf unterschiedlichen Widerstand stößt. Daraus ergeben sich dann dreidimensionale Bilder von unterirdischen Strukturen.

Isabella Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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