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Karl Kraus

Der Vorleser Karl Kraus im Internet

Der Schriftsteller Karl Kraus war zu Lebzeiten ebenso berühmt wie von den Zielscheiben seiner Kritik gefürchtet. Der "Vorleser Karl Kraus" ist weniger bekannt. Dabei trug er in Spitzenjahren bis zu 50-mal pro Jahr aus eigenen und fremden Werken öffentlich vor. Diesem Aspekt widmet sich eine neue Biografie, die online publiziert wurde.

Online-Biografie 28.10.2015

"Eigentlich ist es eher Teil einer Anti-Biografie", sagt Katherina Prager, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Wienbibliothek im Rathaus und vom Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 28.10. um 13:55.

Bei dem Dienstagabend an der Wienbibliothek präsentierten Projekt "Karl Kraus Online" gehe es nicht um ein rundes Porträt oder eine neue biografische Interpretation, sondern um einen zeitgemäßen Umgang mit biografischem Material. "Zeitgemäß" heißt: Das Vorbild stammt aus den Sozialen Medien im Internet. User können sowohl Ansichten als auch Inhalte selbst zusammensetzen, sie erscheinen in Form von Listen.

700 Vorlesungen in 40 Städten

Basisdaten sind Programmzettel von rund 700 Vorlesungen, die Kraus zwischen 1910 und 1936 in 40 europäischen Städten gehalten hat – plus einige von "frühen Vorlesungen" davor, als er selbst noch Schauspieler werden wollte und etwa "Die Weber" in Bad Ischl rezitierte. Neben den Programmzetteln gibt es online auch Informationen über die genaue Lokalität der Vorlesung, berühmten Personen im Publikum, Rezensionen und Kostenabrechnungen.

Den Löwenanteil der öffentlichen Auftritte absolvierte Kraus in Wien, und hier wiederum vor allem im Konzerthaus. Der Auftritt vom 18. Oktober 1916 brachte Kraus etwa einen Gewinn von 1.255,20 Kronen: "Kraus hat viel Wert darauf gelegt, dass seine finanziellen Transaktionen ausgewiesen wurden", erklärt Prager. Eine Transparenz, der es vielen (nicht nur) Zeitgenossen mangelte.

Meistens las Kraus bei diesen Vorlesungen aus eigenen Werken vor. "Shakespeare war aber auch durchgehend dabei, in späteren Jahren auch Offenbach", sagt Prager.

Schrill und wild

Die neue Website enthält auch Film- und Tondokumente, die bereits bekannt, aber in neuer Weise verknüpft sind. "Die meisten sind sehr erstaunt, wenn sie Karl Kraus zum ersten Mal hören", meint Prager. "Da ist dieser große Pathos, der schon damals unmodern war. Sein Vorbild waren die alten Burgschauspieler wie Adolf Sonnenthal. Für uns klingt das sehr pathetisch und expressionistisch. Und das ist nicht etwas, das man mit der Satire von Kraus verbindet."

Bestes Beispiel dafür ist das Stück "Die Raben", ein Ausschnitt aus den "Letzten Tagen der Menschheit", in dem Kraus nicht nur schrill vorträgt, sondern auch wild gestikuliert. All das lässt sich auf der neuen Web-"Anti-Biografie" nachlesen, zum Teil auch nachhören und -sehen.

Warum Kraus überhaupt so viel vorgetragen hat? "Zu Beginn hat er sich nicht getraut, aber danach hat es ihm wohl Spaß gemacht", sagt Prager. "Und schließlich konnte er dadurch auch sein Publikum erweitern. Das war finanziell attraktiv, auch wenn er Teile der Einnahmen gespendet hat."

Projekt geht weiter

Das Projekt "Karl Kraus Online" soll in den nächsten Jahren ausgebaut werden. Nach "dem Vorleser" soll dann zwei weiteren Aspekten von Kraus nachgegangen werden: "der Rechtsperson" – mit den Gerichtsakten von zahlreichen Klagen von und gegen ihn – und "dem Herausgeber".

Auch wenn letzterer am bekanntesten erscheint, könnten Kraus-Fans auch daran ihre Freude haben. Denn die Akribie des Sprachtüftlers und -kritikers soll bis 2019 genauso akribisch dargestellt werden: an Fallbeispielen von Texten, die Kraus mehrfach umgeschrieben und korrigiert hat, bis sie die Form erreicht hatten, die er für die Nachwelt angemessen fand.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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