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Angela Davis

Angela Davis: Ein Leben für die Freiheit

Vor 45 Jahren stand sie auf der Fahndungsliste des FBI. Dann wurde die Philosophin Angela Davis verhaftet. Zu Unrecht. Nach ihrer Freilassung avancierte sie zu einer Ikone der US-Bürgerrechtsbewegung, Bei einem Vortrag an der Universität Wien sprach sie am Montag über ihr Leben, das sie beruflich wie privat dem Kampf für Freiheit gewidmet hat.

Philosophie 07.10.2015

"Welt nicht interpretieren, sondern verändern"

Blick zurück. Wir schreiben das Jahr 1970. Die schwarze Bürgerrechtsaktivistin und Philosophin Angela Davis wird auf die Liste der zehn am meisten gesuchten Flüchtigen des FBI gesetzt. Zwei Wochen später wurde sie verhaftet. Es drohte ihr die Todesstrafe. Die Anklage lautete: Mord, Entführung und Verschwörung.

Die junge Marxexpertin nahm Karl Marxs elfte Feuerbachthese sehr ernst, wie sie in der Dokumentation "Angela Davis. Der Kampf geht weiter" erzählte. Darin heißt es: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern." Und genau darum bemühte sich Angela Davis: als politische Aktivistin, Autorin und Philosophin kämpfte sie gegen jegliche Form der Unterdrückung von Menschen und für weltweite Solidarität.

Solidarität mit "Sweet Black Angel

Sie engagierte sich im Umfeld der Kommunistischen Partei der USA und der Black Panther, was dazu führte, dass sie 1970 verhaftet wurde, da bei einer Schießerei mit Todesopfern in einem Gerichtsaal eine Waffe gefunden wurde, die auf ihren Namen zugelassen war.

Ihre Verhaftung löste eine internationale Solidaritätsbewegung aus. Unter dem Motto "Free Angela" zogen tausende Menschen durch die Straßen und forderten ihre Freilassung. John Lennon und Yoko Ono, die Rolling Stones und der deutsche Liedermacher Franz Josef Degenhardt besangen die von den Stones im Lied als "Sweet Black Angel" bezeichnete Philosophin.

1972 wurde sie in allen Anklagepunkten freigesprochen. Sie kehrte an die Universität zurück, wurde eine Symbolfigur der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und zur Pionierin der Gender Studies.

Veranstaltungshinweise:

6. Oktober 2015, 18:30 Uhr: Angela Davis im Gespräch mit Renata Schmidtkunz im österreichischen Parlament über die gegenwärtige globale politische Wirklichkeit, Macht und Ohnmacht und über ihre Vision von einer moderner Demokratie. Das Gespräch ist am 15.10. um 21 Uhr und am 16.10. um 16 Uhr in der Ö1-Sendung "Im Gespräch" zu hören.
7. Oktober 2015, 19:00 Uhr: Angela Davis im Gespräch mit Kunsttheoretikerin Renée Gadsden an der Universität für angewandte Kunst Wien zum Thema "Art & Life"

Angela Davis bei ihrem Vortrag an der Uni Wien

Aaron Salzer, science.ORF.at

Angela Davis bei ihrem Vortrag an der Uni Wien

Leben zwischen Politik und Hochschule

45 Jahre später, zum 650-Jahr-Jubiläum der Universität Wien, hielt sie ebendort einen Vortrag zum Thema "Life between Politics and Academia": Als die heute 71-jährige Angela David den bis auf den letzten Platz gefüllten Festsaal der Universität Wien betrat, wurde sie mit Standing Ovations empfangen. Gleich zwei hintereinander. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar: Angela Davis ist ein Star.

Sie begann ihren Vortrag mit einem Rückblick auf ihren Werdegang und unterstrich die Wechselwirkungen von Politik und Hochschule: 1944 wurde sie im von Rassentrennung tief geprägten Birmingham im US-Bundesstaat Alabama geboren. Ihre Eltern waren beide Lehrer, und Lehrer bezeichnete Davis rückblickend als jene Personen, die den meisten Einfluss auf sie ausübten. Sie erkannte Bildung und Vernunft als jene Elemente, die, wie sie es mit den Worten des Abolitionisten Frederick Douglass ausdrückte, Menschen befreien: "Wissen befreit ein Kind aus der Sklaverei".

Politischer Aktivismus war von früh an ein zentraler Bestandteil ihres Lebens, wie sie erzählte. In Paris solidarisierte sie sich 1962 mit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung und ihr Wissensdurst führte sie schließlich mittels Stipendium an die Brandeis University in Massachusetts, wo sie beim deutsch-amerikanischen Philosophen Herbert Marcuse studierte.

Es folgten Studienaufenthalte in Frankfurt bei den Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, sie vertiefte sich in die Kritische Theorie, kehrte jedoch Ende der 60er Jahre wieder in die USA zurück: Dort spitzten sich die Kämpfe der Bürgerrechtsbewegung zu. Angela Davis wurde ein Teil davon.

Ein Plakat in Washington zeigt Angela Davis bei einer Rede 1974

AP/Beth J. Harpaz

Ein Plakat in Washington zeigt Angela Davis bei einer Rede 1974

Rassismus auch unter Obama

In den vergangenen Jahrzehnten habe sich zwar einiges geändert, so Davis bei einem Gespräch mit Journalisten am Rande ihres Vortrages: Rassistische Gesetze etwa seien abgeschafft worden. Vieles sei jedoch gleich geblieben: "Rassistische Gewalt durch den Staat gibt es seit der Zeit der Sklaverei", sagte Davis und verwies auf Polizeigewalt und strukturellen Rassismus in den USA.

"Die Ereignisse rassistischer Gewalt unter Obamas Amtszeit widersprechen komplett der Vorstellung, dass es heute weniger Rassismus gibt, nur weil eine schwarze Person im Weißen Haus ist". Bewegungen wie "Black Life Matters", die gegen rassistische Polizeigewalt – wie die Tötung des unbewaffneten Teenagers Michael Brown in Ferguson im Jahr 2014 – demonstrieren, seien wichtig.

Sie würden die Öffentlichkeit aufrütteln und das Thema in den Medien halten. Zudem sei es zentral, die Folgen wirtschaftlicher und sozialer Ausgrenzung von Schwarzen anzusprechen sowie auf den "Gefängnis-Industrie-Komplex" hinzuweisen, der dazu führe, dass überdurchschnittlich viele Schwarze verurteilt werden.

Diskriminierung betreffe jedoch nicht nur die ethnische Abstammung. Frauen, Homosexuelle, Transgender, flüchtende Menschen und Muslime seien ebenfalls betroffen, betonte Davis in ihrem Vortrag. Es gehe darum, die Verwobenheit vielfältiger Strukturen ausfindig zu machen, die Menschen unterdrücken.

Seit den 70er Jahren habe sich dazu langsam das Forschungsgebiet der Intersektionalität herausgebildet. Dabei überschneiden sich Diskriminierungen wegen der Hautfarbe, des Geschlechts, einer Behinderung oder der sozialen Herkunft und verstärken sich gegenseitig.

Angela Davis, umringt von Anhängern an der Uni Wien

Aaron Salzer, science.ORF.at

Angela Davis, umringt von Anhängern an der Uni Wien, "Generation-Selfie"

"Abolish the police"

Auch Religionen werden diskriminiert. Seit dem 11. September sei die Islamophobie stark angewachsen, parallel dazu der Wunsch nach Schutz vor Terror und mehr Sicherheit. Doch, so fragte Davis: "Brauchen wir einfach eine bessere Polizei und bessere Gefängnisse? – Was wir wirklich benötigen ist: Unser Verständnis von Sicherheit neu zu denken." Donnernder Applaus war die Antwort.

Das würde unter anderem bedeuten: Arbeitsplätze neu zu schaffen, freien Bildungszugang, eine freie Gesundheitsvorsorge zu gewährleisten und das Justiz- sowie Polizeisystem zu reformieren: "We would say: demilitarize the police." – schallender Applaus. "Abolish the institution of police as we know it, and of course we say: Abolish the imprisonment as the dominant mode of punishment." – tobender Applaus. "But, we have only just began." – Standing Ovations Nr.3.

Freiheit jenseits des Marktmodells

Wer über Sicherheit spricht, kann über Freiheit nicht schweigen: Es gehe darum, politische Freiheit mit beispielsweise ökonomischer Freiheit zu verbinden, sagte Davis am Rande der Veranstaltung. "Wie können wir ein Freiheitsverständnis entwickeln, das nicht auf dem Marktmodell basiert?" Das Recht auf Bildung sei beispielsweise sinnlos, wenn Menschen nicht die finanziellen Mittel dafür zur Verfügung haben. Dasselbe gelte für Gesundheitsdienstleitungen.

Wenn über Freiheit gesprochen werde, stelle sich die Frage: "Wie entkommen wir dem Dilemma, über das bereits Karl Marx geschrieben hat?" Als Marx über Freiheit philosophierte, stellte er sich die Frage, wie weit Freiheit gehen sollte. Als die Leibeigenschaft abgeschafft wurde, wurden die Menschen zwar von ihrem Feudalherrn befreit, gleichzeitig verloren sie jedoch auch jene Mittel, mit denen sie ihren Lebensunterhalt bestritten, erklärte Davis. Ähnlich erging es den Menschen bei der Abschaffung der Sklaverei. Es fehlten ihnen die Mittel, um am gesellschaftlichen Leben teil zu nehmen.

Diese Fragen werden gerade in einer Zeit wirtschaftlicher Reformen, in welcher sozial- und wohlfahrtstaatliche Leistungen gekürzt werden, relevant. "In vielerlei Hinsicht müssen wir erst das wieder erlangen, was bereits verloren ging, bevor wir weiter fortschreiten, um uns eine sehr viel andere Gesellschaft vor zu stellen. Hoffentlich eine soziale Gesellschaft," so Davis.

Aaron Salzer, science.ORF.at

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