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Ein Hund lauscht mit aufgestelltem rechten Ohr

Beste Freunde mit unklarer Herkunft

Auch wenn den Menschen mit dem Hund eine jahrtausendealte Geschichte verbindet, ist eine Frage bisher ungeklärt: Wo genau wurde aus dem Wolf der Hund? Eine neue Studie lenkt den Fokus auf Zentralasien - mit Eindeutigkeit bestimmen lässt sich dieser "Geburtsort" aber nicht.

Hunde 20.10.2015

Denn die Studie wurde anhand genetischen Materials von heute lebenden Hunden gemacht, deren Verteilung über die Erde massiv vom Menschen beeinflusst wurde. Europa und Ostasien bleiben deshalb als Orte der ersten Zähmung ebenso in der wissenschaftlichen Diskussion. Klarheit erhofft man sich von einer weiteren Studie anhand fossiler DNA.

Europäer - oder doch nicht?

Die aktuelle Studie:

"Genetic structure in village dogs reveals a Central Asian domestication origin" ist am 19. Oktober 2015 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

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"Der Hund ist ein Europäer", titelte science.ORF.at im November 2013. Aber in dieser Eindeutigkeit lässt sich dieser Satz wohl nicht aufrechterhalten. Denn in einer nun in den "Proceedings" der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften erschienenen Studie verlegen die Forscher um Adam Boyko von der Cornell University den Ort, an dem der Hund vor rund 15.000 Jahren zum ersten Mal domestiziert wurde, nach Zentralasien. Dort, wo heute Nepal und die Mongolei liegen, könnte der Ursprung des heutigen Hundes liegen, heißt es in der Studie.

Um zu dieser Aussage zu gelangen, erfassten die Forscher genetische Daten von 5.392 Hunden aus 38 Ländern. Darunter befanden sich 4.676 reinrassige Exemplare von 161 Rassen und 549 sogenannte Dorfhunde ("village dogs"). Diese Dorfhunde waren für die aktuelle Studie besonders wichtig, weil sie oft in entlegenen, ländlichen Regionen leben und dadurch Züchtungen weniger Einfluss nehmen konnten.

Indizien für Zentralasien

Die Erbgutanalyse zeigte: Die genetische Vielfalt ist tatsächlich unter den Dorfhunden am größten und besonders groß unter den untersuchten Exemplaren Asien. Zusätzlich waren bei den Hunden aus Zentralasien Merkmale, die im Erbgut normalerweise nahe beieinander liegen, am ehesten voneinander getrennt - laut Studie ein Hinweis auf eine besonders lange Vergangenheit der Tiere. Außerdem habe in Zentralasien mit dem Eurasischen Wolf auch der wahrscheinliche Urgroßvater des Haushundes gelebt, schreiben die Forscher.

Aber heißt das nun, dass der Satz "Der Hund ist ein Europäer" ganz falsch ist? "Das muss nicht sein", sagt der Evolutionsbiologe und Genetiker Olaf Thalmann im Gespräch mit science.ORF.at. Er hatte 2013 jene Studie geleitet, die den Ursprung in unsere Breiten verlegte.

Plädoyer für alte Knochen

Zum einen sieht Olaf Thalmann in der hohen genetischen Vielfalt der asiatischen Hunde kein stichhaltiges Argument: "Hunde haben sich nicht wie andere Populationen verbreitet. Sie sind mit dem Menschen gereist und dadurch insbesondere in Gegenden wie China gekommen, wo seit Langem Handel getrieben wird", sagt Thalmann.

Schon seit Jahrtausenden würden Hunde durch ihre Nähe zum Menschen nicht mehr der natürlichen Selektion unterliegen, deshalb sei die genetische Analyse heute lebender Hunde nur bedingt aussagekräftig, so der Biologe. Er plädiert für die Einbeziehung fossiler DNA aus Knochenfunden, was Thalmann und Kollegen derzeit in einer Nachfolgestudie machen, deren Ergebnisse aber noch nicht vorliegen. Nur so lassen sich Verwandtschaftsverhältnisse zeitlich korrekt herstellen, ist der Biologe überzeugt.

Wissenschaft und Schlagzeile

Olaf Thalmann hält es durchaus für denkbar, dass der Hund unabhängig voneinander an mehreren Orten domestiziert wurde, aber: "Europa ist und bleibt für mich ein heißer Tipp." Dass der Hund ein Europäer ist - diese Meldung von science.ORF.at aus dem Jahr 2013 muss also trotz der neuen Studie nicht falsch sein.

Das Ringen um den Ursprungsort des Hundes ist aber ein schönes Beispiel dafür, wie Wissenschaft durch das Aufstellen und Entkräften Hypothesen funktioniert. Und wie dieses Wechselspiel manchmal nicht so gut in die Schlagzeilenlogik des Wissenschaftsjournalismus passt.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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