Standort: science.ORF.at / Meldung: "Warten auf Psychotherapie für Kinder"

Trauriges Kind sitzt auf einem Holzboden

Warten auf Psychotherapie für Kinder

Geschätzte 170.000 Kinder bräuchten in Österreich therapeutische Unterstützung. Aber nur ein Bruchteil davon bekommt diese Hilfe tatsächlich, unter anderem wegen der hohen Kosten. Experten fordern deshalb mehr Psychotherapie auf Krankenkassenkosten für Kinder und Jugendliche.

Kostenfrage 08.10.2015

Ö1 Sendungshinweis:

Über Psychotherapie für Kinder berichtete auch "Wissen Aktuell" am 8. Oktober 2015 um 13.55 Uhr.

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Der Österreichische Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik hat 2011 eine österreichweite Erhebung gemacht, wie viele Kinder Therapie tatsächlich in Anspruch nehmen. Dabei zeigte sich: Von den 170.000 waren gerade einmal 12.000 in Behandlung, davon nur 4.000 auf Kosten der Krankenkassen.

"Kinder, die eine Störung haben, haben ein Recht, sofort und mit der bestmöglichen therapeutischen Unterstützung eine Therapie zu bekommen", stellt deshalb die Psychotherapeutin Maria-Anna Pleischl fest.

Drei bis zehn Monate warten

Nur Niederösterreich und Salzburg bieten derzeit allen Kindern, die es brauchen, Psychotherapie auf Krankenschein an. In allen anderen Bundesländern gibt es Platzbeschränkungen seitens der Krankenkassen, was insbesondere in ländlichen Gebieten zu langen Wartezeiten führt. "Wir wissen von Wartezeiten zwischen drei und zehn Monaten, und das ist auf alle Fälle viel zu lang für Kinder", so Maria-Anna Pleischl.

Wenn Eltern nicht auf den Kassenplatz warten wollen, müssen sie selbst in die Tasche greifen. Von den mindestens 70 Euro für eine Therapiestunde bekommen sie etwa von der Wiener Gebietskrankenkasse 21,80 Euro ersetzt. Wer sich das nicht leisten kann, riskiert, dass sich die Probleme des Kindes verschlimmern.

Mutismus muss behandelt werden

Die Psychotherapeutin Gabriele Biegler-Vitek schildert das am Beispiel von Kindern mit Mutismus - sie verweigern außerhalb der eigenen Familie das Sprechen: "Wenn ich im Alter von fünf Jahren mit einem solchen Kind zu arbeiten beginne, kann es meist gut mit dem Schuleinstieg umgehen und der weitere Bildungs- und Lebensweg verläuft großteils unauffällig. Ich hatte aber auch schon mutistische Jugendliche bei mir, die mit 15 gekommen sind."

Hinter diesen Jugendlichen liegen jahrelange, frustrierende Erfahrungen und eine oft abgebrochene Schullaufbahn, so Biegler-Vitek. Oft hätten sie keine Chance auf einen Lehrplatz. In diesem Stadium sei es nur mehr unter großen Schwierigkeiten möglich, die Störung so zu behandeln, dass ein "gutes Leben" damit möglich ist. Der Österreichische Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik fordert deshalb einmal mehr, dass die Beschränkungen bei Kassenplätzen für Kinder und Jugendliche in ganz Österreich aufgehoben werden.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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