Standort: science.ORF.at / Meldung: "Schwere Kindheit macht geistig flexibel"

Ein in sich versunkenes Kind

Schwere Kindheit macht geistig flexibel

Angesichts der vielen oft unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zumindest eine kleine positive Randnotiz: Eine harte Kindheit hat Forschern zufolge nicht nur negative Spätfolgen. In manchen Lebenssituationen sind unter schwierigen Umständen aufgewachsene Menschen nämlich geistig flexibler.

Psychologie 19.10.2015

Beeinträchtigt oder anders?

Die Studie in "Journal of Personality and Social Psychology":

"Cognitive adaptations to stressful environments: When childhood adversity enhances adult executive function" von Chiraag Mittal et al., erschienen im Oktober 2015.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 16.10. um 13:55.

Die Liste der Studien zu möglichen negativen Folgen einer harten Kindheit ist lang. Menschen, die in Armut und instabilen Familienverhältnissen aufgewachsen sind, leiden demnach häufiger unter psychischen Problemen, wie Depressionen und Aggressionen. Sie zeigen eher auffällige Verhaltensweisen, so sollen sie etwa vermehrt unvernünftige Risiken eingehen. Auch geistige Fähigkeiten sollen betroffen sein, z.B. das Gedächtnis schlechter funktionieren.

All diese Erscheinungen werden in der Regel als Beeinträchtigungen dargestellt wie wahrgenommen. Aber könnte es nicht genauso gut sein, dass eine schwere Kindheit Menschen nicht weniger fähig, sondern einfach anders werden lässt? Diese Frage stellen die Forscher um Chiraag Mittal in ihrer aktuellen Studie.

Als Beispiel nennen sie Untersuchungen zum Treffen von Entscheidungen. Diesen zufolge sei es suboptimal, wenn man sich eher für eine kleinere Belohnung sofort anstatt für eine größere zu einem späteren Zeitpunkt entscheidet - so wie das viele Menschen mit einem schwierigen sozialen Hintergrund nämlich tun. Wenn man die Lebenserfahrungen der Betroffenen miteinbezieht, ist dieses Verhalten laut Mittal doch recht sinnvoll, wenn nicht sogar vernünftig: In einer Welt, in der nichts sicher ist, sollte man besser nehmen, was man kriegt. So gesehen habe der schwierige Lebenshintergrund die Betroffenen nicht beeinträchtig, sondern einfach den Umständen entsprechend geprägt.

Zwei Seiten

Um festzustellen, ob ein hartes Leben für Kinder später mehr als nur Defizite bringen könnte, haben die Forscher in ihren Experimenten zwei konkrete Verhaltensweisen untersucht: die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Fokussierung auf der einen Seite - hierfür haben die Forscher mit einfachen Tests geprüft, ob die Probanden trotz Ablenkung bei einer Aufgabe bleiben können. In diesem Fall mussten sie angeben, in welche Richtung ein Pfeil auf einem Bildschirm zeigt, während sie von zufällig aufpoppenden Lichtpunkten am Schirm abgelenkt wurden. Das entspreche in etwa der Fähigkeit, Belohnungen auf später zu verschieben.

Außerdem wurde die geistige Flexibilität getestet - gemeint ist die Fähigkeit mit möglichst wenig Aufwand von einem Ziel zum anderen zu wechseln. Dafür mussten die Probanden von einer Sekunde auf die andere die Kategorisierung von Objekten auf dem Bildschirm ändern, z.B. von Farben zu Formen.

Die zwei getesteten Verhaltensweisen stehen sich laut den Forschern diametral gegenüber, Vor- und Nachteile haben beide. Erstere sei wichtig, um ein langfristiges Ziel zu erreichen. Zweitere nütze der Kreativität, den mathematischen Fähigkeiten und dem Leseverständnis.

Manchmal im Vorteil

Die Hypothese der Wissenschaftler: Menschen mit stabilem Hintergrund fällt es leichter dranzubleiben. Schwierige Lebensumstände erleichtern hingegen das "Switchen". Tatsächlich schnitten die Probanden mit einer "glücklichen" Kindheit bei den ersten Tests besser ab. Bei den "Switchtests" waren es erwartungsgemäß jene mit einer sozial schwierigen Lebensgeschichte - viele sind häufig umgezogen oder ihre Eltern waren zeitweise arbeitslos.

Allerdings nur unter einer Randbedingung: Sie hatten zuvor einen Zeitungstext gelesen mit dem Titel "Tough Times Ahead". Dieser sollte die Teilnehmer verunsichern. Die Intervention zeitigte Folgen: Mit dem Gefühl der Verunsicherung liefen die Testpersonen mit schwerer Lebensgeschichte zur Höchstform auf und waren geistig extrem flexibel. Bei den anderen Probanden passierte genau das Gegenteil.

Wie die Forscher betonen, soll man die Ergebnisse nicht falsch verstehen: Eine schwere Kindheit ist niemandem zu wünschen. Es sei unbestritten, dass Menschen, die einem instabilen Lebenshintergrund entstammen, viele Nachteile in der Welt haben. Sie plädieren lediglich dafür, Betroffene nicht als beeinträchtigt zu stigmatisieren. Für den Kontext, in dem sie sozialisiert wurden, seien sie perfekt angepasst. Und als Erwachsene können sie dadurch unter bestimmten Bedingungen sogar besser "funktionieren".

Eva Obermüller, science.ORF.at

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