Standort: science.ORF.at / Meldung: "Sauerstoffmoleküle bei "Tschuri" entdeckt"

Nahaufnahme von Tschuri, von Rosetta aus

Sauerstoffmoleküle bei "Tschuri" entdeckt

Astronomen haben in der Gaswolke um den Kometen "Tschuri" Sauerstoffmoleküle entdeckt. Nach herkömmlichen Theorien zur Entstehung des Sonnensystems dürfte es diese dort gar nicht geben. Das Sauerstoffgas muss demnach sehr alt sein und aus der Entstehungszeit stammen.

Rosetta-Mission 29.10.2015

Die unerwartete Entdeckung gelang mit "Rosina", dem Massenspektrometer der Kometensonde "Rosetta". Mit diesem Gerät hatten die Forscher rund um Andre Bieler von der Universität Bern
die chemische Zusammensetzung der Gaswolke untersucht, die sich um den tauenden "Tschuri" bei seinem Anflug auf die Sonne bildete.

Die Studie in "Nature":

"Abundant molecular oxygen in the coma of comet 67P/Churyumov-Gerasimenko" von A. Bieler et al., erschienen am 29. Oktober 2015.

Massenspektrometer "Rosina"

University of Bern

Massenspektrometer "Rosina"

Links:

Überraschenderweise stellte sich molekularer Sauerstoff (O2) mit einem Anteil von 3,8 Prozent als vierthäufigstes Gas in der Kometenatmosphäre heraus, nach Wasser (H2O), Kohlenmonoxid (CO) und Kohlendioxid (CO2). Sauerstoffmoleküle sind auch in unserer Luft enthalten, und wir benötigen sie zum Leben.

Milliarden Jahre "überlebt"

Zuvor hatte "Rosetta" bereits Sauerstoffatome (O) bei "Tschuri" gefunden. Diese entstehen jedoch während des Flugs des Kometen derzeit ständig neu, wenn die ultraviolette Strahlung der Sonne Wassermoleküle aufspaltet, die von "Tschuri" verdampfen. Atomarer Sauerstoff ist in der Erdatmosphäre äußerst reaktiv, kann unter den Bedingungen des Alls aber relativ stabil sein.

Staubfontäne auf "Tschuri"

ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team

Eine Staubfontäne auf der Schattenseite von "Tschuri"

Die Beobachtung von Sauerstoffmolekülen (O2) kam dagegen unerwartet, denn Kometen gelten als eingefrorene Urmaterie aus der Frühzeit des Sonnensystems vor rund 4,5 Milliarden Jahren. Die reaktionsfreudigen Moleküle hätten sich nach Erwartung der Forscher mit dem damals reichlich vorhandenen Wasserstoff zu Wasser verbinden sollen. "Wir hätten niemals gedacht, dass Sauerstoff für Milliarden von Jahren 'überleben' kann, ohne sich mit anderen Substanzen zu verbinden", erläuterte "Rosina"-Projektleiterin Kathrin Altwegg von der Universität Bern.

Urzeitliche Substanz

Zwar wurde molekularer Sauerstoff auch schon bei Monden von Jupiter und Saturn gefunden. Dort bildet er sich jedoch regelmäßig neu durch den Beschuss mit energiereichen Teilchen aus dem Kosmos, wobei Wasser aufgespalten wird. Der kosmische Teilchenhagel trifft auch "Tschuri", dringt aber nur ein paar Meter tief ein.

Der Komet, der mit voller Bezeichnung "67P/Tschurjumow-Gerassimenko" heißt, hat in den vergangenen Jahrzehnten aber mindestens eine 100 Meter dicke Schicht von seiner Oberfläche verloren. Sein reichlich vorhandener Sauerstoff muss daher schon aus der Zeit seiner Entstehung stammen, argumentieren die Forscher.

Am wahrscheinlichsten sei, dass der Sauerstoff sehr früh, schon vor dem Beginn der Entstehung des Sonnensystems im Kometenkern eingefroren sei. "Dieser Hinweis auf Sauerstoff als eine urzeitliche Substanz wird sicherlich einige theoretische Modelle von der Bildung des Sonnensystems infrage stellen", urteilt Altwegg.

science.ORF.at/APA/dpa

Mehr zum Thema: