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Ein Stern sendet Strahlen aus

Physiknobelpreis an zwei Neutrinoforscher

Der Physiknobelpreis 2015 geht an den Japaner Takaaki Kajita und den Kanadier Arthur McDonald. Die beiden Physiker konnten zeigen, dass Neutrinos ihre Identitäten wechseln - die Neutrinooszillation. Voraussetzung für diese Umwandlung: Die Teilchen müssen Masse haben. Die Erkenntnisse der beiden Forscher hätten die Vorstellung von Materie grundlegend geändert, so die Begründung des Komitees.

Auszeichnung 06.10.2015

McDonald reagierte auf die Nachricht vom Nobelpreis bescheiden. "Wir sind sehr zufrieden, dass wir zum Wissen der Welt haben beitragen können", sagte der am Telefon zugeschaltete Kanadier während der Pressekonferenz in Stockholm über die Arbeit seines Forschungsteams. "Glücklicherweise hatten wir ein gutes Team und wir wussten, dass wir ein Stück Wissenschaft vor uns hatten, das erforscht werden konnte und das - egal was dabei herauskommt - sehr bedeutend sein würde", hatte er bereits zuvor in einem Interview gesagt.

Die Preisträger

  • Takaaki Kajita (1959) vom Institute for the Physics and the Mathematics of the Universe der Universität Tokio
Takaaki Kajita, Physiknobelpreisträger 2015

EPA/FRANCK ROBICHON

  • Arthur McDonald (1943) vom Department of Physics, Engineering Physics & Astronomy der Queen's University im kanadischen Kingston (emeritiert)
Arthur McDonald. Physiknobelpreisträger 2015

EPA/KELSEY MCFARLANE / QUEEN'S UNIVEERSITY

Auch Kajita reagierte mit Dankbarkeit und Bescheidenheit auf die Verleihung des Nobelpreises für Physik. "Ich fühle mich sehr geehrt", sagte der japanische Physiker an der Universität Tokio. "Meine Arbeit bringt nicht gleich der Menschheit Nutzen. Wenn man es schön ausdrückt, dann erweitert so eine Forschung wie meine den Horizont des menschlichen Wissens. Der Nobelpreis hat darauf Licht geworfen, und ich bin dankbar dafür", so der Wissenschaftler. McDonald und Kajita hätten einander erst vor drei Wochen bei einer Konferenz getroffen, erklärte der Kanadier bei der Pressekonferenz. Die beiden Forschungsgruppen stünden seit Jahren in engem Kontakt: "Wir haben eine sehr positive Beziehung."

"Chamäleons des Alls"

Rund um die Jahrtausendwende präsentierte Kajita eine Entdeckung am japanischen Super-Kamiokande-Neutrinodetektor, wonach Neutrinos zwischen zwei Identitäten oszillieren, also wechseln können. Zur selben Zeit konnte eine Forschergruppe um McDonald zeigen, dass Neutrinos auf ihrem Weg von der Sonne zur Erde nicht verschwinden: Stattdessen konnte man die Teilchen in einem anderen Zustand identifizieren, als sie am Sudbury Neutrino Observatory ankamen. Ob dieser Eigenschaft bezeichnet das Nobelkomitee die Elementarteilchen auch als "Chamäleons des Alls".

Mit der Entdeckung wurde ein Rätsel gelöst, das Physiker bereits seit Jahrzehnten beschäftigt. Denn gemessen an theoretischen Berechnungen fehlten bei Messungen auf der Erde etwa zwei Drittel der Teilchen. Die Experimente der Teams zeigten nun, dass die Teilchen nicht verschwinden, sondern nur ihren Zustand wechseln. Die Entdeckung hatte eine weitreichende Konsequenz: Für lange Zeit dachte man nämlich, Neutrinos seien masselos, doch nun war klar, dass sie eine - wenn auch sehr kleine - Masse haben, exakte Angaben fehlen bis heute.

Weil Neutrinos aber so häufig sind, spielen sie in der Massenbilanz durchaus eine wichtige Rolle. Laut Nobelpreiskomitee entspricht die Masse aller Neutrinos im Universum zusammen in etwa jener der sichtbaren Sterne im Kosmos. Für die Teilchenphysik sei das ein historischer Moment gewesen, heißt es in der Presseaussendung zum Nobelpreis. Denn nach dem Standardmodell der Teilchen müssten die Elementarteilchen masselos sein. Nun war aber klar, dass die bisherige Theorie nicht komplett sein kann.

Ö1-Sendungshinweise

Die Ö1-"Journale" und "Wissen aktuell" berichten in der "Nobelpreiswoche" von 5. bis 9. Oktober über alle Auszeichnungen.

Schwer fassbare Teilchen

Nach Photonen sind Neutrinos die häufigsten Teilchen im Kosmos. Die Erde wird permanent von ihnen "bombardiert". Viele entstehen beim Zusammentreffen kosmischer Strahlung mit der Atmosphäre der Erde. Andere entstehen bei Kernreaktionen innerhalb der Sonne. Jede Sekunde durchdringen Tausende Neutrinos auch unsere Körper, sind aber nur schwer fassbar. Weltweit laufen Experimente, die Neutrinos erfassen und ihre Eigenschaften weiter beleuchten wollen.

Am Mittwoch folgt Chemieauszeichnung

Die Auszeichnung ist heuer mit acht Millionen schwedischen Kronen (850.000 Euro) dotiert. Der Preis wird am 10. Dezember - am Todestag des 1896 gestorbenen Preisstifters Alfred Nobel - verliehen. Im Vorjahr ging die Auszeichnung an die drei japanischen Forscher Isamu Akasaki, Hiroshi Amano und Shuji Nakamura für die "Entwicklung von effizienten blauleuchtenden Dioden, die helle, energiesparende weiße Lichtquellen ermöglicht haben".

Am Mittwoch folgt dann die Bekanntgabe des Chemienobelpreises. Am Freitag wird schließlich der Friedensnobelpreis vergeben und am Montag der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Der Termin für die Bekanntgabe des Literaturnobelpreisträgers steht noch nicht offiziell fest, dieser sollte aber traditionsgemäß am Donnerstag gekürt werden.

Am Montag wurde bereits der Medizinnobelpreis vergeben: Erhalten haben diesen die chinesische Malariaforscherin Tu Youyou sowie der gebürtige Ire William C. Campbell und der Japaner Satoshi Omura für ihre Arbeiten zu Krankheiten, die durch Würmer verursacht werden.

science.ORF.at/APA/dpa

Die Physiknobelpreise der vergangenen Jahre:

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