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Zwei Einkaufswagen auf einem Parkplatz

Wirtschaftsnobelpreis für Konsumforscher

Der britisch-amerikanische Forscher Angus Deaton untersucht, wie Verbraucher ticken und wie man Armut messen kann. Dafür bekommt der gebürtige Schotte heuer den Nobelpreis für Wirtschaft. Gewürdigt wird damit seine "Analyse von Konsum, Armut und Wohlfahrt".

Auszeichnung 12.10.2015

"Der diesjährige Preis handelt von Konsum im Großen und Kleinen", sagte Göran Hansson, Generalsekretär der Akademie. Deaton ist Professor für Wirtschaftswissenschaften, er lehrt und forscht seit 1983 an der Princeton University (US-Bundesstaat New Jersey) und beschäftigt sich dort unter anderem mit Fragen der Entwicklungs- und Gesundheitsökonomie.

"Um eine Wirtschaftspolitik zu entwerfen, die das Wohlergehen fördert und Armut reduziert, müssen wir zuerst die individuellen Konsumentscheidungen verstehen", hieß es vom Nobelkomitee, das die Arbeit des 69-jährigen Deaton lobte: "Mehr als jeder andere hat Angus Deaton dieses Verständnis verbessert."

Angus Deaton

APA/EPA/Larry Levanti

Angus Deaton, geboren am 19. Oktober 1945 in Edinburgh, forscht und lehrt seit 1979 an der amerikanischen Eliteuniversität Princeton. Weitere Stationen waren die englische Universität Cambridge, wo er 1974 promovierte, und Bristol. 2009 wurde er zum Präsidenten der traditionsreichen American Economic Association (AEA) gewählt.

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Die Ö1-Journale und "Wissen aktuell" berichten über alle Nobelpreise.

Berechnung der Nachfrage

Konkret hob die Akademie drei wissenschaftliche Errungenschaften von Deaton hervor. Um 1980 entwickelte Deaton gemeinsam mit dem Ökonomen John Muellbauer ein System, um die Nachfrage für verschiedene Güter zu schätzen. Dieses System sei wichtig für wirtschaftspolitische Entscheidungen, heißt es in der Mitteilung. Das helfe Regierungen abzuschätzen, wie sich beispielsweise eine Mehrwertsteuererhöhung auf den Konsum auswirkt und welche sozialen Gruppen dabei verlieren bzw. gewinnen.

Darüber hinaus hob die Akademie Deatons Studien um 1990 hervor, die den Zusammenhang zwischen Konsum und Einkommen untersuchten. Dabei zeigte er auf, dass der Schlüssel zu einem besseren Verständnis von makroökonomischen Daten in der Betrachtung von Individuen liegt.

Außerdem würdigte die Akademie auch die jüngeren Arbeiten des Schotten. Deaton nutzte für seine Ergebnisse die Befragung von Haushalten in Entwicklungsländern. Mithilfe von Daten zu den Konsumausgaben habe er Lebensstandard und Armut berechnet, erklärte die Akademie.

Deaton: Armut löste Flüchtlingskrise aus

Die schwedische Jury habe Deaton am Montag aus dem Schlaf gerissen. "Meine Güte, ich war ganz schön verschlafen", sagte der Forscher, der bei der Pressekonferenz in Stockholm per Telefon zugeschaltet war. "Ich war überrascht und erfreut, die Stimmen meiner Freunde vom Komitee zu hören." Er freue sich darauf, im Dezember zur Preisverleihung nach Schweden zu kommen.

Der Kampf gegen Armut könne langfristig Flüchtlingskrisen verhindern, sagte Deaton weiter: "Was wir heute sehen, ist das Ergebnis von Hunderten von Jahren ungleicher Entwicklung in der reichen Welt, wodurch ein großer Teil der Welt zurückgelassen wurde. Und diese Menschen (...) wünschen sich ein besseres Leben. Auf kurze Sicht kann nur eine Stabilisierung der politisch instabilen Verhältnisse helfen."

Kein offizieller Nobelpreis

Die Auszeichnung ist mit acht Mio. schwedischen Kronen (rund 850.000 Euro) dotiert. Anders als die traditionellen Nobelpreise geht diese aber nicht auf das Testament des Dynamiterfinders Alfred Nobel (1833 bis 1896) zurück - die Reichsbank in Schweden stiftete den Preis erst 1968.

Er heißt deshalb auch nicht offiziell Nobelpreis, sondern "Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften zum Andenken an Alfred Nobel". Verliehen wird die Auszeichnung gemeinsam mit den klassischen Nobelpreisen am 10. Dezember - dem Todestag Nobels - in Stockholm. Nur der Friedensnobelpreis wird in Oslo überreicht.

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ging bisher überwiegend an Ökonomen aus den USA. 2014 gewann der Franzose Jean Tirole den Preis für Arbeiten zu Marktmacht und Marktregulierung. Nur einmal ging der Preis in den vergangenen Jahrzehnten an eine Frau - und zwar 2009 an die US-amerikanische Umweltökonomin Elinor Ostrom.

Preisträger 2015: Medizin, Physik und Chemie

Letzte Woche wurden bereits die naturwissenschaftlichen Nobelpreise vergeben. Die Auszeichnung im Fach Medizin ging an die chinesische Malariaforscherin Tu Youyou sowie an den gebürtigen Iren William C. Campbell und den Japaner Satoshi Omura für ihre Arbeiten zu Krankheiten, die durch Würmer verursacht werden.

Der Physiknobelpreis ging an den Japaner Takaaki Kajita und den Kanadier Arthur McDonald. Sie konnten zeigen, dass Neutrinos ihre Identitäten wechseln können und daher Masse haben müssen. Die Erkenntnisse der beiden Forscher hätten die Vorstellung von Materie grundlegend geändert, hieß es in der Begründung des Nobelkomitees.

Der Preis im Fach Chemie ging in diesem Jahr an den Schweden Thomas Lindahl, den US-Amerikaner Paul Modrich und den Türken Aziz Sancar. Sie wurden für ihre Arbeiten zur DNA-Reparatur in der lebenden Zelle ausgezeichnet.

science.ORF.at/APA/dpa/Reuters

Die Wirtschaftsnobelpreise der vergangenen Jahre:

Die Nobelpreise 2015: