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Stapel Papiere

Wer soll das verstehen?

Parallel zu seinen Klimaberichten veröffentlicht der Weltklimarat IPCC regelmäßig kurze Dokumente, um Politiker über den Stand des Wissens zu informieren. Aber sie erreichen ihr Publikum nicht, zeigt eine Textanalyse: Um das Fachchinesisch zu verstehen, brauchte man ein Doktorat im Fach Klimawissenschaft.

Klimaberichte 13.10.2015

Der wissenschaftliche Fachartikel ist nicht unbedingt das, was man sich für die abendliche Lektüre aufs Nachtkästchen legen würde. Das gilt für Laien ohnehin, und selbst für den einen oder anderen Forscher. Francis Crick, seines Zeichens immerhin Nobelpreisträger der Medizin, notierte einmal: "Es gibt keine Form der Prosa, die schwieriger zu verstehen und ermüdender zu lesen ist, als das durchschnittliche wissenschaftliche Paper."

Zu den alle paar Jahre erscheinenden Weltklimaberichten hat sich Crick, verstorben 2004, niemals geäußert. Ein Blick in die tausendseitigen Konvolute zeigt jedenfalls: Die Sachstandsberichte sind technische Zusammenfassungen des aktuellen Wissens zum Klimawandel, deren Botschaft sich im Detail wohl nur Fachleuten erschließt.

Das war den Autoren bewusst, weswegen den Berichten von Anfang an auch eine populäre Kurzfassung beigelegt wurde. Diese "Summary for Policymakers" richtet sich an Politiker und interessierte Laien und sollte auch ohne besondere Vorbildung verstehbar sein - das war zumindest die Grundidee bei der Schaffung dieser Textgattung.

Die Studie

"Linguistic analysis of IPCC summaries for policymakers and associated coverage", Nature Climate Change (12.10.2015).

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch "Wissen aktuell", 13.10.2015, 13:55 Uhr.

"Regierungen begreifen die Fakten nicht"

Forscher um Suraje Dessai von der University of Leeds stellen diesen Kurzberichten nun kein gutes Zeugnis aus. Laut ihrer Studie waren die Popularversionen der IPCC-Berichte niemals wirklich populär formuliert, ihre Verständlichkeit habe in den letzten Jahren sogar weiter abgenommen.

Um die Texte wirklich angemessen verstehen zu können, kritisieren die Forscher, brauchten die Leser ein einschlägiges Doktorat - was sie in aller Regel nicht besitzen. "Wenn die Regierungen die für sie aufbereiteten wissenschaftlichen Fakten nicht begreifen können, wie sollen sie dann zu einem Konsens kommen?", fragt sich Studienautor Suraje Dessai.

Zu diesem Verdikt kommt Dessai aufgrund einer Computeranalyse, die Satzbau und Wortwahl von Texten bewertet - und in einen Lesbarkeitsindex, den sogenannten FRE-Score, umgerechnet hat. Besonders leicht verständliche Texte, Comics etwa, erreichen bei dieser Bewertung 90 bis 100 Punkte. Romanliteratur liegt in der Regel zwischen 60 und 90, noch spröder sind akademische Texte mit einem Score von 30 bis 50. Unter 30 beginnt das Territorium der wissenschaftlichen Fachprosa, die nur versierten Lesern zugänglich ist. Die "Summaries for Policymakers" liegen mit gut 20 Punkten genau dort. Letztlich ein Paradox - denn geplant war ursprünglich etwas anderes.

"Wie bei der Stillen Post"

"Es ist wie bei der Stillen Post", resümiert Co-Autor Ralf Barkemeyer von der Kedge Business School in Talence, Frankreich. "Weil die IPCC-Zusammenfassungen so schwer verständlich sind, lassen sie viele Interpretationen zu. Wären sie einfacher formuliert, könnte sich die Öffentlichkeit den Dokumenten zuwenden und nachsehen, wo die wirklichen Herausforderungen sind."

Barkemeyer hat spaßhalber auch Veröffentlichungen von Albert Einstein (wohlgemerkt ohne Formeln) durch die Analysemaschine geschickt. Resultat: Was der Physiker für seine Fachkollegen schrieb, war meist verständlicher als das, was die Klimaforscher zu sagen haben.

Wobei es ungerecht wäre, den Klimaforschern hier allein den Schwarzen Peter zuzuschieben. Während nämlich die Abfassung der IPCC-Berichte Aufgabe der Forscher ist, entstehen die "Summaries for Policymakers" erst in zähen Verhandlungen zwischen Wissenschaft und Regierungsvertretern. Laut Studie waren die Texte nach den Verhandlungen bisweilen unverständlicher als zuvor.

Bürokratische Vernebelung?

Wie Dessai gegenüber science.ORF.at erzählt, passierte der krasseste Einbruch der Lesbarkeit in einem Bericht der IPCC-Arbeitsgruppe III. Jener Gruppe also, die mögliche Gegenmaßnahmen zum Klimawandel aufzeigt. Dass sich dieses Thema eher für politische Kontroversen eignet als etwa die Physik der Atmosphäre (mit der sich die Arbeitsgruppe I beschäftigt), liegt auf der Hand.

Wäre es möglich, dass die zunächst klaren Aussagen in den Verhandlungen durch "Policy Speech" verwässert wurden? Etwa, um die Politik durch semantische Nebelschwaden aus der Verantwortung zu nehmen? "Das halte ich für möglich", sagt Dessai. Sollte das zutreffen, wäre der Vorwurf des Fachchinesischen im Grunde ein doppelter: Die Wissenschaftler sind offenbar zu sehr in ihrem Jargon gefangen. Und die Bürokraten haben wenig Interesse daran, die Eindeutigkeit der Texte zu verbessern.

Robert Czepel, science.ORF.at

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