Standort: science.ORF.at / Meldung: "Pesterreger war zu Beginn harmlos"

Der Schädel eines ausgegrabenen Skeletts.

Pesterreger war zu Beginn harmlos

Die Pest plagt die Menschheit schon mindestens 3.000 Jahre länger als bisher nachgewiesen. Die Erreger gab es bereits in der Bronzezeit vor knapp 5.000 Jahren - weit vor den historisch belegten Epidemien. Allerdings war das Pestbakterium damals laut einer Studie weit weniger gefährlich für Menschen.

Genetik 22.10.2015

Denn das Bakterium erwarb erst im ersten Jahrtausend vor Christus die Eigenschaft, Flöhe als Zwischenwirt zu nutzen und Pandemien der gefürchteten Beulenpest auszulösen, berichtet ein internationales Forscherteam um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen.

Spuren in Zähnen

Die Studie:

"Early Divergent strains of Yersinia pestis in Eurasia five thousands years ago" ist am 22. Oktober 2015 in "Cell" erschienen.

Die Pest wird durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöst, das den Menschen, aber auch viele Tiere infizieren kann. Flöhe übertragen die Erreger von infizierten Tieren wie Ratten auf den Menschen. Auf diesem Weg wird die am weitesten verbreitete Beulenpest aber auch die Pestsepsis hervorgerufen. Letztere entsteht durch das Eindringen der Bakterien in die Blutbahn. Bei der Lungenpest gelangen die Erreger zumeist von einem zum anderen Menschen.

Die Forscher um Willerslev hatten in den Zähnen von 101 Menschen, die großteils in der Bronzezeit in Europa und Asien gelebt hatten, nach genetischen Spuren des Pestbakteriums gesucht. Die Zähne stammten von Ausgrabungen oder aus Museen. In sieben Individuen, die zwischen 2794 and 951 vor Christus gelebt hatten, wurden sie fündig. Die erste historisch belegte Pestepidemie ist nach Forscherangaben die Justinianische Pest, die im Jahr 541 nach Christus in Ägypten begann.

Bakterium war anfangs ungeschützt

Die Wissenschaftler untersuchten anschließend 55 Gene genauer, die für die krankmachenden Eigenschaften des Bakteriums von besonderer Bedeutung sind. So konnten sie die Entwicklung des Bakteriums nachverfolgen. Dabei zeigte sich, dass dem frühen Pesterreger das ymt-Gen fehlte. Das Gen schützt das Bakterium im Darm von Flöhen. Die Forscher nehmen deshalb an, dass das Pestbakterium in der Frühzeit seiner Entwicklung noch nicht über Flöhe verbreitet wurde.

Erst ab dem Jahr 951 vor Christus ist dieses Gen in den untersuchten Pestbakterien nachzuweisen. Es entstand spät und verbreitete sich dann schnell, folgern die Forscher. Somit seien erst die späteren Erreger in der Lage gewesen, die über Flöhe verbreitete Beulenpest hervorzurufen.

Dem Immunsystem entwischen

Darüber hinaus veränderte sich das Erbgut der Erreger nach Angaben der Forscher im Laufe der Jahrhunderte so, dass sie dem Immunsystem ihrer Wirte immer besser entkommen konnten. Mit Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus habe sich der Erreger von einem vergleichsweise harmlosen Bakterium zu einem der tödlichsten Keime verwandelt, auf den die Menschheit je getroffen ist, schreiben die Wissenschaftler. Allein im 14. Jahrhundert hat der Schwarze Tod nach WHO-Angaben schätzungsweise 50 Millionen Menschen das Leben gekostet.

Trotz ihrer vergleichsweise geringeren Gefährlichkeit waren die älteren Pesterreger nach Ansicht der Wissenschaftler möglicherweise für die in Europa und Asien jüngst festgestellten, großräumigen Bevölkerungsbewegungen in der Bronzezeit mitverantwortlich. Die Menschen könnten vor Pestausbrüchen geflüchtet sein oder Gebiete neu besiedelt haben, in denen die Bevölkerung nach einer Epidemie stark dezimiert war.

Bis heute unbesiegt

"Die Studie ändert unsere Sichtweise darauf, wann und wie die Pest die menschlichen Populationen befallen hat und eröffnet neue Möglichkeiten, um die Evolution von Erkrankungen zu studieren", sagte Studienleiter Willerslev.

"Die zugrundeliegenden evolutionären Mechanismen, die die Evolution von Y. pestis ermöglicht haben, sind heute noch wirksam. Und darüber mehr zu erfahren, wird uns helfen zu verstehen, wie künftige Erreger entstehen können oder wie ihre Gefährlichkeit zunimmt", sagt Simon Rasmussen von der Technischen Universität Dänemark in Lyngby, der ebenfalls an der Studie beteiligt war.

Auch heute ist die Pest noch nicht besiegt, obwohl sie - rechtzeitig entdeckt - mit Antibiotika behandelt werden kann. 2013 zählte die Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit 783 Erkrankte, 126 davon starben. Die drei am stärksten betroffenen Länder sind Madagaskar, Kongo und Peru.

science.ORF.at/APA/dpa

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