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Touristen im Urwald fotografieren Gorilla

Von wegen öko

Ökotourismus wird als sanfte und naturnahe Alternative zum herkömmlichen Tourismus gehandelt. Doch so sanft ist er gar nicht, wie eine Überblicksstudie zeigt: Die Gewöhnung an den Menschen kann für die beobachteten Tiere lebensgefährlich sein.

Tourismus 09.10.2015

Dass sich der Mensch ökologisch betrachtet wie der Elefant im Porzellanladen aufführt, bedarf angesichts des Artensterbens und der Vernichtung von Naturräumen wohl keiner gesonderten Erörterung. Immerhin gab es bis vor Kurzem die Hoffnung, dass sich - guten Willen vorausgesetzt - Tourismus und Naturschutz durchaus vereinen ließen.

"Ökotourismus" heißt das Label für jene Form des Reisens in Schutzgebieten, die sich durch einen besonders behutsamen Umgang mit der Umwelt auszeichnet - und außerdem der lokalen Bevölkerung zugute kommen soll. Relativ betrachtet mag diese Form des Tourismus naturnah sein. Gleichwohl heißt das nicht, dass sie in der Natur keine Spuren hinterlässt, sagt Daniel Blumstein. "Jüngsten Statistiken zufolge gibt es in Naturschutzgebieten jährlich acht Milliarden Besuche. Das ist so viel, als würde jeder Mensch auf der Erde einmal pro Jahr ein solches Gebiet betreten."

Die Studie

"How Nature-Based Tourism Might Increase Prey Vulnerability to Predators", Trends in Ecology & Evolution (9.10.2015).

Der Biologe von der University of California in L.A. hat nun mit einigen Kollegen mehr als 100 Studien zu den ökologischen Effekten des naturnahen Tourismus ausgewertet. Sein Resümee fällt nicht positiv aus: Die Grundidee des Ökotourismus sei gewesen, die Artenvielfalt zu schützen oder zu erhöhen - tatsächlich bewirke er aber oft das Gegenteil.

Kontakt mit Menschen macht unvorsichtig

Wenn Tiere regelmäßig in Kontakt mit Menschen kommen, schreiben die Forscher in ihrer Studie, dann steige ihr Risiko, danach ums Leben zu kommen. Etwa, weil Wilderer im gleichen Gebiet umherstreifen und so leichter Beute machen können.

Quantitativ stärker ins Gewicht fallen freilich indirekte und weniger offensichtliche Effekte. "Wenn Tiere an Menschen gewöhnt sind, werden sie in der Regel unachtsam und keck", sagt Blumstein. Und dieses "entspannte" Verhalten sei, wenn plötzlich ein Fressfeind auftaucht, tödlich.

Wie die Forscher im Fachblatt "Trends in Ecology & Evolution" notieren, hat der Ökotourismus ähnliche Langzeitwirkung wie die Domestikation und die Urbanisierung von Lebensräumen. Von domestizierten Silberfüchsen weiß man etwa, dass sie sanftmütiger und weniger ängstlich agieren als ihre Artgenossen in freier Wildbahn. Eichhörnchen und Vögel aus der Stadt sind ebenfalls forscher als jene, die im Wald leben. Genau dieses Syndrom scheint sich nun auch in Naturschutzgebieten auszubreiten, beispielsweise bei Grünmeerkatzen im Südosten Afrikas. Nutznießer dessen sind ihre natürlichen Feinde, die Leoparden.

Was das genau bedeutet, bleibe in vielen Fällen noch zu erforschen. Vorsicht sei jedoch geboten, sagt Blumstein: "Auch der Ökotourismus gehört auf die lange Liste der vom Menschen ausgelösten Veränderungen in der Natur."

Robert Czepel, science.ORF.at

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