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Gedenktafel Therese Schlesinger

Eine Landkarte der Erinnerung

Das Forschungsprojekt POREM untersucht Gedenkorte in Wien: 1.600 Straßen- und Parknamen, Denkmäler und Gräber erinnern in der Bundeshauptstadt an die politische Gewalt des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus. Sie wurden nun in einer digitalen Landkarte der Erinnerung zusammengefasst.

Faschismus 25.09.2015

Bald nach dem Ende des 2. Weltkrieges ergänzten Überlebende bereits bestehende Familien-Grabsteine am Wiener Zentralfriedhof um die Namen jener, die während der NS-Herrschaft ermordet worden waren. Die teils politischen Inschriften zählen zur Gruppe der frühesten Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum.

Das Forschungsprojekt POREM (Politics of Remembrance and the Transition of Public Spaces) wird vom Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds und vom Nationalfond der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus finanziert. Im Projekt arbeiten Politologen, Historiker, eine Kultur- und Sozialanthropologin der Universität Wien mit LandschaftsarchitektInnen der Universität für Bodenkultur zusammen. Projektleitung: Walter Manoschek und Peter Pirker, Institut für Staatswissenschaft.

"Friedhöfe haben mehreren Opfergruppen und deren Familien geholfen, einen ersten Ort der Trauer und des Andenkens zu schaffen", sagt der Politologe Mathias Lichtenwagner, einer der Mitarbeiter von POREM:

"Das gilt sowohl für die politischen Opfer, als auch für die Opfer der Religionsgruppen, vor allem die Opfer der Shoah. Der Zentralfriedhof war ein wichtiger erster Erinnerungsort, auch wenn er eigentlich nur teilöffentlich ist, schließlich liegt er an der Peripherie der Stadt. Ein Beispiel für einen der ersten Erinnerungsorte ist das Massengrab 'Gruppe 40'."

Audio: Mathias Lichtenwagner über die "Gruppe 40"

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch das "Dimensionen Magazin", 25.9., 19.05 Uhr.

Es sollte Jahrzehnte dauern, bis es Erinnerungszeichen an die politische Gewalt des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus von der Stadtperipherie in das Zentrum von Wien schafften. Frühe Beispiele dafür sind Gedenktafeln auf Gemeindebauten, die nach Opfern des Nationalsozialismus benannt wurden, deren Wirken mittlerweile aber in Vergessenheit geraten ist.

1988 legten Schulkinder aller Konfessionen – in Aspern und damit wiederum am Stadtrand – einen Gedenkwald an und pflanzten 60.000 Bäume für jüdische Opfer der Nationalsozialisten. Heute sind in die Gehwege der Innenstadtbezirke Steine der Erinnerung eingelassen.

In den Boden eingelassenes Denkmal - Stein der Erinnerung

POREM

Gedenkstein in Wien

Das Erinnern an die politische Gewalt des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus hatte und hat in Wien viele Facetten - und Konjunkturen. Forscher der Universität Wien und der Universität für Bodenkultur analysieren nun in dem umfassenden Forschungsprojekt POREM, welche Formen der Erinnerung den öffentlichen Wiener Raum prägen und geprägt haben. Der Großteil der Erinnerungszeichen sind nicht nur Zeichen des Gedächtnisses, sondern auch Zeichen der Erinnerungspolitik in Wien.

Das Herzstück von POREM ist eine interaktive digitale Landkarte, an der die Projektmitarbeiter noch basteln. Sie wird Nutzerinnen und Nutzern unter anderem ermöglichen, die Entwicklung der Erinnerungszeichen und Erinnerungspolitik in Wien im Zeitraffer zu überblicken.

Legende zu: Erinnerungszeichen in Wien 1945 - 2015

Porem

Grafik: Erinnerungszeichen in Wien 1945 - 2015

Porem

"Der Großteil der Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum wurde ab 1995 errichtet", sagt, der Politologe und Historiker Peter Pirker vom Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien, der einer der beiden Projektleiter von POREM. Ein Beispiel ist das Servitenviertel im 9. Wiener Gemeindebezirk.

Audio: Peter Pirker über das Servitenviertel

Die Forscher markieren auf der Karte auch so genannte Leerstellen der Erinnerung. Ein Beispiel dafür sind die sieben Erinnerungszeichen an den SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky. Kein einziges davon erwähnt, dass Kreisky aus Österreich fliehen musste und im Exil gewesen ist.

Leerstellen verteilen sich über die ganze Stadt

Bruno Kreiskys Biographie mag noch vielen Menschen ein Begriff sein. Bei anderen Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung muss das angezweifelt werden. Zwei Namen, stellvertretend für viele: Therese Schlesinger – nach ihr ist ein Gemeindebau im 8. Wiener Gemeindebezirk benannt und Otto Herschmann, dessen Name eine Gasse im 11. Bezirk trägt.

Straßenschild: Otto-Herschmann-Gasse

Porem

Straßenschild in Wien-Simmering

"Therese Schlesinger musste 1938 aufgrund der NS-Rassengesetze Österreich verlassen und ist im Exil gestorben. Auf der Hoftafel steht nur, dass sie Nationalrats- und Bundesratsabgeordnete gewesen ist", sagt Mathias Lichtenwagner: "Der Sportler Otto Herschmann ist ein weiteres Beispiel. Er ist im Vernichtungslager Sobibor gestorben und davor aus Wien deportiert worden. Das Straßenschild liefert dazu keine Informationen."

Es gibt freilich auch Beispiele für ehemalige Leerstellen, die mit Erinnerung an die politische Gewalt des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus in Wien aufgefüllt worden sind. So etwa der nach dem Komponisten und Textautor von Wienerliedern benannte Moriz-Mayer-Park im 17. Bezirk. Die Parktafel weist darauf hin, dass Moriz Mayer und seine Ehefrau Grete im Oktober 1941 ins Ghetto Lodz (Litzmannstadt) deportiert und dort in der Folge ermordet worden sind.

POREM arbeitet mit zahlreichen Parametern – so lassen sich mittels der Karte nicht nur spezifische Zeiträume durchsuchen, sondern auch die Stifterinnen und Stifter der Erinnerungszeichen im Öffentlichen Raum, verschiedene Opfergruppen, und und und.

So können Nutzer etwa nachsehen, welchem Opfer des NS-Regimes im öffentlichen Raum der Stadt Wien am öftesten gedacht wird. Es ist die 1998 selig gesprochene Ordens- und Krankenschwester Maria Restituta Kafka, die sich den NS-Machthabern widersetzte und umgebracht wurde. "Mithilfe der Karte lässt sich auch gut erkennen, welche Gruppen nach wie vor marginalisiert werden", sagt Peter Pirker.

Audio: Peter Pirker über marginalisierte Gruppen

Beim Anklicken und Kombinieren der vielen Dutzend Parameter der Karte der Erinnerung wird außerdem ersichtlich: Auch die Wiener Universitäten agierten erinnerungspolitisch auffallend träge. "Was man ebenfalls auf der Karte erkennen kann, ist, dass die Erinnerungstafeln an den Wiener Universitäten Opferschaft ausblenden. An der Wiener Universität erwähnen 60 Prozent der zwischen 1945 und 1995 errichteten Gedenktafeln die Opferschaft innerhalb des Austrofaschismus und Nationalsozialismus nicht - sondern nur wenige biographische Daten", sagt Mathias Lichtenwagner.

Grafik: Balkendiagramme zu ausgeblendeten Themen

POREM

Datenbasis: Erinnerungszeichen (Ez) in Wien, Errichtungszeitraum 1945-2014

Das Wissen der POREM-Forschungsgruppe soll ab Ende des kommenden Jahres der Allgemeinheit zugänglich sein – eben mithilfe der digitalen Landkarte, die dann fertig gestellt sein wird und online gehen soll. Geplant ist außerdem eine Publikation in Buchform.

Tanja Malle, Ö1-Wissenschaft

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