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Eine Krankenschwester betreut einen bettlägerigen Patienten.

Schlaganfall durch Arbeitsstress?

Dass Arbeitsstress auf Dauer nicht besonders gesund sein kann, liegt nahe. Entscheidend dürfte aber sein, welche Art von Belastung ein Job darstellt. Das lässt zumindest eine neue Studie zum Schlaganfallrisiko vermuten. Demnach sind besonders jene Menschen gefährdet, deren Beschäftigungen hohe Anforderungen bei minimaler Kontrolle haben.

Medizin 15.10.2015

So ein Stress

Die Studie in "Neurology":

"Association between job strain and risk of incident stroke" von Yuli Huang et al., erschienen am 14. Oktober 2015.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch das Morgenjournal am 15.10. um 8:00.

"Gestresst sein" ist der Inbegriff der modernen Lebenswelt. Stress in der Arbeit, mit dem Partner, in der Freizeit, etc. - kaum einer nimmt das Wort innerhalb von 24 Stunden nicht mindestens einmal in den Mund. Der Begriff hat einen höchst unangenehmen Beigeschmack, dabei ist Stress nicht per se schlecht. Kurzfristig ist er recht nützlich, er kann aktivieren, stimulieren und die Leistung fördern. Aber langfristig wird ein permanenter Anspannungszustand zum Problem.

Chronischer Stress steht unter Verdacht, das Risiko für alle möglichen körperlichen und psychischen Erkrankungen zu erhöhen, unter anderem für Bluthochdruck, Magen-Darmerkrankungen und Schlafstörungen. Auch so gravierende Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall stehen auf der Liste.

Die Studienlage indes ist zumindest bei letzterem höchst widersprüchlich, wie Forscher um Dingli Xu von der chinesischen Guangzhou Universität schreiben. Denn Stress könnte der Gesundheit auch in indirekter Weise schaden: "Es ist möglich, dass Stress einfach zu ungesundem Verhalten führt, wie schlechter Ernährung, Rauchen und Bewegungsmangel", so Dingli Xu in einer Aussendung.

Unterschiedliche Belastungen

In seiner Metastudie hat das Team nun versucht, diese Einflussfaktoren zu eliminieren sowie einen ganz konkreten Zusammenhang herauszufiltern: Erhöht Stress in der Arbeit das Risiko für Schlaganfälle? Dafür haben die Forscher verfügbare Studien zum Thema aus verschiedenen Ländern noch einmal genauer unter die Lupe genommen. Insgesamt ergab das ein Sample von 138.782 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die zwischen drei und 17 Jahren begleitet worden waren.

Anhand von zwei Hauptkriterien wurden die Jobs der Probanden vier Gruppen zugeordnet. In einem Kriterium wurden die Anforderungen zusammengefasst: Zeitdruck, psychischer Druck, geistige Arbeitslast und Koordinationsaufgaben. Das zweite Kriterium beschrieb die Autonomie der Arbeitenden, d.h. wie viel Kontroll- bzw. Entscheidungsmöglichkeiten die Beschäftigung ermöglicht. Körperliche Anstrengungen und Arbeitszeit haben die Forscher nicht berücksichtigt.

Heraus kamen vier Jobprofile: Passive Jobs mit geringen Anforderungen und wenig Selbstkontrolle, z.B. Hausbesorger; Jobs mit geringem Stresslevel, mit großer Autonomie und geringen Belastungen, dazu zählen die Forscher Naturwissenschaftler und Architekten; Jobs mit sehr hohem Stresspegel, bei denen die Anforderungen hoch und die Kontrolle gering sind, z.B. Kellnerinnen und Krankenschwestern. In der letzten Gruppe der aktiven Jobs mit hohen Anforderungen und umfassender Autonomie finden sich unter anderem Ärzte und Ingenieure.

Mehr Selbstbestimmung

Das Ergebnis der Auswertung: Menschen mit - nach dieser Einteilung - sehr stressreichen Jobs haben im Vergleich zu den wenig gestressten ein um 22 Prozent höheres Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Bei Frauen ist die Differenz noch deutlicher: Das Risiko der gestressten ist um 33 Prozent erhöht. Bei den passiven und aktiven Jobs war das Risiko nicht erhöht. Laut den Berechnungen der Forscher gehen 4,4 Prozentpunkte des Schlaganfallrisikos zu Lasten des Arbeitsstresses, bei Frauen sind es 6,5 Prozent.

Um Stress vorzubeugen, empfehlen die Studienautoren Betrieben ihren Mitarbeitern mehr Freiheiten zuzugestehen. Man könnte z.B. überlastete Kellnerinnen zumindest ihre Pausen selbst planen bzw. Krankenschwestern bei der Diensteinteilung mitreden lassen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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