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Skelett von Homo neanderthalensis (rechts) und Homo sapiens (links)

Homo sapiens erreichte China vor Europa

Wann ist der moderne Mensch nach China gekommen? Bisher war das unklar, da handfeste Beweise fehlten. Diese liefert nun ein internationales Forscherteam in Form von Zähnen: Der Homo sapiens erreichte den Forschern zufolge vor mindestens 80.000 Jahren Ostasien - 40.000 Jahre bevor er nach Europa kam.

Evolution 15.10.2015

47 Zähne. Backen- und Eckzähne, die Wurzeln intakt. Gefunden in einer Höhle in der Provinz Daoxian, Südchina. Aus diesen Funden schließt ein (vor allem chinesisches) Team auf die Menschheitsgeschichte. Ein zentrales Kapitel darin muss nun wohl umgeschrieben werden:

Die ersten Vertreter des Homo sapiens dürften vor zumindest 80.000 Jahren nach China gekommen sein. Möglicherweise waren sie sogar schon vor 120.000 Jahren dort - jedenfalls Zigtausende Jahre früher als bisher belegt.

Modern - aber uralt

Die Studie

"The earliest unequivocally modern humans in southern China", Nature (14.10.2015).

Über dieses Thema berichtete am 15. Oktober auch das Mittagsjournal.

Fossile Zähne von Homo sapiens

S. Xing und X-J. Wu

Die Fundstücke aus der Fuyan-Höhle in Daoxian

Das Team ist sich sicher: Die Zähne gehörten Homo sapiens. "Sie sehen modern aus - aber sie sind uralt", sagt die spanische Anthropologien und Koautorin Maria Martinon-Torres in einem Interview mit dem Wissenschaftsmagazin "Nature", wo die entsprechende Studie erschienen ist.

Die Zähne ähneln unseren heutigen Zähnen - entsprechend klein, mit einfachen Höckern an den Kauflächen und kurzen, schlanken Wurzeln. Das Alter der Fundstücke haben die Forscher übrigens indirekt bestimmt - über die Analyse des Bodens der Fuyan-Höhle in Daoxian, in der die Fossilien gefunden wurden.

"Das ist ein überraschendes Ergebnis", kommentiert Gerhard Weber, Anthropologe an der Uni Wien. Es gebe zwar ähnlich alte Funde andernorts in China, deren Datierung sei aber umstritten.

Erfolgreicher Auszug nach Asien

Was bedeutet das nun für unsere Geschichte? Bisherigen Fossilfunden in Europa zufolge kam Homo sapiens vor circa 45.000 Jahren in Europa an. Das wisse man etwa durch Funde in Italien, so Weber: "Mit dem heutigen Fund ist klar dokumentiert, dass moderne Menschen Ostasien wesentlich früher als Europa erreicht haben." Michael Petraglia von der University of Oxford bezeichnet diese Erkenntnis als "überwältigend".

Zwar hatte es schon früher ältere Funde außerhalb Afrikas, der Wiege der Menschheit, gegeben - etwa jene 100.000 Jahre alten Fossilien, die in der Skhul-Höhle in Israel gefunden wurden. Bisher nahm man jedoch an, diese Funde seien Überreste einer erfolglosen Migration in Richtung Asien gewesen. Diese Deutung erweist sich nun als falsch: Die frühen Wanderungen nach Osten waren offenbar sehr wohl erfolgreich - und sie führten durch den gesamten asiatischen Kontinent.

Verwandtschaft bleibt ungeklärt

Da die entdeckten Zähne keine DNA enthalten, können die Forscher leider nichts Genaueres über die Verwandtschaftsverhältnisse der Daoxian-Menschen aussagen. Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig glaubt nicht, dass sie die direkten Vorfahren der heutigen Ostasiaten oder Chinesen sind.

Genetische Befunde weisen eher darauf hin, dass die heutigen Ostasiaten von Menschen abstammen, die sich vor rund 55.000 Jahren mit Neandertalern vermischt hatten - "vermischt" ist in diesem Fall nicht nur räumlich gemeint: Die beiden Unterarten Homo sapiens sapiens und Homo sapiens neandertalensis kamen einander körperlich näher und zeugten miteinander Nachkommen.

Barbara Daser, Robert Czepel, Ö1-Wissenschaft

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