Standort: science.ORF.at / Meldung: "Jäger und Sammler schlafen auch nicht länger"

Zwei Männer aus der Volksgruppe der San, Namibia

Jäger und Sammler schlafen auch nicht länger

Leidet der moderne Mensch unter chronischem Schlafmangel? Nicht wirklich, lautet die Antwort amerikanischer Forscher. Eine Untersuchung an Naturvölkern beweist: Jäger und Sammler schlafen keinesfalls mehr als wir. Über Schlafmangel klagen sie nicht.

Vergleich 16.10.2015

Das elektrische Licht, Fernsehen und Internet, dazu noch all der Stress und die tägliche Dosis Koffein. Gäbe es das nicht - ach, wie gut und lange würde man da schlafen! Wenn der Wecker wieder einmal erbarmungslos den Tag einläutet, ist die Sehnsucht nach dem Naturzustand der menschlichen Existenz groß. Dieser Zustand, so sind wir zumindest Montagfrüh geneigt anzunehmen, war ein geruhsamer - und ausgeschlafener.

Und hören wir nicht täglich von den schädlichen Effekten des chronischen Schlafentzugs? Übergewicht, Diabetes und Depressionen werden immer häufiger und scheinen mit Schlafmangel zu tun zu haben. Was läge näher, als unsere hektische, moderne Lebensweise dafür verantwortlich zu machen?

Jerome Siegel hat da seine Zweifel. Der Psychiater von der University of California in Los Angeles versuchte in einer Studie herauszufinden, wie lange Menschen in Urzeiten tatsächlich schliefen.

Direkt beantworten lässt sich die Frage freilich nicht, immerhin gibt es aber noch einige Naturvölker, deren Lebensweise der Urform recht nahe kommt. Etwa die Hadza in Tansania, die San in Namibia und die Tsimane in Bolivien. Alle drei Volksgruppen leben als Jäger und Sammler. Sie besitzen keinen elektrischen Strom und kennen auch all die Ablenkungen nicht, die mit dem Leben in der Wohlstandgesellschaft verbunden sind.

Nur 6,5 Stunden pro Tag

Und dennoch: Sie schlafen auch nicht mehr als wir, eher sogar weniger. 6,5 Stunden sind es pro Tag im Schnitt, schreibt Siegel in seiner Studie. "Das widerspricht der Annahme, dass die Schlafdauer in der modernen Welt geringer wurde. Und es betrifft auch den verbreiteten Konsum von Schlafmitteln, der die Verringerung des 'natürlichen' Schlafes ausgleichen sollte."

Wie Siegel mit seinen Kollegen im Fachblatt "Current Biology" notiert, gehen die Hadza, San und Tismane auch nicht mit Sonnenuntergang ins Bett, sondern bleiben danach noch drei Stunden wach. Nickerchen sind die Ausnahme.

Der "natürliche" Schlafrhythmus scheint sich grundsätzlich stärker an der Temperatur zu orientieren als am Licht. Die Jäger und Sammler schlafen offenbar dann, wenn es am kältesten ist. Das gilt auch in größeren Zeitmaßstäben - im Winter schlafen sie nämlich eine Stunde länger als in der warmen Jahreszeit.

In einer Hinsicht gebe es aber klare Unterschiede zu modernen Gesellschaften, sagt Siegel: Chronische Schlafstörungen sind den Naturvölkern fremd. Hier will der amerikanische Forscher ansetzen. Er hofft, seine schlaflosen Landsleute nun mit einer Therapie von ihrem Leiden befreien zu können, die sich am Schlafrhythmus der Jäger und Sammler orientiert.

Nur ein Mythos

Siegel ist im Übrigen nicht der Erste, der das Motiv vom chronischen Schlafmangel als Mythos entlarvt. Der Brite Jim Horne führte vor ein paar Jahren eine Umfrage durch, die unter anderem die Frage enthielt: "Was würden Sie tun, wenn der Tag eine Stunde mehr hätte?"

Die meisten Studienteilnehmer entschieden sich für Sport, Fernsehen und andere Vergnügungen, das Kästchen mit einer Stunde Schlaf indes kreuzten nur ganz wenige an - und das, obwohl viele in der gleichen Umfrage über Schlafmangel geklagt hatten. Siegel glaubt, dass dahinter eine sehr subjektive Wahrnehmung steht.

Mit dem Schlaf sei es so wie mit dem Geld und mit der Freizeit, sagt der Schlafforscher von der Loughborough University. "Wer würde schon 'Nein' sagen, wenn er mehr davon haben könnte? Jeder will von allem immer mehr."

Robert Czepel, science.ORF.at

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